Karfreitag (02.04.21)

Karfreitag

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung
Jes 52,13-15; 53,1-12 Jes 52, 13 - 53, 12 Hebr 4, 14-16; 5, 7-9

 

Jes 52, 13-53,12

Exegetische Vorbemerkung

Das Jesajabuch ist nach den Psalmen und dem Buch Deuteronomium die im neuen Testament am häufigsten zitierte Schrift. Der Name Jesaja ist Programm des gesamten Prophetenbuches, denn er bedeutet „Rettung ist/wirkt JHWH“. Grundthemen sind u.a. die Heimkehr aus dem babylonischen Exil und die Wiederherstellung des Heils für Israel durch JHWH. Die Verheißungen über Geburt und Kommen des Immanuel in den ersten Kapiteln des Buches sind die Folie, auf der Herkunft und Aufgabe Jesu von Nazareth gedeutet wurden, die Texte über den schuldlos leidenden Gottesknecht im zweiten Teil des Buches der Rahmen für Jesu Leiden, Sterben und seine Rettung. Der vorliegende und für den Karfreitag vorgesehene Text umfasst das letzte der vier sogenannten Gottesknechtslieder.
[Vgl. Stuttgarter Erklärungsbibel und Einführung in das AT, Erich Zenger]

Inhaltliche Anregung

Zwar fokussiert der Karfreitag auf das Leiden und Sterben Jesu, die Autoren der alttestamentlichen Schrift hatten bei der Abfassung und Zusammenstellung der Texte aber sicher nicht an Jesus gedacht. Es ist also legitim den Text und seinen Inhalt sowohl (zunächst) vom neutestamentlichen Kreuzesgeschehen loszulösen als auch über seine konkrete Verortung in der Geschichte Israels hinaus zu öffnen.

Die beherrschenden Themen des Textes sind Schuld und Versöhnung sowie unverschuldetes Leiden und erfahrene Gerechtigkeit. Hier bieten sich vielfältige Anknüpfungspunkte zu den Themen Nachhaltigkeit und Schöpfungsgerechtigkeit. Nachfolgend Assoziationen, die der Text provozieren kann:

Er wurde durchbohrt wegen unserer Vergehen, wegen unserer Sünden zermalmt (V.5).
Ich denke an das mit Füßen getretene Tierwohl: 8500 große LKW bräuchte man, um das Fleisch abzutransportieren, das allein in Deutschland jährlich weggeworfen wird (Quelle: Fleischatlas 2014 /Heinrich Böll Stiftung/als Download verfügbar), darunter fallen auch die 45 Millionen männlicher Küken, die geschreddert werden, weil sie in der Fleischindustrie keinen Nutzen bringen.

Er wurde bedrängt und misshandelt, aber er tat seinen Mund nicht auf (V.7).
Ich denke an die irreversible Zerstörung ökologisch sensibler und wichtiger Lebensräume wie Regenwälder, Polargebiete, Ozeane, die klanglos und „im Hintergrund“ vernichtet werden.

Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, aber wen kümmerte sein Geschick (V.8a)?
Ich denke an Journalisten und Aktivisten, die besonders in autoritären Regimen oder im Konflikt mit mächtigen Wirtschaftskonzernen Opfer von Gewalt und Repression werden.

Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Vergehen meines Volkes zu Tode getroffen (V.8b).
Ich denke an ein in weiten Teilen entfesseltes Wirtschafts- und Finanzsystem, das Menschen und Ökosysteme dem Profit und „Wachstum“ unterordnet. Vielfältige Formen der Ausbeutung und Unterdrückung sind etabliert und werden oft schweigend geduldet. Vor allem Menschen in den Ländern des Südens leiden darunter, sind oft im wahrsten Sinn des Wortes vom Land der Lebenden abgeschnitten.

Bei den Frevlern gab man ihm sein Grab und bei den Ruchlosen seine Ruhestätte (V.9)
Ich denke an die ungezählten geflüchteten Menschen, die im Mittelmeer elend ertrinken.

Wie entstehen im Jesaja-Text Recht und Gerechtigkeit?

Zum einen erkennt die Gruppe, die sich hinter dem „wir“ verbirgt, ihre schuldhafte Verstrickung mit dem Elend, das den unschuldig leidenden Knecht trifft. Die Vergehen werden dabei nicht näher benannt, von Sünde ist die Rede, von Krankheit, von Verirrung: Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg (V.6).
Das Thema des Jesajabuches ist die Heimkehr aus dem babylonischen Exil, aus der Verirrung in die Heilige Stadt Jerusalem. Darin steckt für mich die Aufforderung, zurückzukehren zu einer Lebensweise, die weniger überdreht ist, die weniger Ressourcen und Lebensgrundlagen verschlingt. Verstrickungen erkennen bedeutet auch, vor den Folgen meines Verhaltens nicht die Augen zu verschließen, sondern ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass alles mit allem verbunden ist.

Zum anderen wird die Versöhnung von Gott bewirkt. Sie findet zwar mit den Verirrten statt, aber sie wird nicht von ihnen initiiert: Nachdem er vieles ertrug, erblickte er das Licht. Er sättigt sich an Erkenntnis. Mein Knecht macht die Vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich. Deshalb gebe ich ihm Anteil unter den Großen. (V.11-12a) Wir müssen erkennen: Versöhnung und Zukunft stehen nicht in unserer Macht. Als Menschengemeinschaft stehen wir vor sozialen und ökologischen Problemen, in die wir einerseits verstrickt sind (s.o.), und die andererseits älter sind als wir und uns mit ihrer Komplexität und Wucht überfordern.

Vielleicht kann hier eine Brücke zum Kreuzesgeschehen des Karfreitag geschlagen werden: Jesus stirbt den Tod eines unschuldig Verurteilten. Auch sein Tod geht nicht auf das Verschulden einer Einzelperson zurück, sondern reiht sich ein in Tode von Menschen, die ungerechten und machthungrigen Strukturen zum Opfer gefallen sind. Und auch sein Leben und Sterben steht wie das des Gottesknechts bei Jesaja im Zusammenhang der Erlösung: Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben, und es in Fülle haben. (Joh 10,10). Es geht dann nicht um einseitige Schuldzuweisungen, auch nicht um juristischen Ausgleich. Es geht darum, dass ich mich persönlich ergreifen lasse, und darum, sich im Privaten wie in der Gesellschaft herauszulösen aus Strukturen, die zum Tod von Menschen und Schöpfung führen. Das vierte Lied des Gottesknechts im Jesaja Buch kann uns helfen, unsere Augen dafür zu öffnen. Und es kann uns helfen, sie offen zu halten für die Verheißung, dass Gott ein Schöpfergott ist, der auch aus Totem Leben wachsen lässt.

Hebr 4,14-16;5,7-9

Exegetische Vorbemerkung

Am Schluss des Briefes, in 13,22, bezeichnet sich das Schreiben selbst als „Mahnrede“, und so ist der Brief von zwei wesentlichen Elementen durchzogen: Ermahnungen zu einem untadeligen Leben gepaart mit diversen Androhungen auf der einen und christologischen Deutungen des Heilsgeschehens durch Jesus Christus auf der anderen Seite. Vor allem letztere findet sich auch im Lesungstext 4,14-16;5,7-9 für Karfreitag und vermitteln eine wesentliche Einsicht: göttliches Heilshandeln ist menschlichem Tun vorgeordnet. Aus der Annahme der Zuwendung Gottes folgt das Bemühen um ein aufrichtiges Leben.

Inhaltliche Anregung

So wie das vierte Lied des Gottesknechtes einen unschuldig Leidenden vorstellt, der die Sünden der vielen trägt, erzählt der Hebräerbrief von Jesus, dem Sohn Gottes, der mit unserer Schwachheit vertraut ist, ohne selbst gesündigt zu haben. Auffällig bleibt dabei allerdings, dass Leiden im Hebräerbrief oft in Verbindung mit dem Lernen von Gehorsam gebracht werden. Das ist eine für uns heute schwer verständliche „Pädagogik“ – zumindest, wenn sie bewusst initiiert wird. Dennoch bietet dieser Stolperstein einen wichtigen Anknüpfungspunkt und wirft eine für die Debatte um Nachhaltigkeit wichtige Frage auf:

  • Wann handle ich?
  • Wann fange ich an, mein Verhalten zu ändern?
  • Reagiere ich erst auf Leidensdruck?

Eine der großen Schwierigkeiten angesichts des bevorstehenden Klimawandels ist ja die rechtzeitige Reaktion. Für die Transformation unserer (globalen) Gesellschaft hin zu einer Gesellschaft, die ihre ökologischen Grundvoraussetzungen nicht irreversibel verletzt, gibt es ein leider nur noch sehr schmales Zeitfenster: die Wissenschaft spricht von zwei Generationen. Das bedeutet, dass wir heute die Weichen stellen müssen, damit Menschen morgen noch in einer für unsere zivilisatorischen Maßstäbe halbwegs intakten Welt leben können. „Unsere Selbstbeschränkung heute, wird morgen Leben retten.“ – so Frank-Walter Steinmeiner in einer Rede am Beginn der Coronakrise[1]. Die Worte des Bundespräsidenten könnten in gleicher Weise in die Situation der in unseren Breiten noch wenig spürbaren Klimakrise gesprochen werden!

Wir sind aufgefordert mit Zuversicht hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Erbarmen und Gnade finden und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit (V. 4,16)? Die rechte Zeit ist jetzt! Dazu drängt uns anknüpfend an den Jesajatext die Erkenntnis, dass wir in die Geschichte dieser Erde, in das Schöne, Beeindruckende und Wundervolle genauso wie in die Grausamkeiten und die Leiden von Menschen und Natur verstrickt sind.

Mut macht, dass Gott um unsere Schwachheit weiß. In Jesus „fühlt Gott mit“. In ihm verurteilt er uns nicht, sondern wirbt um Nachahmer. Wir können uns seine Taten und seine respektvolle Haltung gegenüber allen Menschen, besonders gegenüber den Hilfebedürftigen und Leidenden, zu eigen machen. Auch wir können mitfühlen und handeln, bevor wir am eigenen Leib, in der eigenen Gesellschaft die Folgen des Klimawandels erfahren. Und wir können wie er mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den bringen, der aus dem Tod retten kann (vgl. V. 5,7). Im kirchlichen Jahreskreis ist der Karfreitag sicher nicht der einzige, aber sicher der passendste Tag dafür.

Nico Körber, Speyer