21. Sonntag nach Trinitatis / 30. Sonntag im Jahreskreis (24.10.21)

21. Sonntag nach Trinitatis / 30. Sonntag im Jahreskreis

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Mt 10,34-39 Jer 31, 7-9 Hebr 5, 1-6 Mk 10, 46-52

 

Mt 10, 34-39

Dieser Text ist irritierend; vor allem fĂŒr diejenigen von uns, die sich der christlichen Friedensbewegung zugehörig fĂŒhlen und das Evangelium als Aufruf zu gewaltfreiem Handeln verstehen. Hier sagt Jesus „Ich bin gekommen, das Schwert zu bringen“. Aber im Garten Gethsemane sagt er auch: „Steck dein Schwert in die Scheide.“ – Was nun?

Es gibt tatsĂ€chlich einen Frieden, den Jesus nicht will. Jesus will nicht, dass wir schweigen „um des lieben Friedens willen“, wenn in unserem Bekanntenkreis oder sogar in der Familie rechtsradikale Meinungen geĂ€ußert werden; wenn die Interessen der deutschen Wirtschaft ĂŒber die Einhaltung der Menschenrechte in anderen LĂ€ndern gestellt werden; wenn die Bedrohung durch den Klimawandel geleugnet wird.

Jesus hat damals schon geahnt, dass die VerkĂŒndigung des Evangeliums nicht ĂŒberall auf Zustimmung stoßen wird. Umso mehr musste MatthĂ€us, der Jude, der zum Christen wurde, darunter leiden, dass ihn sein Bekenntnis zu Jesus von seiner ursprĂŒnglichen Religionsgemeinschaft entfernt hatte, ja vielleicht auch von der – nach wie vor jĂŒdischen – Familie. Vielleicht hat er selbst mit seiner Entscheidung fĂŒr Jesus Zwietracht in seine eigene Familie gebracht.

Wenn wir in unseren Kirchengemeinden beginnen, ein „Mehr“ an christlichen Engagement zu fordern, stoßen wir auch oft auf UnverstĂ€ndnis: das beginnt bei der Diskussion um fair gehandelten Kaffee beim Pfarrfest, ĂŒber die Diskussion um Investitionen in Klimaschutzmaßnahmen und endet bei der Frage, ob die Gemeinde dem BĂŒndnis fĂŒr ein Verbot der Atomwaffen beitritt. Das sind alles Maßnahmen, die dem biblischen Friedensbegriffs „Shalom“entsprechen und doch erst einmal zu Uneinigkeit fĂŒhren.

FĂŒr uns mag das eine Störung unserer „heilen Welt“ sein – fĂŒr viele wird das Engagement fĂŒr Frieden, Gerechtigkeit und Schöpfungsverantwortung zu einer echten Bedrohung des eigenen Lebens: als Kriegsdienstverweigerer in totalitĂ€ren Staaten, als Umweltaktivistin, die den Regenwald gegen die Interessen der Großgrundbesitzer verteidigt, als Minenarbeiter, der die Menschenrechtsverletzungen beim Coltan-Abbau anklagt.

Jesus ruft uns – damals und heute – in die Entscheidung: wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert!

Mk 10, 46-52

Dieser Text des Propheten Jeremia ist ungewohnt fĂŒr die Kenner seiner Botschaft. Jeremia ist DER Unheilsprophet, der das sogenannte Babylonische Exil voraussagt.

Das Unheil der Eroberung durch das Babylonische Großreich trifft Israel jedoch nicht unerwartet. Voraus geht der innere Zerfall der Gesellschaft, die Jeremia unermĂŒdlich anmahnt: Es herrschen Lug und Trug, die einen bereichern sich auf Kosten der anderen, die Familien zerfallen, die Herrschenden kĂŒmmern sich nicht um die Nöte des Volkes. Besonders hart kritisiert Jeremia, dass alle den Tempel als Garant des Schutzes durch Gott betrachten. Jeremia beschreibt das drohende Unheil in drastischen Bildern: Israel wird zerbrochen wie ein Tonkrug, den niemand mehr zusammensetzen kann.

Trotz der harschen Kritik ist Jeremia mit dem Volk Israel solidarisch und begleitet es ins Exil, wo sich seine Spuren verlieren – jedoch nicht, ohne auch Worte der Hoffnung zu sprechen:

Das Exil wird ein Ende haben. Sie Verschleppten werden heimkehren und sie werden ein fruchtbares Land bekommen. Vorher jedoch steht die Erkenntnis der Schuld: „weinend kommen sie“.

Wie unsere heutigen Mahner wird Jeremia nicht gehört. Israel lĂ€uft sehenden Auges in die Katastrophe. Auch die drohende Klimakatastrophe kĂŒndigt sich an: in tropischen LĂ€ndern verstĂ€rken sich DĂŒrren und Überschwemmungen; Taifune werden stĂ€rker und Ă€ndern ihre Bahn; die Winter in Sibirien werden immer wĂ€rmer; Alpengletscher verkleinern sich.

Berechnungen zeigen, dass die Arktis 2100 im Sommer eisfrei sein wird; auf Computer-Simulationen kann man sehen, welche KĂŒstengebiete und Inseln beim Anstieg des Meeresspiegels verschwinden.

Das Alte Testament erwĂ€hnt immer wieder die gesellschaftlichen Risikogruppen: Blinde, Lahme, Witwen, Waisen, „Fremde“ (Nicht-Juden), Kranke, Arme, bei Jeremia auch Schwangere und Wöchnerinnen. Das sind die Menschen, die des besonderen Schutzes bedĂŒrfen. Sie sind auch bei Jesus eine wichtige Zielgruppe seines Handelns: er heilt Blinde, lĂ€sst Lahme wieder gehen, hilft sogar den „Fremden“, verkĂŒndet gerade diesen Menschen das Reich Gottes.

In der Corona-Krise 2020 haben wir gelernt, dass unsere Risikogruppen geschĂŒtzt werden mĂŒssen: Alte, Menschen mit (Lungen-)Vorerkrankungen. DafĂŒr haben wir zum Teil drastische Einschnitte in unsere Lebensgewohnheiten vorgenommen. Große wirtschaftliche Verluste wurden in Kauf genommen, um den Kollaps des Gesundheitssystems zu verhindern. Dazu haben uns die teilweise dramatischen Bilder aus anderen LĂ€ndern v.a. Italien und Spanien bewegt.

Im Vergleich dazu sind die Reaktionen auf die Klimakrise langwierig, mit langen Verhandlungen und vielen RĂŒcksichtnahmen. Dabei wĂ€ren die Bilder Ă€hnlich dramatisch wie die von ĂŒberfĂŒllten KrankenhĂ€usern. Nur dieses Mal sind die Risikogruppen weiter weg: heute leiden vornehmlich Menschen im globalen SĂŒden an den Folgen des Klimawandels, bei uns werden es die Kinder und Enkel sein.

Bei Jeremia wollten die Menschen seine dramatischen Zukunftsvisionen nicht sehen. Sich mit den Auswirkungen des Klimawandels zu konfrontieren, schmerzt. Um seine Folgen zu bekÀmpfen, brauchen wir mehr als einen zeitlich begrenzten Lock-Down mit der Hoffnung, dass danach alles wie vorher weiter geht.

Da könnte uns BartimĂ€us weiter helfen. Wir erfahren nicht, warum er blind war und wie Jesus ihn heilen konnte. Aber wir erfahren, was der Auslöser war: BartimĂ€us formuliert selbst seinen Wunsch: Ich möchte sehen können! Ja, der ganze Heilungsprozess geht auf seine Initiative zurĂŒck: ZunĂ€chst ruft er nach Jesus und lĂ€sst sich nicht zum Schweigen bringen. Das erfordert großen Mut, den Jesus aber honoriert.

Auch wir brauchen heute den Mut, unsere eigene Blindheit abzulegen. Wir mĂŒssen es wagen, uns mit den drĂ€ngenden Frage der heutigen Zeit zu konfrontieren: Dem T-Shirt fĂŒr 3,- Euro sieht man nicht an, wieviel Wasser fĂŒr die Herstellung verbraucht wurde, wie viele Pestizide auf die Baumwolle gesprĂŒht wurde, mit welchen Chemikalien es behandelt wurde und wie wenig die NĂ€herin daran verdient hat. Auf dem Handy ist nicht zu sehen, wie die Rohstoffe aus den Minen geholt werden und wieviel Energie fĂŒr seine Herstellung verbraucht wurde. Aber wir haben heute Instrumente, mit denen wir diese Fragen darstellen können (z.B. den sogenannten ökologischen Rucksack, der erlĂ€utert, wieviel „Natur“ fĂŒr die Herstellung eines Produkts verbraucht wurde).

Wir sollten als Christen den Mut aufbringen, unsere eigenen „blinden Flecken“ zu erkennen. Ein erster Schritt ist dann, den eigenen Konsum zu Ă€ndern. Genauso wichtig ist es jedoch, fĂŒr politische Vorgaben einzutreten, die den Klimawandel und ungerechte Welthandelsstrukturen bekĂ€mpfen. VerĂ€nderungen sind möglich und nötig – wir haben keinen zweiten Planeten, auf dem wir ins Exil gehen können.

Dr. Monika Bossung-Winkler, Böhl-Iggelheim