2. Adventsonntag (9.12.12)

2. Advent 2012

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath 2. Lesung kath. Evangelium
Jes 35, 3-10 Bar 5, 1-9 Phil 1, 4-6.8-11 Lk 3, 1-6

Die Autorin geht auf alle Bibelstellen des Sonntags ein. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Vision einer heilen Welt macht Mut (Jes 35); der Mensch ist nicht Ma├č aller Dinge (Bar 5); beurteilen k├Ânnen, worauf es wirklich ankommt (Phil 1); die "Herren der Welt" sollen uns nicht einsch├╝chtern k├Ânnen, denn unser "Herr" kommt (Lk 3)


Stellung im Kirchenjahr

Am 2. Sonntag im Advent geht es thematisch um das Warten auf die verhei├čene Erl├Âsung. Der Wochenspruch macht das deutlich: "Seht auf und erhebt eure H├Ąupter, weil sich eure Erl├Âsung naht". (Lk 21, 28) ebenso wie das Wochenlied: "Ihr lieben Christen, freut euch nun" (EG 6). Der Advent hat f├╝r mich ein ganz eigene Stimmung, voller Erwartung, Hoffnung und Neuanfang. Der 2. Advent ist noch weit genug von Weihnachten entfernt und vielleicht nicht mehr ganz so arbeits├╝berlastet wie das erste Adventswochenende und kann dadurch hoffentlich besser zur Einkehr genutzt werden.

 

Jes 35, (1-2)3-10:

Exegetische ├ťberlegungen
Die Jesaja-Forschung befindet sich seit einiger Zeit in einem spannenden Umbruch. Die klassische strenge Dreiteilung in vorexilisch (Protojes 1-39), exilisch (Deuterojes 40-55) und nachexilisch (Tritojes, 56-66) muss heute stark angezweifelt werden. Es gibt unterschiedliche Schichten und Texte aus verschiedenen Zeiten, aber das Buch Jesaja will wohl als Ganzes gelesen werden.
Die vorgeschlagene Perikope steht zwischen der Androhung von Gottes Strafgericht (Kapitel 34) und der Auseinandersetzung mit anderen Glaubensformen (Kapitel 36). Eine gro├če Herausforderung finde ich immer wieder neu die Frage, wie wir die Texte als j├╝dische Prophetie ernst nehmen k├Ânnen und sie doch gleichzeitig in der Adventszeit als Hinweise auf den kommenden Messias Jesus Christus deuten sollen.
Auf jeden Fall w├╝rde ich die Verse 1 und 2 zum Predigttext dazu nehmen. Sie leiten f├╝r mich unverzichtbar in diese wundersch├Âne Vision einer neuen Welt ein.

Predigtimpulse
Namaqualand im Nordwesten von S├╝dafrika lockt jedes Jahr im Fr├╝hling mit einem grandiosen Naturschauspiel viele Menschen an. Da verwandelt sich die sonst sehr unwirtliche, karge W├╝stenlandschaft in ein riesiges wundersch├Ânes Bl├╝tenmeer. Die W├╝ste lebt also tats├Ąchlich! Jesajas Bild, das f├╝r die Menschen in Israel sehr nah war, k├Ânnen wir uns in unserer Fantasie auch gut ausmalen. Diese Vision von einer heilen Welt, in der Gott den Weg ebnet f├╝r die Menschen, soll Mut machen. Jesajas Prophezeiung ist f├╝r uns Christen und Christinnen in Jesus wahr geworden. In Jesus ist sichtbar geworden, welche Pl├Ąne Gott f├╝r uns Menschen hat. Menschen haben ihn als von Gott gesandt erfahren. F├╝r das Leben vieler Menschen hat Jesus Genesung und Heil bedeutet. Nicht nur f├╝r die Menschen seiner Zeit, sondern auch sp├Ąter noch f├╝r ungez├Ąhlte Menschen. Auch heute k├Ânnen wir das noch erfahren, wenn wir probieren Jesus nachzufolgen und an Gott glauben. Jesus kann auch uns Genesung und Heil geben. Gott will die W├╝ste in unserem Leben zum Bl├╝hen bringen.

Bezug zur Nachhaltigkeit
Bei allem, was wir sehen, wo Abhilfe und Ver├Ąnderung n├Âtig ist, sehnen wir uns doch danach, dass alles zu einem guten Ende f├╝hren wird. Klimawandel und Artensterben, drohende Versteppung machen uns Sorgen. Diese Vision einer heilen Welt spricht uns auf einer emotionalen Ebene an und kann uns dadurch Mut machen und Kraft geben, die Hoffnung nicht aufzugeben, sondern uns weiterhin zu engagieren.

 


Bar 5, 1-9:

Exegetische ├ťberlegungen
Das Baruchbuch geh├Ârte f├╝r Luther zu den Apokryphen und ist in der evangelischen Bibel nicht vorhanden. Die katholischen Bibelausgaben behandeln das Baruchbuch als Teil der deuterokanonischen, griechischsprachigen Schriften des Alten Testamentes und ordnen Baruch nach den Klageliedern Jeremias ein, da Baruch im Jeremiabuch als Schreiber Jeremias eingef├╝hrt wird. Das Baruchbuch hat einen klaren Aufbau mit einer aussagekr├Ąftigen Erz├Ąhlstruktur. In Babylonien, zur Zeit der Zerst├Ârung Jerusalems, liest Baruch der gut organisierten jud├Ąischen Exilsgemeinde, der auch Mitglieder des K├Ânigshauses angeh├Âren, sein Buch vor. Daraufhin brechen die Zuh├Ârenden in Weinen und Klagen aus, veranstalten eine Kollekte und schicken den Erl├Âs nach Jerusalem. Die Perikope steht im Zusammenhang einer Rede (Bar 4,5 - 5,9), die der Stadt Jerusalem Mut zusprechen soll.

Predigtimpulse
Eines Tages wird Gott alles Elend beenden, Freude wird herrschen statt Trauer, die Gerechtigkeit soll siegen. Wir sollen nicht den Mut verlieren. Denn in Jesus Christus wurde es deutlich, dass Gott Gutes vorhat mit den Menschen.

Bezug zur Nachhaltigkeit
Gerechtigkeit und Gottesfurcht geh├Âren zusammen. Der Mensch ist nicht das Ma├č aller Dinge. Wer Gott als eine h├Âhere Instanz anerkennt, kann nicht akzeptieren, dass sich in vielem, was bei uns passiert, alles nur um den Menschen dreht. Und da auch nur um ganz bestimmte herausgehobene. Gottesfurcht bedeutet f├╝r mich, dass wir alle Lebewesen als Gesch├Âpfe Gottes respektieren und tun was in unserer Macht steht, um allen gerechte Lebenschancen zu erm├Âglichen, Menschen in allen Teilen der Welt und in allen Schichten, sowie Tiere und Pflanzen.

 

Phil 1, 3-6.8-11:

Exegetische ├ťberlegungen
Bei dieser Perikope handelt es sich um das Pro├Âmium des Briefes an die Gemeinde in Philippi, sie ist also eine stilgerechte Einleitung des Briefes. Dieses Pro├Âmium ist recht ausf├╝hrlich und herzlich, was darauf schlie├čen l├Ąsst, dass Paulus eine gute Beziehung zu dieser Gemeinde hatte.
Das Pro├Âmium l├Ąsst sich in drei Abschnitte gliedern: 1, 3-6: Dankgebet f├╝r die Gemeinde (Vers 3 geh├Ârt m.E. untrennbar dazu!), 1,7-8 pers├Ânliche Verbundenheit und 1, 9-11 F├╝rbitte f├╝r die Gemeinde.
Paulus beginnt seinen Dank an Gott mit Wortspielen, die darauf hinauslaufen, dass er sagt: jedes Mal, wenn ich an euch denke, danke ich Gott f├╝r euch alle mit Freude. Diese Freude ist wohl eher als eschatologische, heilige Freude gemeint. Grund der Freude ist die Gemeinschaft mit dem Evangelium. In der F├╝rbitte bittet Paulus darum, dass die Liebe der Gemeinde, die sich sozial auswirkt (agape) reicher an intellektueller Erkenntnis (epignosis) und Taktgef├╝hl (aisthesis) werden soll, damit die Gemeinde das jeweils moralisch Sinnvolle tun kann.

Predigtimpulse
Der Gedanke, Gott f├╝r Mitglieder der Gemeinde zu danken, ist ein interessanter und lohnender Ansatz. Vermutlich w├╝rden den meisten von uns viel schneller Situationen einfallen, wo wir uns ├╝ber "die liebe Gemeinde" ge├Ąrgert haben, wo Mitarbeitende gefehlt haben, zu wenig Engagement erkennbar war oder uns das N├Ârgeln mancher Menschen verletzt hat.
In der Predigt k├Ânnte ├╝ber das Verbindende unserer Gemeinschaft nachgedacht werden und dar├╝ber, wer uns in der Gemeinde am Herzen liegt und f├╝r wen wir beten k├Ânnten. Wie kann unsere Grundhaltung anderen und unserer Umwelt gegen├╝ber reicher an Einsicht und Verst├Ąndnis werden?

Bezug zur Nachhaltigkeit
Um beurteilen zu k├Ânnen, worauf es wirklich ankommt, brauchen wir die entsprechenden Voraussetzungen. Das Wissen um die Liebe Gottes und die Geborgenheit in einer Gemeinschaft k├Ânnen uns Kraft geben uns einzusetzen f├╝r das, was wirklich wichtig ist f├╝r unser Leben und f├╝r unsere Welt. Liebe, die reich an Einsicht und Verst├Ąndnis ist, muss sich ├Ąu├čern in einem Verhalten, das Ressourcen schont, Konsum in Grenzen h├Ąlt und Gerechtigkeit f├╝r alle will.

 


Lk 3, 1-6:

Exegetische ├ťberlegungen
Mit dem 3. Kapitel wechselt der Blickwinkel des Lukasevangeliums. Nach der Geburts- und Kindheitsgeschichte Jesu wird der Augenmerk nun auf einen anderen wichtigen Zeitgenossen gerichtet, der den Weg f├╝r den kommenden Messias ebenen soll. Lukas f├╝gt das heilsgeschichtliche Ereignis, das f├╝r ihn die "Mitte der Zeit" bedeutet, in den weltlichen Kalender ein und zeigt damit, dass f├╝r ihn die Menschen der r├Âmischen Weltmacht nicht bedingungslos ausgeliefert sind. Gott hat der r├Âmischen Macht etwas entgegen zu setzen und das k├╝ndigt sich in der Predigt des Johannes an. Der gr├Â├čere Textzusammenhang erstreckt sich bis Vers 22. Im vorliegenden Abschnitt (1-6) geht es um die Berufung und den Auftrag des Johannes.


Predigtimpulse

Wo sind die Propheten und Prophetinnen unserer Tage, die deuten, die warnen, die sagen, was ist, und wie es sein soll? Wer erkennt die Zeichen der Zeit und begibt sich auf den richtigen Weg, ├Ąndert Sinn und Verhalten? Wo sind die Boten und Botinnen Gottes, die erleuchtet sind von der Liebe Gottes, die Zeichen setzen und Geschichte machen? Wo sind die Menschen, die sich querlegen und anlegen, die sich einsetzen und anders leben?

Bezug zur Nachhaltigkeit
Heute gibt es keine einzelne Gro├čmacht mehr, die die Welt in Angst und Schrecken versetzt wie damals das r├Âmische Reich. Heute herrschen Gro├čkonzerne ├╝ber die Erde und haben die Macht, die Erde auszubeuten, Wasser zu privatisieren, Regenw├Ąlder abzuholzen, Menschen und Tiere aus ihrem Lebensraum zu vertreiben. Das macht Angst! Diese Angst soll uns aber nicht l├Ąhmen k├Ânnen, sondern die Vision von Gottes neuer Welt, vom Heil, f├╝r das der Weg geebnet wird, kann uns Hoffnung geben und Mut machen uns weiter einzusetzen f├╝r eine gerechte Verteilung der G├╝ter. Die "Herren der Welt" sollen uns nicht einsch├╝chtern k├Ânnen, denn unser "Herr" kommt und darauf leben wir zu im Advent.

Martina Horak-Werz