Palmarum / Palmsonntag (09.04.16)

Palmarum / Palmsonntag [III/A]

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Mk 14, 3-9 Jes 50, 4-7 Phil 2, 6-11 Mt 21, 1-11

Stellung im Kirchenjahr
Der Palmsonntag stellt einen Höhepunkt in der Passionszeit dar. Da wird die Leidenszeit noch einmal festlich unterbrochen, bevor die Karwoche beginnt. In vielen evangelischen Gemeinden ist es immer noch ĂŒblich, an Palmsonntag Konfirmation zu feiern, wobei der eigentliche Inhalt dieses Tags leider völlig in den Hintergrund tritt.

Markus 14, 3-9
Exegetische Überlegungen
Meistens kennen wir die Geschichte von der Salbung Jesus als Fußsalbung durch eine SĂŒnderin (Lukas) oder durch Maria von Bethanien. Markus erzĂ€hlt von der Kopfsalbung durch eine Unbekannte, die in die MĂ€nnergesellschaft einbricht. Der Auftritt dieser namenlosen Frau erregt Aufsehen durch seine Exzentrik. Sie bricht das Hausrecht und verletzt die Traditionen, um Jesus etwas Gutes zu tun. Sie salbt ihn wie man einen Toten salbt. Im Markusevangelium beginnt mit dieser prophetischen Zeichenhandlung die Passion und wie bei einer klassischen prophetischen Zeichenhandlung erregt diese heftigen Widerspruch. Ölungen galten im römischen Reich als dekadenter Luxus aus dem Morgenland. Könige wurden gesalbt, allerdings wurde kein israelitischer König von einer Frau gesalbt. GĂ€ste wurden gesalbt zum Erfrischen, Tote zum Einbalsamieren und Ehren, Kranke als Therapiemaßnahme. Jesus wird von Markus als einsam und verlassen geschildert, dem die Zuwendung dieser Frau gut tut.

Predigtimpulse
In den Geschichten der Bibel entdecken wir eine Menge Zuwendung und ZĂ€rtlichkeit, die immer wieder heilend wirkt. Durch wohltuende Worte, durch Handauflegen, durch KĂŒssen, durch gemeinsame Mahlzeiten wird Gottes Liebe fĂŒr die Menschen spĂŒrbar in diesen Geschichten. Vor allem die Begegnung mit Jesus verĂ€nderte Menschen. Die Beziehung zu ihm wirkte heilsam, seine BerĂŒhrungen und seine NĂ€he machte Menschen frei von ihren Belastungen, machte Kranke gesund. Hier erfĂ€hrt Jesus durch diese Frau selbst einmal die wohltuende, liebevolle NĂ€he eines Menschen. Er, der sonst immer seine Liebe und Kraft fĂŒr andere gegeben hat, wird hier selbst einmal umsorgt.
Wenn wir uns die unbekannte Frau zum Vorbild nehmen und der ZĂ€rtlichkeit etwas zutrauen, wenn wir Freundschaften schließen und wenn wir versuchen Gerechtigkeit herzustellen, dann machen wir Gott in unserer Welt lebendig.

Bezug zur Nachhaltigkeit
Auf den ersten Blick ist diese Geschichte im Bezug auf Nachhaltigkeit eine Katastrophe. Da werden Ressourcen verschwendet, völlig maßlos aus dem Vollen geschöpft, Geld ausgegeben, das fĂŒr ganz andere, sinnvollere, lebensnotwendigere Dinge gebraucht wĂŒrde. Vielleicht sollten wir diesen Text aber auch als Ermutigung verstehen. NĂ€mlich  auch manchmal etwas zu tun, einfach nur, weil es gut tut. Auch als Engagierte in Sachen Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit mĂŒssen wir doch nicht immer dem Ruf gerecht werden, die moralinsauren Spaßbremsen zu sein, die sich selbst und anderen alles verbieten wollen, was Freude macht.

Ja, diese Salbung war verschwenderisch! Aber sie hat mit ihrer ZĂ€rtlichkeit Jesus gut getan, sie gab ihm Kraft, durchzustehen, was ihm bevorstand.

Also lasst uns nicht immer ein schlechtes Gewissen haben, wenn wir auch einmal etwas genießen, zum Beispiel ein gutes Essen oder einen schönen Ausflug. Sondern lassen wir solche Höhepunkte unser Leben bereichern und ziehen wir daraus Kraft fĂŒr unseren weiteren Einsatz fĂŒr Gerechtigkeit.

Phil 2, 6-11
Exegetische Überlegungen
Der sogenannte Christushymnus lag aller Wahrscheinlichkeit nach Paulus schon als psalmĂ€hnlicher Hymnus vor und er baute ihn in den Textzusammenhang ein. Er stellt eine enge Verbindung zur Ermahnung der Gemeinde her, sich gemĂ€ĂŸ dem Vorbild Christi zu verhalten und als christliche Gemeinschaft in der Nachfolge Jesu erkennbar zu sein. Der Weg Jesu Christi, der gottgleich beschrieben wird, wird als Weg durch Leiden und Ohnmacht dargestellt bis hin zur Erhöhung durch Gott.

Predigtimpulse
Jesu Geschichte zwischen Macht und Ohnmacht steht exemplarisch fĂŒr ein Leben mit Gott, das unabhĂ€ngig von den Zielen weltlicher Macht und trotz aller WiderstĂ€nde gelebt wurde und letztendlich mĂ€chtiger und wirkungsvoller war als  das vieler Herrscher, die im ersten Moment erfolgreich aussahen. Die Verletzlichkeit Jesu und die Konsequenz, mit der er seinen Leidensweg bis zum Ende gegangen ist, kann uns Mut machen durchzuhalten in unseren KĂ€mpfen und Herausforderungen.

Bezug zur Nachhaltigkeit
Auch wenn wir unsere Ohnmacht angesichts des menschenverachtenden Handelns ĂŒbermĂ€chtiger Konzerne und der Finanzwelt immer wieder schmerzhaft zu spĂŒren bekommen, kann uns Jesu SolidaritĂ€t im Leiden ermutigen, nicht aufzugeben im Kampf fĂŒr eine Welt, in der auf die OhnmĂ€chtigen geachtet wird, eine Welt, in der denen, die verstummt sind,  Stimme verliehen wird.

Jes 50, 4-7
Exegetische Überlegungen
Der Text gehört zu den sogenannten Gottesknechtsliedern aus Deuterojesaja (Jes 40-55). Im babylonischen Exil mitten unter den Deportierten, die sich schuldig und von Gott verlassen fĂŒhlten, entstanden diese eindrĂŒcklichen Texte, vermutlich von einer Gruppe von Propheten verfasst, deren Namen wir nicht kennen.

In der christlichen Tradition wurden die Texte dann auf Jesus bezogen, was zwar aufgrund der ParallelitÀt des Leidens nahe zu liegen scheint, aber den hebrÀischen Texten nicht wirklich gerecht wird.

Deuterojesajas Botschaft insgesamt ist eine Botschaft der Hoffnung. Die Menschen im Exil bekommen prophezeit, dass Gott sie retten wird und sie befreit nach Jerusalem zurĂŒckkehren können.

Predigtimpulse
Auch Menschen, die an Gott glauben und ein Leben im Sinne Jesu fĂŒhren wollen, sind nicht gefeit gegen Kummer und Leid. Leiden annehmen und es nicht verdrĂ€ngen, kann den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt durchbrechen. DafĂŒr ist die leidende Person im Jesajabuch ein Beispiel.

Bezug zur Nachhaltigkeit
Eine oder einer muss anfangen aufzuhören. Der ewige Kreislauf der Eskalation muss endlich durchbrochen werden. LeidensfÀhigkeit gehört dazu, wenn wir hartnÀckig bleiben und immer wieder aufs Neue gegen Ungerechtigkeit angehen wollen.

Mt 21,1-11
Exegetische Überlegungen
Dieser Text ist in der evangelischen Perikopenordnung dem 1. Adventssonntag zugeordnet. Aber sowohl hier wie dort drĂŒckt er ja den Beginn der Vorbereitung auf das Kommen des erwarteten Messias aus. Das Zitat aus Sacharja macht deutlich, dass es sich bei Jesus um den erwarteten Messias handelt, der mit königlichen Attributen versehen wird. Er reitet majestĂ€tisch ein ĂŒber einen Teppich von Kleidern, die Menge jubelt ihm zu. Jesus tritt hier als der FriedefĂŒrst auf, der den ihm von Gott bestimmten Weg geht, denn er weiß schon im Voraus, wo Eselin und Fohlen zu finden sind. Der Text zeigt aber auch die WidersprĂŒchlichkeit auf zwischen AutoritĂ€t und Demut Jesu, zwischen Machtanspruch und Machtlosigkeit.

Predigtimpulse
Dieser Friedenskönig kommt nicht auf einem stolzen Pferd geritten, sondern auf einem Esel, einem Arbeitstier. Jesus stellt die Macht der MĂ€chtigen in Frage, er hat es nicht nötig sich zu inszenieren, seine Macht ist eine andere als die weltlicher Herrscher. Noch jubeln sie ihm zu, wenige Tage spĂ€ter werden sie: „Kreuziget ihn“ schreien. Menschen sind mit dem Erweisen ihrer Gunst nicht sehr zuverlĂ€ssig, Ruhm ist vergĂ€nglich.

Bezug zur Nachhaltigkeit
Das Bild des auf einer Eselin in die Stadt Einreitenden karikiert  fĂŒr mich menschliche sich selbst ĂŒberhebende Machtdemonstrationen (s. Foto von Putin mit nacktem Oberkörper auf einem Pferd in derselben Pose wie Alexander der Große), die schĂ€dlich sind fĂŒr das Zusammenleben der Menschen.

Jesus steht hier ganz besonders fĂŒr Gewaltlosigkeit und Frieden. Es bleibt Ansporn und Anspruch an uns, diesem Vorbild zu folgen, auch wenn wir vielleicht manchmal lieber selbst zugejubelt bekĂ€men. Und obwohl dieser Weg kein bequemer ist, sondern auch mit Leiden verbunden sein kann.

Martina Horak-Werz, Gommersheim (Pfalz)