30.o6.24 – 5. Sonntag nach Trinitatis / 13. Sonntag im Jahreskreis

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
2. Kor (11,18.23b-30); 12,1-10 Weish 1, 13-15; 2, 23-24 2 Kor 8, 7.9.13-15 Mk 5, 21-43

Ev. Predigttext: II. Kor 12,1-10

Welche Menschen braucht diese Welt? Oder welche Menschen brauchen wir, um diese Welt zu einem besseren Ort zu machen? Im Rahmen einer Bildung fĂŒr nachhaltige Entwicklung spricht man von Tugenden wie EmpathiefĂ€higkeit, die FĂ€higkeit, an kollektiven Entscheidungsprozessen teilzunehmen, eine gute RisikoabschĂ€tzung, Weltoffenheit und vorausschauendes Planen und so manches mehr.

Im alten Bericht aus dem griechischen Korinth wird man noch auf etwas anderes gestoßen: Paulus schreibt an die Mitglieder der christlichen Gemeinde u.a., weil nach einem Besuch des Paulus in der Metropole andere Missionare vorbeigeschaut haben; diese Missionare haben Dinge des Evangeliums in eigener Weise geschildert und sie setzten sich von Paulus ab. Die sich anbietenden Alternativen konnten Eindruck machen, die anderen Missionare redeten ĂŒberzeugend und strotzten vor VitalitĂ€t.

Paulus konnte auf diesem Gebiet wohl nicht sehr viel vorweisen: Paulus soll gut schreiben können, aber seine Rede ist „klĂ€glich“ (10,10). Paulus scheint auch deutlich gesundheitlich angeschlagen, er redet von einem „Pfahl im Fleisch“ (12,7). Die Lage ist also schlecht fĂŒr Paulus. Wie kann er sich daraus befreien?

Das eine ist Temperament und Ironie, ja vielleicht sogar ein kleiner Sarkasmus. Die anderen stellen sich selbst Empfehlungen aus und verbringen viel Zeit damit, sich auf die Schulter zu klopfen. Sie sind sehr begeistert von sich, die „Überapostel“, wie Paulus spottet.

Paulus könnte sich auch eine rote Pappnase aufsetzen und den Narren machen, den hemmungslosen Angeber und starken Mann, den die Welt sehen will. Z.B. hat er mal ein EntrĂŒckungserlebnis gehabt, so beschreibt Paulus es distanziert von sich in der dritten Person. Unaussprechliche Worte habe er dort – in den Himmel versetzt – gehört. Es ist natĂŒrlich eine super Sache, wenn man so etwas berichten kann – auch wenn „unaus­sprech­liche Worte“ niemand braucht und die Welt nicht ein StĂŒck besser durch sie wird.

Zu solchem Spott hat Paulus aber noch eine andere Einsicht, die er den Leuten von Korinth mitteilt. Man kann sagen, dass er damit auf den Boden des Christlichen kommt: fein, wenn man auf solche FĂ€higkeiten zurĂŒckgreifen kann. Aber die Gemeinde als die, die glauben wollen, sind die, die ihr Vertrauen auf Gott setzen, nicht auf sich. „Meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit“, ich muss nicht krampfhaft nur von mir reden, sondern ich kann auch von anderen reden, mich um sie kĂŒmmern. Ich bin frei von mir selbst und offen fĂŒr alle Gnade, die mir zuteilwird. Deshalb kann ich Empathie-fĂ€hig sein, Gedanken fĂŒr die Zukunft haben, ĂŒber meine eigenen biologischen Grenzen hinweg – und was sonst noch.

Paulus treibt es sogar auf die Spitze: „Wenn ich schwach bin, so bin ich stark“. Angeber-Typen mĂŒssen wir nicht sein und sie sind auch an verantwortlicher Stelle nur schwer zu ertragen. Aber als Begnadete 
 können wir uns ausmalen, wie schön das wĂ€re?

1. Lesung röm.-kath.: Weis 1,13-15; 2,23-24

Manches, was in dieser Lesung aus dem Weisheits-Buch zu hören ist scheint bekannt: keine Freude am Untergang der Lebenden (man denkt an den Noah-Bund), die Gerechtigkeit ist unsterblich, der Mensch als Abbild Gottes.

Manches andere hat eine nicht geringe Kraft zur Provokation: Gott hat den Tod nicht gemacht, vielmehr kam der durch den „Neid“ des Teufels zu uns, alles Geschaffene kennt nicht das „Gift des Verderbens“. Gerade so, als sagten wir nicht am Grab, dass Asche zu Asche und Erde zu Erde wird.

Wenn man auch das GefĂŒhl haben könnte, man mĂŒsste hier der staunenden Gemeinde das eine oder andere erklĂ€ren, gibt es doch auch einige sehr starke Gedanken, die die Leser:innen und Hörer:innen in eine zukunftsfĂ€hige Welt fĂŒhren können.

Gott hat alles geschaffen, die Geschöpfe bringen heil, das Verderben ist ihnen fremd. WĂ€hrend wir uns als Christ:innen gern an dem Gedanken „wĂ€rmen“, dass alles Gemachte dem Untergang geweiht ist und verschwindet, wird hier festgehalten: es ist zunĂ€chst einmal geschaffen, damit es da ist! Uns in manchen FĂ€llen nutzbar und eine Freude, aber auf jeden Fall soll es da sein. Man muss gar nicht in jedem Fall wissen, wozu das gut ist. Wir dĂŒrfen das als gegeben hinnehmen und mĂŒssen es nicht fĂŒr gemacht (oder ĂŒberflĂŒssig) halten. Ließe sich auf solchem Fundament nicht auch eine nachhaltige Ethik beschreiben?

Seltsamerweise ist es hier der Neid des Teufels, der den Tod in die Welt brachte. Vielleicht weil er gottgleich sein wollte? Vielleicht, weil er einen Teil der Liebe Gottes abhaben wollte? Hier kann man sich manches ausmalen, weshalb jemand im Tiefsten neidisch ist. Eines aber wird klar: mit Neid hat noch nie jemand das Leben vorangebracht, im Gegenteil.

2. Lesung röm.-kath.: 2. Kor 8,7.9.13-15

Was Paulus als Kollekte bewirbt, wĂŒrde man heute wohl Spende fĂŒr die Ökumene oder Gemeinden in der Diaspora nennen. Hier schreibt er an die Korinther, dass sie doch bitte Geld sammeln mögen fĂŒr die Christ:innen in Jerusalem.

Kaum gibt es Christinnen und Christen auf dieser Welt, geht auch schon der Klingelbeutel herum und man wird nach Geld gefragt. Typisch, möchte man denken.

Es ist tatsĂ€chlich typisch: die Apostelgeschichte berichtet bereits in ihrem zweiten Kapitel vom sozialen Ausgleich der ersten Christ:innen. Paulus verweist hier auf Jesus, der auch arm war, aber nicht einfach so, sozusagen als asketische Übung, die einen angeblich im Leben weiterbringen soll, sondern arm war er „um euretwillen“. Es geht also um den Sozialbezug des Besitzes, eine Verantwortung fĂŒr andere, vielleicht besser: die Liebe zu anderen.

Eine seltsame biblische BegrĂŒndung hat Paulus fĂŒr diesen GĂŒteraustausch; denn wer viel sammelt, hat keinen Überfluss, und wer wenig sammelt, trotzdem keinen Mangel. Und mit Worten des Jakobusbriefs möchte man hinzufĂŒgen: tolle Klamotten fressen letztlich die Motten, Gold und Silber verrosten (Jak 5,1f.). Das mag manche Hand öffnen!

Dr. Thomas Schaack, Nordkirche

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