7. Sonntag nach Trinitatis / 18. Sonntag im Jahreskreis (03.08.14)

7. Sonntag nach Trinitatis / 18. Sonntag im Jahreskreis

 

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
2 Mose 16, 2-3.11-18 Jes 55, 1-3 Röm 8, 35.37-39 Mt 14, 13-21

 

1. Die Geschichte von der Speisung des Volkes Israel mit Wachteln und Manna ist eine der entscheidenden Geschichten von der WĂŒstenwanderung nach dem Exodus, da hier erzĂ€hlt wird, was die ErnĂ€hrung und damit das Überleben gesichert hat. Nachdem in Kapitel 15 die Sicherung des Trinkwassers beschrieben wird, geht es hier um das Essen. Die Geschichte wird vollstĂ€ndig, wenn nicht nur die abgegrenzten Verse gelesen, sondern das ganze Kapitel erzĂ€hlt wird. Die heftige Kritik an Mose und Aaron erscheint mit dem Wort "murren" nur ansatzweise beschrieben. Die FĂŒhrung des Volkes steht unter gewaltigem Druck die elementaren BedĂŒrfnisse der Menschen zu erfĂŒllen. Gott aber greift unmittelbar, und ohne, dass er von Mose dazu aufgefordert werden muss, ein und verspricht Brot vom Himmel. Bei dem Brot, das am Morgen im Tau gefunden werden soll, handelt es sich nach ĂŒbereinstimmender Meinung um ein Sekret von  SchildlĂ€usen, das nachts in Form von zuckerreichen Tropfen ausgeschieden wird, dann kristallisiert und aufgesammelt werden kann. Die Wachteln sind kleine HĂŒhnervögel, die nach Einbruch der Dunkelheit leicht gefangen werden können. Von daher hat das wunderbare Eingreifen Gottes zur ErnĂ€hrungssicherung des Volkes einen durchaus realistischen und nachvollziehbaren Hintergrund. Im Neuen Testament wird die Geschichte an entscheidender Stelle aufgegriffen (Joh 6,30–35), als Jesus sich selbst als Brot des Lebens bezeichnet. Drei Aspekte können besonders herausgearbeitet werden:

a.  Die Notwendigkeit von ErnĂ€hrungssicherung, indem man darstellt, wie Gott selbst Verantwortung ĂŒbernimmt, damit Menschen, die in einer schwierigen Lage sind, zumindest das notwendigste zum Essen haben. Die Ambivalenz der Fleischtöpfe in der Situation von UnterdrĂŒckung und Zwangsarbeit in Ägypten und eines materiell völlig ungesicherten Lebens in Freiheit, kann man auch in unseren Zeiten beobachten. Wie viele Menschen sind auf einem Exodus in ungesicherte Zukunft. FlĂŒchtlinge verlassen ihre Heimat auf der Suche nach Freiheit, ohne zu wissen, wie sie am nĂ€chsten Tag ihre Kinder ernĂ€hren können.

b. Das "So viel du brauchst" (V16) beim Sammeln. Dies war das Motto des letzten evangelischen Kirchentages in Hamburg. Dort wurde es sehr stark bezogen auf die Forderung nach einer Wirtschaftsordnung, die die AnhĂ€ufung von Besitz begrenzt. Dies bedeutet, dass nach der Suffizienz des persönlichen Lebensstils gefragt wird. Wenn GrundbedĂŒrfnisse befriedigt sind, bringt mehr Besitz nur noch wenig Zugewinn an Zufriedenheit und GlĂŒck. Neben der individuellen Betrachtung des persönlichen Leben, stellen sich weitere Fragen: Wozu braucht man in entwickelten LĂ€ndern noch Wachstum der Wirtschaft? Muss hier nicht nach neuen und anderen Zielen des Wirtschaften gesucht werden? Gibt es Formen einer solidarischen Ökonomie? Ist es nicht Aufgabe von Christen und Kirchen zu einer Transformation der Gesellschaft beizutragen, in der solidarische Ökonomie mehr als ein Schattendasein fĂŒhrt.

c. Die besondere Situation am Sabbat, lĂ€sst uns auch an Hand dieser Geschichte ĂŒber die Heiligung des Feiertags nachdenken. Es ist möglich, vor dem Feiertag so viel zu sammeln, dass am Feiertag keiner sammeln muss. Es ist natĂŒrlich möglich, EinkĂ€ufe vor dem Sonntag zu machen, so dass alle GeschĂ€fte am Sonntag geschlossen bleiben. Dieser Gedanke erscheint in unserer von Konsum geprĂ€gten Umgebung im Jahr 2014 bereits anachronistisch. Wir sollten ihn trotzdem weiter hochhalten und somit zumindest die pragmatischen Kompromisse, die zum Sonntagsschutz getroffen wurden, weiter stĂŒtzen oder sogar verbessern helfen.


2. Das Evangelium des 18. Sonntags im Jahreskreis in Mt. 14,13-21 passt zum oben gesagten, denn die berĂŒhmte "Speisung der 5000" steht in dieser Tradition der Sorge um das tĂ€gliche Brot und die GrundbedĂŒrfnisse der Menschen. Viele Menschen kommen zu Jesus um von ihren Krankheiten geheilt zu werden. Gesundheitsvorsorge ist neben der ErnĂ€hrung ein weiteres GrundbedĂŒrfnis. Jesus heilt und stillt damit diese BedĂŒrftigkeit. Er erwidert den JĂŒngern, die die Leute am Abend zum Essen kaufen fortschicken möchten, dass dies nicht nötig sei. Warum? Entweder, weil er aus den vorhandene 5 Broten und 2 Fischen durch ein Wunder ausreichend viel Nahrung fĂŒr Tausende machen kann oder weil er – wie durch ein Wunder- die Menschen zum Teilen dessen bewegt, was sie haben. Ein Wunder ist dies in jedem Fall. Das, was nur fĂŒr eine Familie gereicht hĂ€tte, reicht nun fĂŒr die ganze Familie Gottes. In dem Lied: "Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt" heißt es in der 3. Strophe: "Wir teilen, was wir haben, wir bringen unsre Gaben". Hier können wir entfalten, was oben zum Thema Suffizienz angedeutet ist. Hinzu kommt, dass sich die FinanzmĂ€rkte in den letzten Jahren als Verursacher von Hungerkatastrophen erwiesen haben. Durch Spekulation auf Nahrungsmittelrohstoffe stiegen Preise fĂŒr Lebensmittel in manchen Regionen so stark, das Arme sie nicht mehr bezahlen konnten. Diese kĂŒnstlich Verknappung durch die Reichen auf Kosten der Armen ist der krasse Gegensatz zu der Botschaft des Textes: Sie aßen alle und wurden satt
(v. 20)

 

3. Die alttestamentliche Schriftlesung Jes. 55, 1-3 gehört zum 2. Jesajabuches und richtet sich an die Gefangenen in Babylon. Am Ende dieses Teils werden die Hoffnungen laut, die sich mit der RĂŒckkehr in das Land Israel verbinden. Den schon so lange im Exil leben macht er Mut, die RĂŒckkehr auch zu wagen. Es geht um Wasser, Brot, Wein und Milch. Wasser gibt es am Brunnen.  Brot, Wein und Milch sind Marktprodukte. Die Szene versetzt uns auf einen orientalischen Marktplatz. Wie ein Marktschreier ruft der Profet: Wohlan, kommt her! Es gibt alles ohne Geld. D.h. niemand soll sich verschulden, um an diese Nahrungsmittel zu gelangen. Hier klingt Kritik an der Verschuldungssituation der Bevölkerung an. Saurer Verdienst wird gegeben fĂŒr einen Gegenwert, der nicht die tĂ€glichen BedĂŒrfnisse stillen kann. Die PlĂ€ne Gottes, fĂŒr die der Profet die Menschen gewinnen will, sind andere: Das Beste sollen sie essen und fette Speisen bekommen. Der Traum vom Überfluss klingt an. Der Bund, den Gott den JudĂ€ern in Babylon anbietet, soll an die BlĂŒtezeit des Volkes unter König David anknĂŒpfen, wo Überfluss da war. An diesem Text kann man auch herausarbeiten, wie schwierig es ist das richtige Maß zu finden. Groß ist der Wunsch Überfluss zu haben, das heißt: mehr als du braucht.

 

4. Die Epistel aus Römer 8, 35ff hat den Hintergrund der harten Verfolgung der urchristlichen Gemeinde. Hier geht es um Leben oder Tod. Wie aktuell die BeschĂ€ftigung mit christlichen MĂ€rtyrern ist mir vor kurzem bei einem Besuch in El Salvador klargeworden. Der dort im MĂ€rz 1980 von der damaligen MilitĂ€rregierung ermordete Erzbischof Oskar Arnulfo Romero spielt als MĂ€rtyrer und Heiliger des einfachen Volkes eine gewaltige Rolle. Er liebte die einfachen Menschen und setzte sich fĂŒr sie ein. Diese Liebe kostete sein Leben. Die Erinnerung daran ist fĂŒr viele wie eine Wiederholung und neue Inszenierung des Christusgeschehens: "Was kann uns scheiden von der Liebe Gottes: Weder Tod noch Leben." In vielen Gegenden der Erde wird die Dramatik und Ernsthaftigkeit dieser Aussagen deutlicher als zur Zeit in Mitteleuropa. Das ist gut, aber es ruft uns auf zur SolidaritĂ€t und FĂŒrbitte mit all denen, die sich auch in unseren Tagen fĂŒr Jesus Christus und seine Liebe zu den Armen einsetzten und dadurch Verfolgung erleiden.

 

 

Stefan Weiß