5. Sonntag nach Trinitatis / 15. Sonntag im Jahreskreis (16.07.17)

5. Sonntag nach Trinitatis / 15. Sonntag im Jahreskreis 2017

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Joh 1, 35-42 Jes 55, 10-11 Röm 8, 18-23 Mt 13, 1-23

Thema des 5. Sonntags nach Trinitatis ist die Nachfolge. Sie geschieht im Hören und Annehmen des Wortes, das verkĂŒndigt wird – sei es von Jesus (Mt 13,1-24), seinen JĂŒngern oder Johannes der TĂ€ufer (Joh 1,35-42) sowie der Propheten (Jes 55,10f). Das Wort wirkt (Berufungen), breitet sich aus (Wachstum) und fĂŒhrt in die Freiheit (Erlösung der Schöpfung, Röm 8,18-23). Der personale Bezugsrahmen weitet sich zur universalen Heilsgeschichte.

Joh 1, 35-42

Anders als in Mk 1,16 parr. wirkt Jesus hier merkwĂŒrdig passiv: „Was sucht ihr?“ fragt er die beiden JĂŒnger, die aus dem Kreis des TĂ€ufers sich ihm anschließen. Simon Petrus wird von seinem Bruder Andreas Jesus zugefĂŒhrt – ein Hinweis auf die Nachrangigkeit des Petrus gegenĂŒber dem johanneischen LieblingsjĂŒnger? Die RĂŒckfrage der JĂŒnger „Wo ist dein Zuhause?“ wird vom johanneischen Jesus, der nach dem Prolog (1,1-18) in der Welt, aber nicht von der Welt ist, vieldeutig beantwortet: „Kommt und seht“. Die AttraktivitĂ€t der Nachfolge kann nicht vorab oder von außen begutachtet werden, aber sie erweist sich unmittelbar und zweifelsfrei in der Begegnung mit Jesus. Schon am ersten Tag erfasst Andreas, der Bruder des Petrus, dass dieser der Messias ist (wie viel spĂ€ter dagegen Mk 8,29 parr.).

Die Mobilisierung der Jesusbewegung geschieht nicht exklusiv oder hierarchisch, sondern sie ist von Vielfalt geprĂ€gt. Möglicherweise in historisch harmonisierender Absicht ist keine Konkurrenz zwischen der TĂ€ufergruppe und den JĂŒngern um Jesus feststellbar. Gemeinsam ist ihnen die Abkehr von religiösem Traditionalismus (Kritik am Tempelkultus), die Forderung nach Umkehr und in deren Folge eine neue praxis pietatis (z.B. keine stabilitas loci). Dynamik und Aufbruch, Motivation und Beauftragung („du sollst Kephas heißen“) sind leitend fĂŒr die Gemeinschaft um Jesus.

Der Predigttext eröffnet fĂŒr Haupt- und Ehrenamtliche in den kirchlichen Arbeitsfeldern eine Reihe von Impulsen:

„Was sucht ihr?“ – kommen die Mitarbeitenden und Beteiligten als Subjekte in den Blick?

„Kommt und seht“ – wie einladend und wie sinnlich-praktisch erfahrbar sind unsere Angebote?

„Du sollst Kephas heißen“ – welche gemeinsamen Visionen leiten uns?


Jes 55, 10 f.

Die Perikope Jes 55,6-11(Epilog des Deuterjesaja) korrespondiert eng mit Kapitel 40,6-8 (Prolog): Die Heilsweissagung ist verlĂ€ssliches Wort Gottes. Es bewirkt, was es intendiert. Als Prophetenwort ist es geschichtlich konkret, aber mit dem gleichnishaften Bezug auf Automatismen aus der Natur (NiederschlĂ€ge, Böden, Nahrung) macht es zugleich deutlich: Auch das Wort bringt Frucht, der Mensch lebt nicht vom Brot allein
(Dtn 8,3/Mt 4,4), sondern das Wort ist ebenfalls Speise. Regen (V. 10) und Wort (V.11) geschehen beide zum Wohl des Menschen und sind Zeichen des gĂŒtigen und verlĂ€sslichen Gottes.

Das erinnert an die Losung des Ev. Kirchentags 2013 in Hamburg: „So viel du brauchst“ (Ex 16,18) mit seinem Bezug auf die Speisung der Israeliten in WĂŒste sowie die Speisungswunder der Evangelien. Die Vision der neuen Gerechtigkeit (alle werden satt) sollte nicht zugunsten einer spiritualisierenden Verengung (Jesu Botschaft fĂŒr alle) aufgegeben werden. Eine weitere Querverbindung lĂ€sst sich zu Offb 10,8-11 ziehen, in der die Einverleibung des Wortes (siehe Holzschnitt von A. DĂŒrer) den Auftrag des Sehers umschreibt (bitter im Magen – sĂŒĂŸ wie Honig im Mund).

Link zum Holzschnitt: www.albrecht-duerer-apokalypse.de/images/apokalypse-holzschnitte/apokalypse-blatt-08-johannes-verschlingt-das-buch.jpg


Röm 8, 18-23

Paulus greift das apokalyptische Motiv der Wehen auf, die der verheißenen Herrlichkeit vorausgehen. Was dann fĂŒr die gesamte Schöpfung gelten soll (Erlösung), ist fĂŒr die Christen (Kinder Gottes) durch die Taufe schon grundgelegt. Die neue Freiheit besteht darin, dem Schöpfungsauftrag (Gen 1,28 und 2,15) ohne die bisherigen Fehlentwicklungen (UnterdrĂŒckung und Ausbeutung) zu entsprechen. Sie ist im Grunde ein neuer Gehorsam, der sich fĂŒr alles Leben als förderlich erweist. Auch wenn der anthropozentrische Ansatz weiterhin besteht, ist damit eine universale Schöpfungsethik im Blick. DarĂŒber hinausgehend wĂ€re an Albert Schweizers „Ehrfurcht vor dem Leben“ zu erinnern: „Wahrhaft ethisch ist der Mensch nur, wenn er der Nötigung gehorcht, allem Leben, dem er beistehen kann, zu helfen und sich scheut, irgendetwas Lebendigem Schaden zu tun.“

Wie notwendig diese Neubesinnung ist (vgl. publik forum extra: Taub fĂŒr das Seufzen der Kreatur?) und welche Entscheidungen daraus erfolgen, macht das Glauberger Schuldbekenntnis von 1988 deutlich, das von etwa 400 TheologInnen unterschrieben wurde:

„Wir bekennen vor Gott dem Schöpfer der Tiere und vor unseren Mitmenschen: Wir haben als ChristInnen versagt, weil wir in unserem Glauben die Tiere vergessen haben. Wir waren als TheologInnen nicht bereit, lebensfeindlichen Tendenzen in Naturwissenschaft und Philosophie die Theologie der Schöpfung entgegenzuhalten. Wir haben den diakonischen Auftrag Jesu verraten und unseren geringsten BrĂŒdern, den Tieren, nie gedient. Wir hatten als PfarrerInnen Angst, Tieren in unseren Kirchen und Gemeinden Raum zu geben. Wir waren als Kirche taub fĂŒr das Seufzen der misshandelten und ausgebeuteten Kreatur.“

Pessimistischer als Paulus hat Hans Jonas (1903-1993) in einem SPIEGEL-GesprĂ€ch von 1992 die Auffassung geĂ€ußert, dass die Menschheit „dem bösen Ende nĂ€her“ gekommen sei. Daran Ă€ndere auch sein Werk (Das Prinzip Verantwortung, 1979) nichts. Dennoch brauche es Menschen, die aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz, wonach die Welt nicht mehr zu retten sei, verantwortlich handeln. Resignation beschleunige den Untergang, daher sei Aufgeben keine Option. An Jonas` EinschĂ€tzung wird aber erkennbar, wie plausibel und aktuell apokalyptische Szenarien sind. Eine Herausforderung fĂŒr die Predigt lĂ€ge darin, im Glauben an den Schöpfer und Erlöser ein Widerstandspotential freizulegen (nicht nur den Spruch von Luthers? ApfelbĂ€umchen zitierend
).


Mt 13, 1-23

Das Gleichnis vom SĂ€mann beschreibt ganz nĂŒchtern die vielfach erfolglose Aussaat (auf dem noch nicht gepflĂŒgten Brachfeld) und demgegenĂŒber die vielfach erfolgreiche Ernte. J.Jeremias (Gleichnisse Jesu) nennt es daher ein Kontrastgleichnis, das nicht parĂ€netisch, sondern eschatologisch ausgerichtet ist. Bezogen auf die Botschaft Jesu: Trotz Widrigkeiten und Misserfolgen erreicht das Evangelium vom Reich Gottes Menschen, die ihm nachfolgen. Die Bildwelt in der ErzĂ€hlung (Vögel, Fels, Hitze, Dornen – das Thomas-Evangelium ergĂ€nzt in seiner Version noch den Wurm) verweist schließlich auf den guten Boden, wo das Samenkorn wĂ€chst und gedeiht.

Dass Nachfolge mit Hören und Sehen beginnt und sich erst in einem weiteren Sinn im Tun des Gerechten (Mt 5,20) erweist, diese theologische Einsicht verdeutlicht die Unterweisung der JĂŒnger durch Jesus in den Versen 10-17. Auch das Hören und Sehen ist nicht ihr Verdienst, sondern Ausdruck des göttlichen Ratschlusses.

Angesichts der Informations- und Bilderflut unserer Gegenwart steht neben der Forderung nach Medienkompetenz auch als Frage im Raum, wo und wann das Evangelium die Menschen in ihrer Lebenswelt erreicht und wie Religion heute erfahrbar werden kann. Nicht jede Saat geht auf


Ob die Bildwelt des Neuen Testaments auch eine Ermutigung sein kann, kreativ nach neuen Bezugsrahmen (Technik, Kultur, Musik, Mode, Ökonomie) zu suchen? Oder aber betrachten wir den biblischen Bezugsrahmen neu aus ökologischer Sicht:

Welches Saatgut wollen wir (GrĂŒne Gentechnik)? Soll mit vielfach resistenten Sorten Perfektion erkauft werden mit dem Preis neuer AbhĂ€ngigkeiten (statt Natur nun Patente der Chemiekonzerne)? Was ist ein guter Boden? Welche Kriterien legen wir dabei an: Neben der physikalischen, chemischen, biologischen QualitĂ€t auch soziale, ethische, Ă€sthetische Faktoren? Wie bebauen und wie bewirtschaften wir welche BodenqualitĂ€t nachhaltig?

Joachim Naurath, Limburg