Christvesper / -nacht bzw. Hl. Abend / Hl. Nacht (24.12.21)

Heiliger Abend und Heilige Nacht / Christvesper und Christnacht

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Christvesp.: Micha 5, 1-4a
Christna.: Tit 2, 11-14
Hl. Abend: Jes 62, 1-5
Hl. Nacht: Jes 9, 1-6
A.: Apg 13, 16-17.22-25
Nacht: Tit 2, 11-14
Abend: Mt 1, 1-25
Nacht: Lk 2, 1-14

 

Mi 5,1-4a: Der Herrscher aus Bethlehem

Exegetische Einordnung

Der Abschnitt in Mi 5,1-4a gehört zu den Heilstexten des prophetischen Buches und ist ein gewachsener Text, der den Abschluss der Einheit Mi 1-5 bildet. In diesem Text wird eine Herrschergestalt erwartet, die in der singulĂ€ren Wendung „in der Kraft der HERRN“ (V.2) einen kommenden Herrscher erwartet, der selbst Friede sein wird. Diese Herrschergestalt ist nach der Erfahrung des assyrischen Vordringens bis nach Jerusalem nicht mehr aus eben dieser Stadt zu erwarten. Mit Vers 5,1 wird Bethlehem als Ort seiner Herkunft ergĂ€nzt. Damit knĂŒpft der Text an die Davidtradition aus 1 Sam 16,1-13 an. Erwartet wird eine messianische Heilsgestalt, die bereits in Vorzeiten geschaffen und spĂ€ter mit Jesus identifiziert wird.

BezĂŒge zur Nachhaltigkeit

Der Prophet erwartet Frieden, durch die Kraft des HERRN. Keineswegs ist die Welt jedoch aktuell friedlich, auch nicht in Jerusalem. Ist der Friede des kommenden Herrschers, der neutestamentlich mit Jesus identifiziert wird, gescheitert oder immer noch eine bestehende Hoffnung fĂŒr die Zukunft? Gerade in einer Zeit, in der uns die Wissenschaft vor Augen fĂŒhrt, was wir auch sozial durch unsere anthropogene Einflussnahme auf das Erdsystem und das Klima zu erwarten haben, wird eine solche Hoffnung quasi zum Hilfeschrei. Ist es nicht eher so, dass wir damit rechnen mĂŒssen, dass die Zukunft von Ressourcenkriegen bestimmt sein wird und unsere Kinder die Grenzen verteidigen werden? Das ist keinesfalls abwegig, sondern aktuell eher wahrscheinlich. Man muss selbst zum Propheten werden, den Mut zu haben, die RealitĂ€t und Prognosen ernst zu nehmen, zu erzĂ€hlen und dennoch die Hoffnung auf Frieden aufrecht zu erhalten. Vielleicht ist das aber auch ein Teil der kirchlichen Aufgabe im AnthropozĂ€n, dem vom Menschen gemachten Neuen.

Tit 2, 11-14: Die Gnade Gottes fĂŒr alle

Exegetische Einordnung

Die Verheißung der Gnade Gottes wird gerahmt von Anweisungen fĂŒr Alt und Jung und Sklaven. Die unterweisende Kraft ist die Gnade selbst. Diese ist in Jesus Christus erschienen, so ergĂ€nzt es Vers 13. Eines der bestimmenden Termini des Abschnittes ist das Wort „gesund“ (V.1-2). Der Abschnitt zielt in seiner Lehre auch auf die geistige Gesundheit der angesprochenen Versammlung. Durch die Gnade, die fĂŒr alle Menschen gekommen ist, wird auch ihre Botschaft allen zugĂ€nglich.

BezĂŒge zur Nachhaltigkeit

Sklaven gibt es auch heute noch, nur heißen sie nicht mehr so. Der moderne Imperialismus findet sich in Form von Großunternehmen und kapitalistischer Ausbeutung des globalen SĂŒdens. Gnade ist aber allen verheißen, das gilt auch weiterhin. Wollen wir wirklich unsere Welt hinsichtlich einer sozial-ökologische Gerechtigkeit transformieren, brauchen auch wir eine neue Form der geistigen Gesundheit. Die oft technikzentrierte oder ökonomiefokussierte Nachhaltigkeitsdebatte lĂ€sst den Gedanken zu einem neuen VerhĂ€ltnis, einer neuen spirituellen Beziehung zu Mitmenschen und Mitwelt oft vermissen. Doch gerade hier eine Basis zu schaffen, auf der VerĂ€nderungen grĂŒnden, ist eine Herausforderung unserer Zeit.

Jes 62, 1-5: Wiederherstellung Israels

Exegetische Einordnung

Im 62. Kapitel des Jesajabuches wird Israel direkt angesprochen und Heil verheißen. Die Stadt Jerusalem soll nicht mehr zerstört und keine Öde mehr, sondern zur Wonne werden. Die Heilszeit des Tritojesajabuches wird gebunden an eine Umkehr, eine VerhaltensĂ€nderung des Volkes. Im Fokus stehen hier, wie fĂŒr die alttestamentlichen ProphetenbĂŒcher nicht ungewöhnlich, die gesellschaftlichen Eliten, die ihre Volkgenossen nicht mehr politisch und wirtschaftlich unterjochen sollen (vgl. Jes 58,3-8). Jerusalem wird zum Zielort einer sozialen und paradiesischen Utopie, wo fĂŒr alle genug zum Essen vorhanden ist.

BezĂŒge zur Nachhaltigkeit

Im Jemen verhungern Menschen im 21. Jahrhundert, in dem es genug Essen fĂŒr alle gibt. Das ist eine globale, soziale Katastrophe, die die UnfĂ€higkeit elitĂ€rer Strukturen zu sozialer Gerechtigkeit mehr als transparent macht. Es gibt wissenschaftliche, soziologische Stimmen, die auch das „Projekt Nachhaltigkeit“ als elitĂ€res Unterfangen identifizieren, das in einer moralischen Endlosschleife gefangen ist. Ausgesprochen wird diese von akademischen Oberschichten, die selbst einen Lebensstil des großen ökologischen Fußabdrucks leben. Doch unterschwellig werden durch diese Vereinnahmung der Nachhaltigkeit als Trenderscheinung des sich Nachhaltigkeit-Leisten-Könnens, die systemischen Grundkonstanten des Konsumierens und die Privilegien des globalen Nordens stabilisiert.

Jes 9,1-6: Verheißung des Reiches

Exegetische Einordnung

Der Abschnitt bildet den Abschluss der sogenannten Denkschrift Jesajas und enthĂ€lt die erste Messias-Weissagung. Hier wird das Kommen eines neuen Herrschers angekĂŒndigt, der in Recht und Gerechtigkeit herrschen soll. Dieses Kind, der zukĂŒnftige Herrscher, wird dabei mit verschiedenen Namen und Titeln angekĂŒndigt: Wunderbarer, Ratgeber, starker Gott, Vater der Ewigkeit und FĂŒrst des Friedens. Hier wird der zukĂŒnftige Gebieter poetisch inthronisiert. Diese Nomina sind das Omen seiner Herrschaft und königliche Ehrentitel.

BezĂŒge zur Nachhaltigkeit

Der Thron des kommenden Herrschers fußt auf Recht und Gerechtigkeit. Zwei Termini, die eng miteinander verbunden und dennoch nicht synonym sind, hebrĂ€isch áčŁedāqĂąh (ŚŠÖ°Ś“ÖžŚ§ÖžŚ”) und miĆĄpāáč­ (ŚžÖŽŚ©ŚÖ°Ś€ÖŒÖžŚ˜). Gerechtigkeit ist eine GrĂ¶ĂŸe des Miteinanders einer Gemeinschaft. Das Recht, so Jan Assmann, ist eine Institution, Gerechtigkeit eine Tugend. Dennoch kann ungerechtes Handeln rechtskonform sein, wie anders ließe es sich erklĂ€ren, dass 20% der Weltbevölkerung 80% des Reichtums innehaben? Wenn das rechtskonform ist, was wĂ€re dann biblisch konform? Auge um Auge, Zahn um Zahn, aber in MatthĂ€us heißt es: „wenn dich einer auf die rechte Wange schlĂ€gt, dann halt ihm auch die andere hin (Mt 5,39).“ Ist es das, was nun im Klimawandel passiert? Die 80-Prozent halten auch weiterhin die Backe dar fĂŒr die Ausbeutung durch den globalen Norden? Ist das dann gerecht? Was wĂ€re Auge um Auge, Zahn um Zahn, und 80% der Weltbevölkerung, vor allem des Globalen SĂŒdens, wĂŒrden dem Prinzip der ausgleichenden Rache folgen? Rache, hebrĂ€isch neqamāh (Ś Ö°Ś§ÖžŚžÖžŚ”), Griechisch ΔÎșÎŽÎŻÎșηση und Latein ultio meint zu Luthers Zeiten, wenn er ihn in seiner Übersetzung gebraucht, einen Rechtsbegriff. Er beschreibt die angemessene Vergeltung fĂŒr eine bestimmte Rechtsverletzung, zu der man aufgrund fehlender Gerichtsbarkeit in Eigenjustiz berechtigt ist. Hier ist keine emotional aufgeladene Handlung intendiert. Rache schafft Recht, wo Recht versagt und wird gleichzeitig auf Ausgleich begrenzt: FĂŒr ein Auge nicht mehr als ein Auge beugt einer Gewaltspirale gerade vor. Alttestamentlich wird der Ausgleich, wenn einer nicht im Stande ist, sich selbst Recht zu verschaffen durch den König oder eigens, oder von Gott her bewirkt. Er verhilft, wie der kommenden Herrscher, denen zu Recht, die selbst nicht fĂŒr sich einstehen können.

Apg 13, 16-17.22-25: Gott und König des Volkes

Exegetische Einordnung

In dem Kapitel der Apostelgeschichte stellt Paulus seiner jĂŒdischen Zuhörerschaft das Evangelium vor und beginnt mit einem Bezug aus ihrer Lebenswelt. Er bezieht sich zu Beginn seiner Rede auf die weisheitliche Gottesfurcht, die HerausfĂŒhrung des Volkes Israel aus Ägypten, Gottes damit verbundene ErwĂ€hlung und ihre Geschichte von Richtern, Propheten und Königen. Seine ZielfĂŒhrung ist die historische Verbindung der königlichen Gestalten ĂŒber die alttestamentlichen MessiasankĂŒndigungen bis zu Jesus, der diese erfĂŒllt. Damit erfĂŒllt Gott seine Verheißung selbst und tritt ins Leben.

BezĂŒge zur Nachhaltigkeit

Wie sehr vertrauen wir unseren heutigen königlichen Gestalten, unseren politischen FĂŒhrern und wie sehr knĂŒpfen unsere ErzĂ€hlungen von dem was kommt, an die Lebenswelt unserer Hörer an? Das Prinzip der Gottesfurcht meint alttestamentlich die Ehrfurcht vor Gott. Albert Schweitzer hat den Begriff der Ehrfurcht als „Ehrfurcht vor dem Leben“ weitergefĂŒhrt. Er definiert die Idee dahinter wie folgt: „Ehrfurcht vor dem Leben bedeutet: Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Das Leben ist von Gott geschaffene Lebenswelt des Menschen. Der Gedanke der Gottesfurcht könnte eng verknĂŒpft werden mit der Idee einer Ehrfurcht vor dem Leben als unserer Lebenswelt.

Mt 1,1-25: Jesus als Zielpunkt der Geschichte

Exegetische Einordnung

Vor uns liegt die Eröffnung des MatthĂ€usevangeliums. Sie beginnt mit einer Genealogie von Abraham ĂŒber David zu Jesus, die gleichzeitig seine Herkunft auf den Heiligen Geist selbst zurĂŒckfĂŒhrt. Gottes Geist ist die Kraft der Schöpfung, die hier Jesus Geburt ermöglicht. Die Anerkennung des Sohnes durch Joseph lĂ€sst ihn von davidischer Herkunft sein und somit der alttestamentlichen Verheißung entsprechen. Durch die Namensgebung und die RĂŒckbindung an die jesajanische Immanuel-verheißung („Gott ist mit uns“, V.23) tritt Gott selbst in die Welt.

BezĂŒge zur Nachhaltigkeit

Der heilige Geist der neutestamentlichen Literatur steht in der Tradition des Geist Gottes der alttestamentlichen Schriften. Hier wie dort ist eine lebens- und fĂŒr den Menschen kraftspendende GrĂ¶ĂŸe gemeint. Die Erde selbst durchwaltet so eine Kraft. Klimawissenschaftler sprechen vom einem synergetischen Beziehungsnetz aller ÖkosphĂ€ren wie AtmosphĂ€re, BiosphĂ€re etc. Auch der Geist der biblischen Literatur erzeugt Beziehung, Beziehung zu Gott, zwischen den Menschen und auch schöpfungsumfassend. Der Theologie Michael Northcott sieht in der biblischen Tradition vom göttlichen Geist, der Wasser, Lust und Menschen bewegt, ein großes Potenzial fĂŒr die kirchliche SprachfĂ€higkeit fĂŒr ein Handeln zum Erhalt unserer Welt.

Lk 2,1-14: Jesu Geburt

Exegetische Einordnung

Joseph geht nach Bethlehem, in die Stadt Davids, um sich und seine Frau fĂŒr die SteuerzĂ€hlung einschreiben zu lassen. Es ist der Ort, wo Jesus geboren, in Windel gewickelt und in die Krippe gelegt wird. Engel berichten den Hirten auf dem Felde von der Geburt des göttlichen Kindes. Sowohl der Stall als Ort fĂŒr die Tiere und einziger Unterschlupf fĂŒr die Nacht, als auch die Hirten als reprĂ€sentativ fĂŒr das niedere Volk rahmen die Situation. Es ist eine ArmutserzĂ€hlung, die den Weltenretter und seine der Armut verpflichtenden Bewegung gleich zu Beginn charakterisiert.

BezĂŒge zur Nachhaltigkeit

Wer Armut beenden will, muss die Frage nach dem Reichtum stellen. Was macht uns eigentlich reich? Es ist sicher nicht das Haus oder ein tolles Auto allein, sondern die Botschaft des Evangeliums, dass Jesus fĂŒr alle Menschen gekommen ist, hier ein neues GemeinschaftsverhĂ€ltnis zwischen den Menschen und zu Gott zu konstituieren. Das Evangelium ist hier eindeutig. Jesus ist gekommen fĂŒr die Armen, er steht fĂŒr die ein, die nur eine leise Stimme haben. Selbst das Alte Testament weiß bereits: Auch ein Sklave ist, wird er getötet, nicht rechtslos und seine Tötung ein Verbrechen (Ex 21,20), auch wenn er es selbst nicht ahnden kann. Dort wo Ungerechtigkeit auch gegenĂŒber Armen geschieht, fordert das Alte Testament ein Eintreten der gesamten Gesellschaft als Rechtsgemeinschaft zugunsten derer ein, die nicht fĂŒr sich selbst eintreten können. Der Einzelne, Mitglieder einer, sagen wir globalen, Gemeinschaft werden verantwortlich fĂŒr die Lage der anderen, auch wenn sie mit diesem nicht unmittelbar in Verbindung, familiĂ€r oder verwandtschaftlich, stehen. FĂŒr den Fall des Versagens der Gesellschaft, tritt dann Gott in die Rolle des Richters, der Recht schafft und darum angerufen werden kann.

Dr. Sarah Köhler, Heidelberg