o5.o5.24 – Rogate / 6. Sonntag der Osterzeit

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
2 Mose 32,7-14 Apg 10, 25-26.34-35.44-48 1 Joh 4, 7-10 Joh 15, 9-17

2 Mose 32,7-14
Exegetische Bemerkungen

Die Perikope gehört in die ErzÀhlung des «Goldenen Kalbes». ZunÀchst einige exegetische Beobachtungen:

  • In V.7 spricht Gott von «deinem [sprich: Moses] Volk». Gott distanziert sich von seinem Volk. In V.11 und 12 erinnert Mose Gott daran, dass das Volk doch «sein [sprich: Gottes] Volk» ist. Die Intervention ist erfolgreich, denn in V.14 wird konstatiert, dass es Gott reute, «seinem Volk» Unheil angedroht zu haben. Gott lĂ€sst sich also von seinem auf die Vernichtung des Volkes zielenden Zorn durch Moses Bitten abbringen.
  • Wie Jacob in seinem Exodus-Kommentar[1] herausstellt, ist das Wort «halsstarrig» vor dem Hintergrund zu verstehen, dass der Mensch vor Gott wandeln soll wie die Herde vor dem Hirten (vgl. z.B. Gen 17,1 oder Jes 30,20). Der Mensch soll auf die Weisungen Gottes hören. Die Halsstarrigkeit verweist auf die Weigerung des Menschen, sein Gesicht Gott und seinen Weisungen zuzuwenden. Der Halsstarrige hĂ€lt seinen Nacken steif und geht stur seinen Weg. Das Volk Israel ist in diesem Sinne «halsstarrig», da es vom Weg abgewichen ist, den Gott ihm geboten hat (V.9).

BezĂŒge zur Nachhaltigkeitsthematik

Die Perikope lĂ€sst sich ungezwungen auf Nachhaltigkeitsthemen und unsere eigene Situation beziehen. Sie lĂ€dt dazu eine, unsere eigene «Halsstarrigkeit» zu reflektieren und der Thematik der SĂŒnde in ihrer individuellen und kollektiven Dimension nachzugehen, gerade im Hinblick auf unser Verhaftetsein an einen nicht-nachhaltigen und zu ressourcenintensiven Lebensstil.

Dass die Lage des Planeten alarmierend ist, sagt die Klimaforschung schon lange. Die lebensdienliche «Weisung» ist wie im Fall Israels klar und deutlich, aber es Àndert sich erschreckend wenig. Bisweilen entsteht sogar der Eindruck, dass sich viele Menschen umso mehr an ihren alten Lebensstil klammern, je stÀrker die Notwendigkeit offensichtlich wird, etwas daran zu Àndern.

Sehenden Auges, so scheint es, schreiten wir voran und hinterlassen einen viel zu grossen ökologischen Fussabdruck, der nicht nur Polareis und Gletscher schmelzen lĂ€sst, sondern auch den Lebensraum unzĂ€hliger Arten und vieler Menschen zu vernichten droht. Unsere westliche Externalisierungsgesellschaft[2] ist systematisch blind fĂŒr die Kosten unseres Lebensstils, die andere zu tragen haben.

«Wir sind Teil der NormalitĂ€t, die wir verĂ€ndern wollen.», bringt es der Schweizer Umweltnaturwissenschaftler und Klimaaktivist Georg Klingler zum Ausdruck. Wir sind, wie die Befreiungstheologie schon lange weiss, verstrickt in UnrechtszustĂ€nde und -mechanismen. Das ist die strukturelle Dimension der SĂŒnde. Auch in unserer Perikope wird die kollektive Dimension der SĂŒnde herausgestellt. Es ist «das Volk», das Aaron auffordert: «Komm, mache uns Götter, die vor uns herziehen.» (Exodus 32,1)

Hermeneutisch ertragreich ist der Hinweis, dass die Anbetung des «goldenen Kalbes» einer Abkehr von jenem Gott bedeutet, der Freiheit nicht nur verheisst, sondern sich im Exodusgeschehen bereits als Befreier erwiesen hat. Wie genau die Freiheit, die der Glaube an Gott verheisst, in der VerkĂŒndigung zur Sprache gebracht werden kann, soll hier nicht en dĂ©tail ausgefĂŒhrt werden. Eine denkbare Linie soll aber kurz skizziert sein.

Verheisst der Glaube an Gott nicht, dass unsere wahren BedĂŒrfnisse gestillt werden? Im Johannesevangelium ist das besonders offensichtlich: Christus ist dort das lebendige Wasser, das ein wirklich lebendiges Leben (zoĂ©) verheisst.[3] Damit ist ein Leben im Blick, das sich der Expansionslogik, die unserer Lebensform innewohnt, entzieht: Das «wahre», das wahrhaft lebendige Leben ist nicht eines, das darin besteht, dass ich immer mehr habe, immer mehr Luxus anhĂ€ufe, immer mehr LĂ€nder bereise, immer mehr Erlebnisse suche, um so immer mehr GlĂŒckserlebnisse zu akkumulieren. Eher ist es ein Leben, das meine tieferen existenziellen BedĂŒrfnisse befriedigt: Das BedĂŒrfnis nach einem Sinn im Leben zum Beispiel, oder ein Leben in Beziehung: zu anderen Menschen, zu unseren tierischen Mitgeschöpfen, zur Schöpfung als ganzer.

Um noch einmal Georg Klingler zu Wort kommen zu lassen:

«Wir wissen, dass dieser ganze Materialismus uns nicht glĂŒcklich macht. Man muss genug haben, um sich sicher zu fĂŒhlen. Aber darĂŒber hinaus steigt das GlĂŒck nicht. Wir leben in einer Gesellschaft, in der sich in den letzten zehn Jahren der Gebrauch von Antidepressiva verdoppelt hat und der Drogenkonsum stetig zunimmt. Wir vergleichen uns mit anderen und sind unglĂŒcklich, weil die anderen mehr haben, anstatt dass wir unsere zwischenmenschlichen Beziehungen leben, uns gegenseitig helfen und mit diesem Frieden ein Leitbild finden wĂŒrden, um die Gesellschaft neu zu gestalten.»[4]

WĂ€re das nicht auch eine Inspiration fĂŒr kirchliches Leben? Ein Leben nach der Weisung Gottes wĂ€re eines in lebensdienlichen Strukturen, eine wahrhaft freie und gerechte Existenz, die nicht auf Kosten anderer ginge. In dieser Perspektive wĂ€re der Tanz um das goldene Kalb ein Bild fĂŒr eine Gesellschaft, die in erster Linie ihre eigenen Produkte anbetet und einem problematischen VerstĂ€ndnis von GlĂŒck nachjagt, die Quelle des Guten und die Forderung nach Gerechtigkeit aber aus dem Blick verloren hat.

Apg 10, 25-26.34-35.44-48: Die Perikope weist aus unserer Sicht keinen Bezug zu Nachhaltigkeitsthemen auf.

1 Joh 4,7-10  und Joh 15, 9-17
Exegetische Bemerkungen

Das zentrale Thema des 1. Johannesbriefs ist die Agape: «Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.» (1. Joh 4,16) In unserem Abschnitt findet sich die Zuspitzung, dass sich an der Liebe zeigt, ob jemand Gott erkannt hat. Gott erkennen ist also kein theoretischer Vorgang, keine Sache des Denkens allein, denn die Liebe ist ja eine praktische, die ganze Person betreffende Einstellung.

Die Johannesbriefe beanspruchen, die richtige Auslegung des Johannesevangeliums zu sein. Das ist auch der sachliche Grund dafĂŒr, warum hier die beiden Texte 1. Joh 4 und Joh 15 gemeinsam kommentiert werden. Zwischen ihnen besteht eine enge thematische Verbindung. In den Abschiedsreden des Johannesevangeliums setzt Jesus in Joh 13,34f. selbst das Liebesgebot ein. In Joh 15,12, im Rahmen unserer Perikope, wird es wieder aufgenommen.

1 Joh 4 liest sich wie eine Auslegung und Wiederaufnahme der genannten Passagen aus den Abschiedsreden, in denen Jesus die Zeit in den Blich nimmt, in der er nicht mehr physisch, sondern auf andere Weise gegenwĂ€rtig sein wird. Das Liebesgebot ist dabei das einzige Gebot, das im Johannesevangelium vorkommt. Es ist fĂŒr Johannes von allesentscheidender Bedeutung, denn in der Liebe halten wir Christus prĂ€sent auf der Erde. Gott ist im johanneischen Schrifttum nicht Objekt unseres Liebens. Eher ist er das Medium unseres Liebens, das Element, in dem wir existieren. Wenn wir lieben, ist Gott in uns und wir sind in Gott.

BezĂŒge zur Nachhaltigkeitsthematik

Die Liebe als christliche Grundeinstellung kann in vielfĂ€ltiger Weise auf Nachhaltigkeitsthemen bezogen werden, ist sie es doch, die uns mit allen Menschen und mit der gesamten Schöpfung verbindet. Das «einander» Lieben des Johannesevangeliums sollte nicht auf die innerchristliche Liebe zur Schwester und Bruder in Christo allein bezogen werden. Zwar sollen christliche Gemeinden tatsĂ€chlich eine Verkörperung dieser Liebe sein, aber das heisst nicht, dass Christinnen und Christen nur mit anderen «Insidern» in Liebe verbunden sein sollen. Die Agape transdenziert vielmehr Grenzen aller Art: Andere – sowohl Mitmenschen wie auch nicht-menschliche Mitgeschöpfe – mit den Augen der Liebe zu betrachten, erschliesst ihren Wert und ihre BerĂŒcksichtigungswĂŒrdigkeit. Das ist fĂŒr Themen globaler Gerechtigkeit genauso basal wie fĂŒr die sich im Rahmen von Umwelt- und Klimagerechtigkeit stellenden Fragen, bei denen das Problem ja – wie oben zu Exodus 32 ausgefĂŒhrt – es primĂ€r die anderen sind, die die negativen Folgen unseres Lebensstils zu tragen haben. Das Gegenteil von Liebe im christlichen Sinn ist nicht Hass, sondern GleichgĂŒltigkeit, d.h. ein Mangel an «Caring» fĂŒr andere. «Nach [oder: neben] uns die Sintflut» ist aus der Perspektive christlicher Ethik keine Option.

Dr. Christoph Ammann, ZĂŒrich

Fußnoten:

[1] Benno Jacob: Das Buch Exodus, Stuttgart 1997, S. 930.

[2] Vgl. das Buch des renommierten Soziologen Stephan Lessenich mit dem sprechenden Titel «Neben uns die Sintflut. Wie wir auf Kosten anderer leben» (3. Aufl., MĂŒnchen 2020).

[3] Vgl. dazu die tiefschĂŒrfenden Überlegungen des französischen Philosophen François Jullien in seinem Buch „Ressourcen des Christentums“. Jullien weist zurecht auf die fundamentale Bedeutung der Tatsache hin, dass im Johannesevangelium zwei unterschiedliche Begriffe von Leben verwendet werden. Erstens Leben als psychĂ©, „das Leben als das einfache Am-Leben-sein, das Beseelt-sein, weil den Lebensatem in sich bergend“ (Jullien, S. 55), die Übersetzung des hebrĂ€ischen nephesh. Dann aber zweitens auch Leben als zoĂ©, als das lebendige Leben, als ein Leben in der FĂŒlle. „Wer dem Am-Leben-Sein verhaftet bleibt und sich darin festfĂ€hrt, verliert seine FĂ€higkeit, völlig, d.h. ĂŒbermĂ€ssig lebendig zu sein. Wer sich jedoch von seiner Fixierung auf die einzige Sorge, am Leben zu bleiben, befreien kann, der kann dieses in einem tatsĂ€chlich lebendigen Leben zur Entfaltung bringen [
].“ Jullien, S. 57.

[4] Programmheft zu „Sonne, los jetzt“ von Elfriede Jelinek, Schauspielhaus ZĂŒrich 2023, S. 45.

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