2. Sonntag nach Weihnachten (3.01.16)

2. Sonntag nach Weihnachten 2016


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
1 Joh 5, 11-13 Sir 24, 1-2.8-12 (1-4.12-16) Eph 1, 3-6.15-18 Joh 1, 1-18

Der zweite Sonntag nach dem Christfest lĂ€sst Licht fallen auf den beginnenden Alltag. „Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit,“ wie es im Wochenspruch heißt (Johannes 1,14b). Zwischen Weihnachten, Neujahr und Epiphanias werden Motive dieser Festtage aufgegriffen. Das Evangelium ist der zwölfjĂ€hrige Jesus im Tempel. Es geht um die Sohnschaft Jesu und darum, wie diese Sohnschaft uns hineinnimmt in die heilsame Beziehung zu Gott.

Nach einer festreichen Zeit fÀllt dieser Gottesdienst in vielen evangelischen Gemeinden, gerade lÀndlichen Regionen aus. Wo er stattfindet, ist ein schlichter Predigtgottesdienst zu erwarten, der die Frage nach der Nachhaltigkeit der weihnachtlichen Erfahrungen und des weihnachtlichen Glaubens stellt, der vielleicht auch die Frage erlaubt, wie nachhaltig unsere Feiertage auch im Blick auf unsere globale Verantwortung waren.

Meditationen um den Predigttext 1 Joh 5, 11-13(-15)

Meditation I: Wer hat, der hat!

Der zweite Vers des Predigttextes knallt rein. Er spricht eine Lebensweisheit, eine Grunderfahrung an: „Wer hat, der hat! Wem es gut geht, der bekommt noch mehr! Wer hat, dem wird gegeben.“ Es ist eine Grunderfahrung, der wir gerne widersprechen wollen. Es ist eine Grunderfahrung, gegen die wir in der Bibel so viel lesen. Gerade im sozialen Bereich: „Brich mit dem Hungrigen dein Brot! Kleide die Nackten! Teile mit den BedĂŒrftigen!“ Die, die nichts haben, sollen beschenkt, bekleidet, gesĂ€ttigt werden.

Und nun: „Wer hat, der hat!“: „Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht!“

Wer hat, der hat. Das bedeutet im Umkehrschluss: Um das Leben zu haben, brauche ich nichts weiter als den Sohn. Keine weiteren materiellen, spirituellen, sozialen Voraussetzungen. Wer den Sohn hat, der hat auch das Leben. Das ist entlastend. Das ist ein Gegenentwurf zum innerweltlichen „Wer hat, der hat!“. Es geht nicht um Lohn fĂŒr eine Leistung oder Vermehrung eines vorzuweisenden Besitzes.

Meditation II: Haben?!

Ich stoße mich an der Formulierung „Wer den Sohn hat...“. Dies klingt besitzergreifend. Wie viel Leid wird verursacht, weil Menschen an ihrem Besitz festhalten, ihren Besitz um jeden Preis verteidigen wollen, sich im Besitz der Wahrheit wĂ€hnen.

Ich sehe hier eine Parallele zum 1. Gebot handelt: „Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Es geht darum, Jesus als Gott zu haben, ihn als Gott zu bekennen. Gott kann man nicht besitzen, ĂŒber Gott kann man nicht verfĂŒgen. Aber wenn man einen Gott hat, kann man keine anderen Götter neben ihm haben. Weltliche BesitzansprĂŒche werden relativiert. Wer Jesus hat, sich auf ihn verlĂ€sst, sich ihm anvertraut, ihn mit beiden HĂ€nden ergreift, der muss Besitz, Überzeugungen, Eitelkeiten loslassen und wird frei fĂŒr das Leben.

Meditation III: Nachhaltiges Leben

„Wer den Sohn hat, der hat das Leben.“. Der Satz ist Indikativ PrĂ€senz. Wer den Sohn hat, hat das Leben jetzt, nicht irgendwann in Zukunft.

Was mit dem Leben gemeint ist, stellt V.13 klar. Es geht um das „ewige Leben“. Das ewige Leben ist das einzig wirklich nachhaltige Leben, denn es vergeht nicht. Der Gedanke an ewiges Leben ruft oft Phantasien eines göttlichen Schlaraffenlandes hervor, das keine Begrenzungen von Ressourcen mehr kennt. Wo verschwenderisch mit allem umgegangen werden kann, weil wir ganz aus Gottes FĂŒlle schöpfen. Doch ich denke, ewiges Leben ist ganz von einem nachhaltigen Lebensstil geprĂ€gt. Mit den Gaben der Schöpfung, mit den BedĂŒrfnissen der Mitmenschen, mit den GefĂŒhlen der Kreatur achtsam, behutsam, sorgsam umgehen – das kennzeichnet ewiges Leben. Es ist Leben ist im Einklang mit mir, Gott und den Mitgeschöpfen.

Doch dieser „nachhaltige Lebensstil“ ist nicht Bedingung fĂŒr das Erlangen des ewigen Lebens, sondern Folge des Vertrauens. Wer den Sohn hat, der hat ewiges Leben. Wer aus dem Glauben an den Sohn lebt, lebt nachhaltig.

Meditation IV: Wirkliches Leben?

„Wer den Sohn hat, der hat das Leben“. Alle, die an Jesus glauben, haben Leben: ewiges Leben, Leben, wie Gott es fĂŒr sie gewollt hat, Leben wie Gott es fĂŒr sie bestimmt hat. Und zwar jetzt und ein fĂŒr alle Mal.

Diese Aussage widerspricht unserer Lebenswirklichkeit:

Das Leben vieler Menschen ist geprĂ€gt von Leid und Hunger, Verlust der WĂŒrde, Verfolgung und Entbehrung. Haben sie Jesus nicht genug? Halten sie nicht genug an ihm fest?

Um dies nicht denken zu mĂŒssen, um – zu Recht - mangelnden Glauben nicht als Ursache des Leidens abzustempeln, wird „Leben“ gern spiritualisiert. Wer Jesus hat, hat Glauben, Liebe, Hoffnung. Die LebensqualitĂ€t hier und jetzt wird nebensĂ€chlich. Aber dies ist billige Vertröstung und geht am Kern vorbei. Wessen elementare BedĂŒrfnisse im Leben nicht erfĂŒllt werden, dem bleibt wenig Raum fĂŒr spirituelle BedĂŒrfnisse. Wer gefangen ist in alltĂ€glichen Ohnmachts- und Leiderfahrungen, fĂŒr den bleibt religiöse Befreiungsrhetorik abstrakt.

Deshalb empfehle, die Verse 14 und 15 zum Predigttext dazu zu nehmen: Hier geht es um konkrete Folgerungen aus dem Glauben: Wer Jesus hat, wer ihm vertraut, kann sich mit allen konkreten Anliegen des Lebens an ihn wenden. Die schließt die GrundbedĂŒrfnisse, materielle und spirituelle Anliegen, die Sicherung von Leben und LebensqualitĂ€t ein. Leben aus dem Vertrauen auf Jesus hat konkrete Auswirkungen auf das Leben im Hier und Jetzt. Ewiges Leben wird dort sichtbar, wo wir uns im Gebet vertrauensvoll an Gott wenden und von ihm empfangen, was er uns zugedacht hat.

Anregungen zu den kath. Texten fĂŒr den 2. Sonntag nach Weihnachten

Eph 1, 3-6.15-18
Den Christus-Hymnus aus dem Epheserbrief kann man ganz geistlich verstehen. Es geht Lobpreis und Dankbarkeit fĂŒr das, was uns durch Christus geschenkt ist: Erlösung, „allen geistlichen Segen im Himmel", Erkenntnis. Der Dank fĂŒr das Geschenk der Gnade auf der einen Seite (V.3-6) ist eng verknĂŒpft mit Gebet und der Hoffnung, die darin grundgelegte Berufung auch anzunehmen und ihr zu entsprechen.
Doch dies ist eingebettet in eine kosmologischen Bezug (V.4): Wenn wir schon vor Beginn der Schöpfung von Gott erwĂ€hlt sind, dann hat die Schöpfung einen Sinn: nĂ€mlich den, diese ErwĂ€hlung sichtbar, spĂŒrbar, erfahrbar zu machen. Dann ist Erlösung nicht etwas, was uns aus dieser Schöpfung herauszieht, sondern die Schöpfung vollendet, uns mit allen anderen Geschöpfen erneuert und befreit. Dies zu erkennen, gebe Gott uns „erleuchtete Augen des Herzens" (V.18).

Joh 1, 1-18
Der Hymnus des Johannes-Evangeliums könnte dualistisch in einem Gegensatz von Gott und Welt, Himmlischen und Irdischen, Licht und Finsternis gelesen werden.
Das Entscheidende an der Erlösung aber ist, dass das Wort Fleisch wird, Gott ganz in diese Welt eingeht.
Fleisch, das ist der Mensch in all seiner Begrenztheit, HinfĂ€lligkeit, AnfĂ€lligkeit fĂŒr Ängste, Krankheiten, Trauer bis hin zur Sterblichkeit.
Fleisch, das ist dann auch die ganze bedrohte Schöpfung, krankende Ökosysteme, zerstörte LebensrĂ€ume, Geschöpfe in all ihrer AnfĂ€lligkeit und Begrenztheit.
Hierin hat die Herrlichkeit Gottes Wohnung genommen.
„Allem Fleisch" wird so die FĂŒlle des Lebens aus der FĂŒlle Gottes zuteil.

Sirach 24, 1-2.8.12
Der dritte Hymnus dieses Sonntags, das Lied der prĂ€-existenten Weisheit bildet religionsgeschichtlich die BrĂŒcke, Jesus analog als prĂ€-existenten Logos im Johannes-Prolog zu begreifen. Weisheit, das ist das wunderbare Wirken Gottes in seiner Schöpfung, seinem Tempel, seinem Volk. Der Gedanke, dass Gottes Weisheit in seiner Schöpfung wirkt, ist Anlass genug, nachhaltig zu predigen.
Alle drei Hymnen zusammen regen an, in diese Zeit nach dem Christfest darĂŒber nachzudenken, dass Erlösung und Leben in FĂŒlle nicht nur uns Menschen sondern der ganzen Schöpfung zuteil werden wird.
Die Hymnen regen aber auch dazu an, dies singend zu gestalten, sich einschwingen, mitzuschwingen und so sich selbst, den Lebensatem und die Gemeinschaft zu spĂŒren. Dies öffnet Kopf und Herz fĂŒr den Gedanken: „Unsere Erlösung nicht ohne die Erlösung der Schöpfung".

Charlotte Weber, Erfurt

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