Reminiszere / 2. Fastensonntag (21.02.2016)

Reminiszere / 2. Fastensonntag


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Röm 5, 1-5 (6-11) Gen 15, 5-12.17-18 Phil 3, 17 - 4, 1 oder
Phil 3, 20 - 4, 1
Lk 9, 28b-36

 

Predigtsituation - Kirchenjahreszeit

Der Sonntag Reminiscere ist der 2. Sonntag der Passionszeit. Sein Name leitet sich von Psalm 25,6 ab: „Denk an Dein Erbarmen, Herr“, lateinisch „Reminiscere miserationum tuarum“. Seit einigen Jahren ist der Sonntag Reminiscere EKD-weit der Sonntag der FĂŒrbitte fĂŒr bedrĂ€ngte und verfolgte Christinnen und Christen. So beschloss die Synode der EKD 2008 in Bremen: „Das weltweite Leiden von Christen beim Namen zu nennen, ist eine wichtige Aufgabe der Kirche.“

 

Römer 5,1-5 (6-11)

Exegetische Überlegungen

Paulus hat in den vorangegangenen Kapiteln des Briefes an die Gemeinde in Rom argumentiert, dass Gottes Gnade auch den Völkern gelte, nicht allein dem Volk Israel. Er fĂŒhrt aus, dass Gottes Rechtfertigung unabhĂ€ngig von der religiösen Praxis der Tora erfolge und auch die Völker einbeziehe, und dass Abraham der Vater auch der nicht-jĂŒdischen GlĂ€ubigen sei. Die BegrĂŒndung liegt im Tod und der Auferweckung Jesu Christi. Dabei versteht er die Auferstehung nicht als eine RĂŒckkehr ins irdische Leben, sondern als Beginn der neuen Weltzeit, als neue Schöpfung Gottes. Diese neue Endzeit ist in der Hoffnung schon gegenwĂ€rtig.[i] Zentral ist gleich die erste Aussage: „Weil wir nun aufgrund von Treue und Vertrauen gerechtfertigt worden sind, haben wir mit Gott Frieden durch Jesus, unseren Herrn, den Gesalbten.“ Friede mit Gott ist das wichtigste Merkmal der kommenden Zeit der Hoffnung. Aus dieser Perspektive werden die aktuellen bedrĂ€ngenden Erfahrungen interpretiert. Sie stehen nicht im Widerspruch zum Reich Gottes, sondern bewirken gerade unter dem Blick der Hoffnung wieder neue Hoffnung.

Nachhaltigkeitsbezug

Gewiss lassen sich die von Paulus beschriebenen BedrĂ€ngnisse und BedrĂŒckungen im Hinblick auf Nachhaltigkeit hin aktualisieren – so ist doch das heutige Leiden an der Zerstörung und Ausbeutung natĂŒrlicher Ressourcen oder an den Folgen des Klimawandels bedrĂ€ngend.

Predigtgedanken

Die Predigt sollte nicht ĂŒberfrachtet werden. Die Predigerin sollte sich entscheiden, ob sie den Text auf Nachhaltigkeit hin interpretieren möchte oder dem Vorschlag der EKD folgt, ihn im Hinblick auf bedrĂ€ngte und verfolgte Christen auszulegen. In jedem Fall gilt es, die von Paulus thematisierten BedrĂŒckungen im heutigen Licht zu interpretieren und zu fragen, welchen Verfolgungen und Anfeindungen Christinnen und Christen heute weltweit ausgesetzt sind.

 

Genesis 15,5-12.17-18

Exegetische Überlegungen

Der Text beschreibt den Bundesschluss Gottes mit Abram, gipfelnd in Gottes Zusage auf zahlreiche Nachkommen und der Landgabe „von dem Strom Ägyptens bis an den großen Strom Euphrat“.

Nachhaltigkeitsbezug

Der Text gipfelt in der Zusage Gottes auf Land, das den Nachkommen gegeben wird. In doppelter Hinsicht hat der Text mit Nachhaltigkeit zu tun: Nicht Abram selbst wird das Land zugesagt, sondern seinen Nachkommen.

Das Versprechen einer reichen Nachkommenschaft hat einen starken Bezug zur Schöpfungsverantwortung: Das fruchtbare Land gehört den Menschen nicht als Eigentum, sondern es ist eine Gabe Gottes. Es ist den Menschen anvertraut, nicht um es rĂŒcksichtslos auszubeuten, sondern um es fĂŒr die Nachkommen zu bewahren, es nachhaltig zu bewirtschaften, so dass noch viele Generationen von Menschen gut auf und von diesem Land leben können. Und: Es ist das Zweistromland, das Land zwischen Nil und Euphrat. Das Land wird durch das Wasser definiert, von dem ihm die Fruchtbarkeit zukommt. Nicht nur das Land, auch das Wasser muss verantwortlich genutzt werden, sodass es den zukĂŒnftigen Generationen zur VerfĂŒgung steht.

Predigtgedanken

Es bietet sich an, in der Predigt auf das Ökumenische Wassernetzwerk einzugehen, das von christlichen Organisationen (u.a. Brot fĂŒr die Welt) gegrĂŒndet wurde, um ein christliches Zeugnis in die Debatte ĂŒber Wasser einzubringen, um innerhalb der Kirchen das Bewusstsein fĂŒr die Dringlichkeit des Problems zu schĂ€rfen und um gemeinsames Handeln zu ermöglichen. Seit einigen Jahren lĂ€dt das Netzwerk Christinnen und Christen weltweit in der Passionszeit dazu ein, sich an der Fastenaktion „Sieben Wochen im Zeichen des Wassers“ zu beteiligen (https://water.oikoumene.org/de/whatwedo/seven-weeks-for-water/2015 ).

Auch Papst Franziskus betont, dass die Erde den kommenden Generationen erhalten werden muss. Er fĂŒhrt in seiner Enzyklika „Laudato Si“ aus: „Jede Gemeinschaft darf von der Erde das nehmen, was sie zu ihrem Überleben braucht, hat aber auch die Pflicht, sie zu schĂŒtzen und das Fortbestehen ihrer Frucht­barkeit fĂŒr die kommenden Generationen zu ge­wĂ€hrleisten. Denn »dem Herrn gehört die Erde« (Ps 24,1), ihm gehört letztlich »die Erde und al­les, was auf ihr lebt« (Dtn 10,14). Darum lehnt Gott jeden Anspruch auf absolutes Eigentum ab: »Das Land darf nicht endgĂŒltig verkauft wer­den; denn das Land gehört mir, und ihr seid nur Fremde und HalbbĂŒrger bei mir« (Lev 25,23).“[ii]

 

Philipper 3,17-4,1

Exegetische Überlegungen

Paulus kommt in dieser Perikope zum Ziel seines Briefes an die Gemeinde in Philippi: Er fordert die Gemeinde zur Nachfolge auf und gibt seiner Hoffnung auf die baldige Wiederkunft Christi Ausdruck: „Unser BĂŒrgerrecht aber ist im Himmel; woher wir auch erwarten den Heiland, den Herrn Jesus Christus.“

 

Lukas 9,28b-36

Exegetische Überlegungen

Die ErzĂ€hlung von der VerklĂ€rung Jesu auf dem Berg: Jesus wird hier in eine Reihe mit Mose und Elia gestellt. Auf dem Berg wird er in ein helles Licht, das Taborlicht, gehĂŒllt. Am Ende erfolgt die Proklamation als Sohn Gottes durch die göttliche Stimme: „Dieser ist mein auserwĂ€hlter Sohn; den sollt ihr hören!“ Gerade der zweite Satzteil ist ein Aufruf zur Nachfolge. WĂ€hrend Petrus den Wunsch hat, auf dem Berg HĂŒtten zu bauen und dort zu bleiben, fĂŒhrt der Weg im Gegenteil wieder in die Welt zurĂŒck, in die konsequente Nachfolge Jesu.

Nachhaltigkeitsbezug

Beide Texte, Philipper 3 und Lukas 9, sind im Hinblick auf das VerhĂ€ltnis von Jenseitsorientierung und Diesseitsengagement zu diskutieren. Beide Texte könnten dahingehend missverstanden werden als vertrĂ€ten sie eine weltabgewandte Theologie, fĂŒr die Weltverantwortung keine Rolle spiele. Dagegen ist zu fragen, welchen Einfluss die geschilderte intensive Transzendenzerfahrung in beiden Texten, die Parusienaherwartung des Paulus im Philipperbrief sowie die VerklĂ€rung Jesu im Lukas-Evangelium, fĂŒr das Welt-VerstĂ€ndnis der Adressaten hat. In beiden Texten wird deutlich, dass die Erfahrung von VerklĂ€rung, von Transzendenz, nicht zur Weltabgewandtheit fĂŒhrt, sondern zu entschiedener Nachfolge und zur Wahrnehmung von Verantwortung in der Welt. So folgt auf die VerklĂ€rungsgeschichte unmittelbar ein Heilungswunder. Hier hat auch das Engagement fĂŒr Nachhaltigkeit seinen Ort: Es wird motiviert und bekrĂ€ftigt durch die BerĂŒhrung mit dem Heiligen.

Predigtgedanken

Der Text von der VerklĂ€rung Jesu spielt in der orthodoxen Kirche eine zentrale Rolle. Zugleich ist der Ökumenische Patriarch BartholomĂ€us einer der entschlossensten KĂ€mpfer fĂŒr die Bewahrung der Schöpfung, vor allem gegen den Klimawandel. Auf ihn geht die Anregung zurĂŒck, jĂ€hrlich weltweit einen ökumenischen Tag der Schöpfung zu feiern. Der Text bietet sich an, hier eine BrĂŒcke zu schlagen und auch das orthodoxe Engagement fĂŒr Nachhaltigkeit zu erwĂ€hnen. Vonseiten der katholischen Kirche ist insbesondere die bereits erwĂ€hnte Enzyklika „Laudato Si“ zu erwĂ€hnen, wo es heißt: „Das Neue Testament spricht zu uns nicht nur vom irdischen Jesus und seiner so konkreten und liebevollen Beziehung zur Welt. Es zeigt ihn auch als den Auferstandenen und Verherrlichten, der mit seiner allumfassenden Herrschaft in der ge­samten Schöpfung gegenwĂ€rtig ist. [
] Das versetzt uns ans Ende der Zeiten, wenn der Sohn dem Vater alles ĂŒbergibt und Gott alles in allem ist [
]. Auf diese Weise erscheinen uns die Geschöpfe dieser Welt nicht mehr als eine bloß natĂŒrliche Wirklichkeit, denn geheimnisvoll umschließt sie der Auferstandene und richtet sie auf eine Bestimmung der FĂŒlle aus. Die gleichen Blumen des Feldes und die Vögel, die er mit seinen menschlichen Augen voll Bewunderung betrachtete, sind jetzt erfĂŒllt von seiner strahlenden Gegenwart.“[iii]

Es legt sich nahe, auf dieser Basis das ökumenische Engagement auch der Geschwisterkirchen fĂŒr die Bewahrung der Schöpfung in der Predigt mit einzubeziehen.

Heike Koch, Bielefeld


[i] Zu diesem Abschnitt siehe Klaus Wengst, „Freut euch, ihr Völker, mit Gottes Volk!“ Israel und die Völker als Thema des Paulus – ein Gang durch den Römerbrief, Stuttgart 2008, 220f.
[ii] Papst Franziskus, Enzyklika „Laudato Si“ 67, Juni 2015.
[iii] A.a.O., 100.

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