Christvesper / Christnacht bzw. Hl. Abend / Hl. Nacht (24.12.22)

Christvesper / Christnacht bzw. Hl. Abend / Hl. Nacht [V/A]

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Chr.-Vesper: Lk 2,1-20
Chr.-Nacht: Hes 34,23-31
Hl. Abend: Jes 62, 1-5
Hl. Nacht: Jes 9, 1-6
Abend: Apg 13, 16-17.22-25
Nacht: Tit 2, 11-14
Abend: Mt 1, 1-25
Nacht: Lk 2, 1-14

Zu Hes 34,23-31

Ich lese von einem einzigen Hirten, der das Volk führen wird. Ist dies im irdischen Sinne bei den heutigen Verhältnissen nicht eine Überforderung. Wenn ich nicht eindimensional soteriologisch den Hirten als Erlöser für das endgültige Heil meine, sondern als einen homo politicus?

Bei den Problemen der Ökologie, der Wirtschaft, des gebrochenen Friedens, des Klimawandels?

Auch welche Weide in welchem Zustand kann der Hirte führen?

Ich lese von der Ausrottung der wilden Tiere. Sind das die Potentaten und Diktatoren unserer Zeit? Wie werden sie ausgerottet? Mit Bomben? Mit Diplomatie? Mit wirtschaftlichen Boykotten, die die großen Mächte in die Knie zwingen? Oder doch durch göttliche Eingebung durch den Hirten, der in die Herzen der Mächtigen hineinregiert? Vielleicht durch unser Gebet, welches erstmal als gemeinsames Flehen die Herzen und die Gesinnungen der Friedliebenden zusammenführt?
Der Hirte schickt auch Regen zur rechten Zeit. Dieser Hoffnungsvers ist von Skepsis umhüllt, denn wir kennen die globalen akuten Probleme der ungerechten Verteilung von Wasserressourcen, auch das Problem einer ungleich verteilten Wahrscheinlichkeit, dass es überhaupt regnet im wahrsten Sinne des Wortes.

Der Hirte will auch wie ein guter Gärtner fruchtreich pflanzen. Er will es besser machen als so viele Entscheidungsträger in dieser Welt, die nicht an die Früchte und Gesundheit der nächsten Generationen denken, und die dann zu teuren Ersatzprodukten synthetischer Natur greifen müssten!
So ein Hirt ist wahrlich ein Geschenk des Himmels, der uns gnadenhaft schon als Kind in der Krippe, inmitten der Natur, begegnet und uns antreiben sollte, selbst gute Hirtenfähigkeiten zu entfalten.

Zu Lk 2,1-20

Der Klassiker des Heiligen Abends zeigt schon in den ersten Versen einen Rahmen für die Heilige Familie, der alles Andere als heilig ist: eine Volkszählung, eine Erfassung der Untertanen, eine bürokratische Verfügung ist bis dato eine Herausforderung für den Menschen. Er muss sich bewegen und Daten werden erfasst, er wird ein bisserl der gläserne Mensch, der vielleicht schon im normalen Alltag überfordert ist von Regeln und Gesetzen, die überfordern oder einengen.

Die Frage einer Heimat im romantisch verklärten Sinne stellt sich da weniger, vielmehr, ob wirklich ein jeder Mensch auf dieser Erde nicht das Recht hat, in Sicherheit und Frieden ein Obdach und eine soziale Gemeinschaft zu haben, und genau dies fehlt Millionen von Menschen und es fehlte auch der Heiligen Hochschwangeren und dem sicher gestressten Josef!

Und dann reden wir schlicht am kuscheligen Heiligen Abend in unseren Wohnzimmern von der Obdachlosigkeit und den Marginalisierten, die keine Lust und kein positives Empfinden haben können, beim Anblick des Konsumpanoramas unserer Schaufenster.

Und dann reden wir schlicht von den gottlob existierenden Initiativen von Kirchen und Gemeinden am Heiligabend arme und einsame Menschen zu einem Zusammensein einzuladen. Da weinen dann Erwachsene vor Rührung, weil sie in Erinnerung an Kindestagen wieder ein liebevoll eingepacktes Geschenk auspacken, vielleicht ein Deo, oder eine Gabe für den Hund, der der einzige treue Freund ist.

Und es waren die Menschen wachen Geistes, aber außerhalb der behaglichen Behausungen, die vom Feld zur Krippe eingeladen wurden. Die mobilen Outlaws, die Hirten, die auf die Natur und ihre Zeichen achten müssen, sonst geht die Herde verloren. Liegt in dieser Tatsache auch ein Hinweis, dass wir Menschwerdung Gottes nicht begreifen werden, wenn wir dem Zustand der Schöpfung und auch deren Bewahrerinnen und Bewahrer in den vielen Dimensionen einen größeren Platz in unserer Spiritualität einräumen.

Der Engel wünscht den Menschen Frieden auf Erden. Ein zerbrechliches Gebilde dieser Friede, den wir in der Liturgie und wohl gerade in unseren Wohnzimmeratmosphären der Weihnacht zumindest andeuten, aber wie sieht es in den politischen und wirtschaftlichen Konstellationen dieser einen Erde aus? Welch einen Typus vom Menschen braucht dieses 21. Jahrhundert als „Re- Inkarnation" des menschgewordenen Friedensfürsten, damit wirklicher Fortschritt in allen Dimensionen des politischen, kulturellen und sozialen Lebens einsetzen kann? Oder ist die eine Welt zu groß, zu komplex, zu wild geworden, um die Stimmen des Friedens zu vernehmen? Die Engelsbotschaft in Betlehem ist Zumutung... es braucht zu sehr Menschen des Mutes, damit friedliche Tage dieser Menschheit eine Zukunft ermöglichen.

Und es bewahrte eine Frau alles in ihrem Herzen. Für mich auch ein Plädoyer für die stillen Menschen, die, sei es aus großer Sorgfalt, oder auch aus nachdenklicher Grübelei, keine großen Reden schwingen, sondern lange überlegen, welchen Sinn die Entwicklungen und Geschehnisse dieser Welt haben. Weihnachten ist eher ein Fest in Stille und Kargheit... es ist uns auch ein Stück entglitten durch zu viel bunte Teller und „Lametta" im Sinne einer schmuckvollen, wenig nachhaltigen Ästhetik.

Zu Jes 62,1-5

Der Text führt uns nach Zion und Jerusalem, einer Stadt die Frieden heisst, aber ein melting pot der Konflikte ist, und selten zur Ruhe kommt. Heil soll aufleuchten, aber auch Jesus bewirkte dieses Heil in der dramatischen Auseinandersetzung religiöser Ansichten und Parteiungen.

Können wir uns in den geostrategischen und auch kapitalistischen Regungen eines 21. Jahrhunderts jenseits oder eher diesseits einer religiösen Hoffnung überhaupt das friedliche Miteinander aller Städte und Länder überhaupt vorstellen, und dabei auch noch die Anerkennung einer Stadt als Vermählte Gottes?

Mir scheint, dass die Vision des Jesaja als Ideal unseren Anstrengungen immer vorausgehen muss. Aber wir brauchen die Ideale, besser die Idealvorstellungen, die übrigens, und das mag uns entlasten, letzten Endes Gottes Werk sind.

Und es ist wahr: mit der Geburt des Friedensfürsten kam ein Stein des Anstoßes in die Welt, für das örtlich so nahe Jerusalem und alle anderen Städte und Reiche. Anstoß gibt es in der deutschen Sprache mit doppeltem Sinn: als Ausdruck einer Initiative und als Ärgernis.

Das ist genau das Unbequeme oder gar Ambivalente an diesem Jesus und an seiner Menschwerdung. Religion als Zumutung. Mir scheint in der Person und Wirklichkeit Jesu wird dies deutlich und etwas davon ist auch spürbar, wenn wir an Jerusalem und Zion denken: heilige Stadt und zu selben Zeit ein Konfliktherd der Religionen. Aber Jesaja spricht vom Ende... und das Beste kommt zum Schluss!

Zu Jes 9, 1-6

Diese Stelle ist sehr ergreifend, weil Jesaja mit der Verheißung des göttlichen Kindes die Verbrennung und Vernichtung von Kriegsgerät und Kriegstextilie verbunden wird.

Das Kind als entmilitarisierende Person?

Ja, vielleicht auch in irdischer Dimension zumindest vorstellbar, wenn Soldaten und andere Kriegsbeteiligte durch den Anblick eines unschuldigen kleinen schutzbefohlenen Wesens abkehren würden vom Gebrauch tödlicher Technik.

Leider ist dies wohl nur ein frommer Wunsch für den Predigtgedanken, denn Machtkonstellationen erlauben oft nicht das sentimentale Reagieren auf die Präsenz des Schwachen.

Auch die Fiktion als Nachstellung von Wirklichkeit erlaubt selten den Ausbruch aus dem normalen brutalen Verlauf der Dinge. Ich erinnere mich an Schindlers Liste und das berühmte kleine Mädchen mit dem roten Mantel. Das kleine, so anrührende Menschenkind irrt im Ghetto umher, während die Schergen des NS-Regimes ihre Mordstaten begehen, und man hofft auf Rettung des Mädchens. In einer späteren Szene ist aber auch das Mädchen auf dem Leichenhaufen.

Dem Friedenfürstkind wird es anders ergehen, wenngleich auch dieser Jesus schon in jungen Jahren gefährdet ist. Aber am Ende steht die österliche Hoffnung, die nach weihnachtlicher Einstimmung der Friedensvision eine berechtigte Hoffnung gibt. Gott wird sein Friedensreich errichten und wir sind alle zum Licht berufen, die wir einst im Dunkel gelebt haben. Schön wäre es, wenn viele Mächtige dieser Welt diesem Ansinnen unseres Glaubens zumindest den Respekt des Bemühens für eine friedliche Welt zollen würden.

Zu Apg 13,16-25

Der einstmalige Christenverfolger Paulos ordnet Christus in die Heilsgeschichte ein, und gibt auch eine Referenz an den großen Vorläufer Johannes der Täufer.

Es ist gut, wenn Menschen, die einen großen Schlüsselmoment in ihrem Leben hatten, z.B. eine Bekehrung im Religiösen, die geschichtliche Perspektive nicht vergessen, denn der Unwandelbare schlechthin, der große Gott, mutet uns Menschen, die wankelmütig sind und vielleicht auch engstirnig, dass wir Bekehrungsqualität besitzen.

Dies mag auch im außerreligiösen Bereich gelten. In allen Aspekten unseres menschlichen Lebens wird man einen roten Faden entdecken, der vor unserer eigenen Geburt begann und auch über uns hinaus weitergehen wird. Und dabei gibt es eine moralische Qualität: wie wir mit den Rohstoffen der Welt, dem technischen Fortschritt, dem Freiheitsdenken des Menschen, auch mit seiner geschlechtlichen Identität sorgfältig umgehen... wie wir Namen nicht vergessen, die als wahre Helden der Geschichte Pazifismus und Versöhnung gepredigt haben, so wird es der Welt gut und angemessen ergehen, aber selbstkritisch ergänze ich, dass wir die eine große Welt mit ihren verschiedensten Traditionen wohl nie in ihrer Entwicklung so würdigen können, dass die meisten Menschen davon nachhaltig profitieren.

Zu Tit 2,11-14

Alle Menschen sollen durch die Gnade Gottes gerettet werden. Der universale Aspekt dieser Stelle ist eine große Aufgabe für die Christenheit als verlängerter Arm des Messias. Kirche ist global player und darf dabei der Botschaft des Evangeliums nicht verdunkelnd im Wege stehen.

Der Titusbrief spricht von der Gnade, die erschienen ist. Dieses Geschenk kann als Antwort nur das Gute Tun haben, eine Form der eigenen Relativierung, damit Gott Gott bleibt und wir Menschen uns als auf ihn hingeordnet begreifen.

Hier ist vielleicht auch in den Weihnachtsliturgien der Punkt gekommen, einen Moment der Stille zu lassen, damit wir alle Gewissenserforschung betreiben: Wo und wie strebe ich eifrig danach Gutes zu tun, und damit der Gnade Gottes nicht im Wege zu stehen?

Viele gute Antworten in einer herausfordernden Welt voller Probleme und Krisen sind möglich!

Zu Mt 1, 1-25

Das Neue Testament in unserer Anordnung beginnt mit diesem heiligen Text. Er wirkt zunächst extrem langweilig, viele Namen, ...auch ein paar Frauen sind dabei, was zumindest erfreulich ist.

Aber hier wird Großes geleistet. Der Evangelist vergisst nicht die, die vor Jesus an der Heilsgeschichte an entscheidender Stelle beteiligt waren.

Und überhaupt .. die Würde eines Namens: ich erinnere mich an den großartigen Film Dead man walking. Der durchaus unsympathische, aber am Schluss vor Vollstreckung der Todesstrafe schluchzende Mörder Mathew Poncelet wird von der Ordensschwester Helen Prejean zur Hinrichtungszelle begleitet... und sie zitiert dabei tröstlich aus der Bibel: ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen...Du bist mein!

Vergessen wir die Namen nicht – wo es schon genug Anonymität in den Strukturen einer Leistungsgesellschaft gibt.

Und wissen Sie wie die Perikope abgerundet wird? Und er gab ihm den Namen Jesu.

Das ist auch Weihnachten – Respekt vor den Namen!

P. Laurentius Höhn OP; Worms