1. Adventsonntag (01.12.19)

1. Adventsonntag


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Röm 13, 8-12 Jes 2, 1-5 Röm 13, 11-14a Mt 24, 37-44 od. Mt 24, 29-44


Der Abschnitt aus dem Matthäusevangelium, der dem 1. Adventssonntag zugeordnet ist, gehört zu den sogenannten Endzeitreden: Fernab von wohliger adventlicher Gemütlichkeit mit Kerzenschein und Lebkuchengeruch geht es darin um beängstigende Szenarien, um das Wachsam-Sein und um die Entscheidung, die einem niemanden abnimmt.

Die Rede von der Ankunft des Menschensohnes und der Ermahnung zur Wachsamkeit, da er „nahe an der Tür“ ist (Mt 24,33), lässt einen unweigerlich an die Darstellung von Christus als Weltenrichter auf mittelalterlichen Kirchenportalen denken: Wer schon einmal vor dem grossartigen Portal der romanischen Kirche von Vézelay im Burgund stand, weiss, dass im Bildwerk der Portale romanischer Kirchen in verdichteter Form all das angekündigt ist, was die Kirche des frühen Mittelalters ihren Gläubigen zu sagen hatte: Das Portal verkörpert die Idee der Schwelle, die Sakrales von Weltlichem, Jenseitiges von Diesseitigem trennt. An der Pforte wacht der Erzengel Michael mit dem Flammenschwert, bereit, den Drachen des Lasters zu töten. Unter all den Mittlern und Helfern zum ewigen Heil ducken sich ohnmächtig Dämonen und Teufel. Über ihnen, im Halbrund des Tympanons als Sinnbild des Himmels, thront Christus als Weltenherrscher und Richter, umgeben von den vier Evangelisten und den Engeln des Jüngsten Gerichts.

Die herausragende Bedeutung des Portals, in der die uralte Symbolik der Schwelle fortwirkt, zeigt sich darin, dass ein Raum dann zur christlichen Kirche wird, sobald seine Tür vom Bischof geweiht wird. Die Schwelle, über die man tritt, trennt und verbindet, leitet in einen anderen Bezirk hinüber oder schliesst von ihm aus.

Dass jede Tür weit mehr ist als bloss eine Öffnung in der Mauer oder ein grosses Holzbrett, das sich in Angeln dreht, das weiss jeder, der schon einmal mit pochendem Herzen und ausgetrocknetem Mund vor einer Tür gestanden ist. Unvergessen für viele sind auch jene Minuten in der Kindheit, wo man vor der geheimnisvollen Türe des Weihnachtszimmers darauf wartete, dass diese endlich geöffnet werde. Je nachdem, ob sie geschlossen ist, geöffnet, mit dem Schlüssel verriegelt, hin- und herschlagend, immer sendet die Tür Signale aus. Sie bedeutet Anwesenheit oder Abwesenheit, Einladung oder Abwehr; sie gewährt Blicke in unbekannte Räume. Sie weckt Erwartungen oder ruft Angst hervor. Nicht von ungefähr spricht man von der „Schwellenangst“.

Dass das Unheil vor der Tür lauert oder sich hinter ihr verbirgt, erzählen in symbolischer Verdichtung vor allem die Märchen: „Drück nur auf die Klinke“, rief die Grossmutter, „ich bin zu schwach und kann nicht aufstehen.“ Der Wolf drückte auf die Klinke und die Tür sprang auf, und er ging, ohne ein Wort zu sprechen, geradewegs zum Bett der Grossmutter und verschlang sie. So wird es im Rotläppchen erzählt. Nicht anders ergeht es den sieben kleinen Geisslein, als ihre Mutter ausgegangen ist und jemand an die Tür klopft: Mit raffinierter List erschleicht sich der Unbekannte draussen Einlass, und damit beginnt das verschlingende Unheil.

Andere Türen wollen erzwungen werden: In der Oper „Die Zauberflöte“ wird Tamino erst dann Eintritt in den Isis-Tempel gewährt, nachdem er die ihm auferlegten Prüfungen bestanden und zu guter Letzt den Gang durch Wasser und Feuer gewagt hat.

Wer durch das Portal einer Kirche, durch das Stadttor, den Tempeleingang oder durch die Haustüre tritt, lässt das Draussen zurück und begibt sich in eine andere Wirklichkeit. Über eine Schwelle zu schreiten bedeutet oftmals, einen Schritt ins Ungewisse zu tun: Was einen hinter der Türe erwartet, kann vielleicht erahnt, aber noch nicht gesehen werden.

Die Tür-Geschichten, von denen die Bibel zu erzählen weiss, sind zahlreich. Da sind die Bildworte Jesu vom guten Hirten, der im Unterschied zu den Räubern und Dieben durch die Tür in den Stall zu seinen Schafen hineingeht (vgl. Joh 10.1ff.). Da ist das Jesus-Wort zu lesen: „Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden.“ (Joh 10,9ff.) Was in all diesen Bibelstellen mitschwingt, nämlich die gefallene Entscheidung, das kommt ungleich schärfer noch in Mt 7,13ff. zum Ausdruck, wo Jesus den Jüngern in der Bergpredigt sagt. „Geht ein durch das enge Tor! Denn das Tor ist weit, das ins Verderben führt, und der Weg dahin ist breit, und viele gehen auf ihm. Aber das Tor, das zum Leben führt, ist eng, und der Weg dahin ist schmal, und nur wenige finden ihn.“

Nur dem Besucher, der durch die Enge des Portals hindurchtritt, eröffnet sich ein Blick auf das grossartige Innere der Basilika von Vézelay. Nur dem, der die Türe aufstösst und durch sie hindurchtritt, eröffnen sich neue Räume. Vor einer Türe wird mir die Entscheidung abverlangt, durch die Türe hindurchzugehen und damit in die dahinterliegende Welt zu gelangen, oder aber die Türe geschlossen zu lassen und damit in der davor liegenden Welt zu verbleiben.

Mit dem Durchgang durch das „enge Tor“, von dem Jesus spricht, ist eine Entscheidung gefallen, insofern es mit der Betrachtung und Erwägung verschiedener Möglichkeiten ein Ende hat. Denjenigen, der glaubt, nimmt das Portal mit seinem bergenden Bogen auf und lässt ihn den einen Weg gehen. Die Entscheidung, der frohen Botschaft des Evangeliums wider alle Ängste und Zweifel zu glauben, bedeutet, von einer eindeutigen und unumkehrbaren Bewegung ergriffen zu sein, deren Richtung genauso vorgegeben ist, wie wenn man durch ein Kirchenportal hindurchtritt.

Dr. habil. Béatrice Acklin Zimmermann, Zürich