1. Sonntag nach Weihnachten und Fest der Heiligen Familie (26.12.21)

1. Sonntag nach Weihnachten / Fest der Heiligen Familie

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium

Christfest II: Jes 7, 10-14
1. So. n. Chr.: 1 Joh 1, 1-4

Sir 3, 2-6.12-14 (3-7.14-17a)
oder: 1 Sam 1, 20-22.24-28

Kol 3, 12-21
oder: 1 Joh 3, 1-2.21-24
Lk 2, 41-52

 

Zwei unterschiedliche Schwerpunkte sind an diesem Sonntag in unseren Kirchen zu finden. Auf evangelischer Seite stehen die Folgen von Weihnachten an oberster Stelle, so wie sie die Internetseite www.kirchenjahr-evangelisch.de zum 2. Weihnachtsfeiertag / 1. So. n. Weihnachten beschreibt: „Die Begegnung mit dem Kind in der Krippe kann Menschen verändern. In ihm ist die Hoffnung auf Erlösung erfüllt.“ Das Thema in den katholischen Gottesdiensten ist die „Heilige Familie“.

Allerdings eint die Wirklichkeit dieses Sonntags beide Kirchen. Es ist der Sonntag der Kerngemeinde und der „Erschöpften“, neue Zuhörer*innen werden selten in den Gottesdiensten zu finden sein, es sei denn, es wird musikalisch etwas geboten. Dabei bieten einige der hier genannten Teststellen Anlass zu Diskussionen über aktuelle Themen wie Lebensgestaltung, Gerechtigkeit und fairer Umgang miteinander.


Jes 7, 10-14

Was macht die Menschheit und Gott müde? Der lange Weg der Gerechtigkeit und der Marsch durch die Instanzen. Müsste es angesichts drängender Probleme wie gesellschaftliche Ungleichheit und drohendem Umweltkollaps eine schnellere Gangart zugelegt werden? Gott hat schon einmal die Notbremse gezogen, allerdings anders als es die Welt erwartet hat: Umwertung aller Werte liegt in dem Kind von Bethlehem. Der Retter der Welt kommt als Baby in dieselbe und wächst hinein. Das braucht Zeit. Kann die (Er-) Lösung in der Entschleunigung des höher, schneller, weiter liegen? Wäre tiefer, langsamer und näher, ein neuer Weg (Lieferkette Gottes). Was würde diese Umwertung aller innerweltliche Gepflogenheiten für uns bedeuten? Phantasie ist gefragt bei der Lösung der Probleme im eigenen Leben. Thema Müdigkeit der Menschen: Entdeckung der Langsamkeit und der Entschleunigung [1]. (Anmerkung zu dieser Textstelle: Die Diskussion um „Junge Frau“ und „Jungfrau“ sollte an diesem Tag nur die Theolog*innen interessieren.)


1. Joh 1, 1-4

„Das Wort das Leben bringt“[2], so wird dieser Vers in der Basisbibel überschrieben. Zwei Wörter, die für den Predigtgedanken und das Thema dieser Reihe wichtig sind: Das „Leben“ und die „Verbundenheit“ zu den Menschen und zu Gott. Wie wird für alle Menschen „gutes Leben“ möglich und was kann die weltweite Verbundenheit, die gleichzeitig auch Abhängigkeit bedeutet, dazu beitragen.

Texte zur „Heiligen Familie“ kath. Predigtreihe

Im weitesten Sinne greift das Thema der Familie auch in das Thema Gerechtigkeit und vor allen Dingen Geschlechtergerechtigkeit auf. Die Stellung von Mann und Frau ist besonders in den Texten von Jesus Sirach (Sir 3, 2-6.12-14 (3-7.14-17a)) oder Kolosser 3, 12-21 zu diskutieren. Allerdings sollte das geschehen unter dem Gedanken der Liebe Gottes und von Gal 3, 27 („Da ist nicht Jude noch Grieche, nicht Sklave noch Freier, sondern sie sind alle in Christus“). Zur Diskussion verweise ich auf die Aktion Maria 2.0 „Unsere Vision von einer geschwisterlichen Kirche“ [3].


1 Sam 1, 20-22.24-28

Die Prophetin Hannah bringt ihren 3-jährigen Sohn zu den Priestern in den Tempel und übergibt ihn zur Ausbildung. „Rabenmutter“ ist der erste Gedanke, der zweite ist tiefgehender: An den Enden der Lieferketten arbeiten viele Kinder in Steinbüchen Indiens, auf den Feldern in Lateinamerika und Afrika. Eine richtige Kindheit bleibt ihnen in dieser Welt verwehrt. Außerdem fehlen ihnen der Zugang zur Bildung. Beispiele gibt es genug, s. Projekte: Brot für die Welt und Miserior. Das zu thematisieren, könnte die Geschichte von Hannah und Samuel unter einem anderen und verständlicheren Licht in unserer Gegenwart erscheinen lassen.

Lukas 2, 41-52

Der junge Jesus im Tempel, verzweifelte Eltern. Auch in der Heiligen Familie läuft nicht alles glatt. Der junge Jesus besticht durch Klugheit die Älteren. Im weitesten Sinne zeigen uns junge Menschen wie Greta Thunberg die Gefahren unseres Handelns für die zukünftigen Generationen auf. Kinder sind nicht zu unterschätzen. Vielleicht beginnt aus diesem Grund die neutestamentliche Heilsgeschichte mit einem Kind.

Elke Wedler-Krüger, Freimersheim


[1] Hartmut Rosa: „Beschleunigung und Entfremdung: Entwurf einer kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit“

[2] Basisbibel, das Neue Testament und die Psalmen, Deutsche Bibelgesellschaft, S. 1103

[3] https://www.mariazweipunktnull.de

Unsere Vision von einer geschwisterlichen Kirche

In unserer Kirche, im Morgen,
wird das Wort Jesu nicht nur verkündet sondern auch gelebt.

Wird der Mensch,
jeder so, wie er ist,
geliebt.

Wird getanzt und gelacht und gefeiert.
Wird das Brot geteilt und das Leid.
Wird der Wein geteilt und die Freude.

In dieser Kirche, im Morgen,
siegen Mut und Liebe, Barmherzigkeit und Mitgefühl
über Angst und Machtgier, Ausgrenzung und Selbstmitleid.

In dieser Kirche, im Morgen,
sind
Frau und Mann
Kind und Greis
Homo und Hetero
arm und reich
gebunden und ungebunden
zusammen und allein.

Willkommen an jedem Ort und willkommen in jeder Berufung.
Willkommen als lebendiger Widerschein von Gottes liebendem Blick.

Andrea Voß-Frick