Rogate / 6. Sonntag der Osterzeit / 5. Sonntag nach Ostern (25.05.14)

Rogate / 6. Sonntag der Osterzeit

 

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
2 Mose 32, 7-14 Apg 8, 5-8.14-17 1 Petr 3, 15-18 Joh 14, 15-21

 

Gott ins Gebet nehmen

Die Oberschicht des Volkes Israel befindet sich im Exil in Babylon. Die Priester haben keinen Tempel mehr, an dem sie ihren liturgischen und seelsorgerlichen Pflichten nachgehen k├Ânnen, f├╝r die Lehrer gibt es keine Schulen und keine Sch├╝ler, die Politiker haben jeglichen Einfluss verloren und die wirtschaftlichen M├Ąchtigen m├╝ssen sich mit einfachen Gesch├Ąften durchschlagen.

In der Mitte des 5. Jahrhunderts von Christus befindet sich die Elite des Volkes in einer verzweifelten und schier ausweglosen Lage. Die Weisungen, die Gott ihnen zum Leben gegeben hat, werden immer weniger befolgt. Der Tempel in Jerusalem ist zerst├Ârt und eine R├╝ckkehr dorthin so gut wie ausgeschlossen. In dieser Not scheint nur noch beten zu helfen. Manche erinnern sich, dass es in den Geschichten einzelner St├Ąmme des Volkes schon einmal eine solche ausweglose Situation gab, die ihrer Gefangenschaft in Babylon vergleichbar war.

Als Sklaven hatten diese St├Ąmme unter der Herrschaft des Pharao in ├ägypten gelebt. Dann hatte sie Mose im Auftrag ihres Gottes aus Unterdr├╝ckung und Ausbeutung herausgef├╝hrt. Doch sie hatten nicht den schnellstm├Âglichen Weg in ihr ÔÇ×gelobtes LandÔÇť nehmen k├Ânnen, sondern mussten 40 Jahre durch die W├╝ste ziehen, um schlie├člich an ihr Ziel zu gelangen. Auf diesem Umweg durch die W├╝ste empfingen sie die Weisung Gottes, der sie folgen sollten. Doch die Belastungen des W├╝stenlebens f├╝hrten sie auf Ab- und Irrwege. Statt dem Gott ihrer Lebensweisung zu vertrauen, machten sie sich ein eigenes G├Âtterbild aus Gold, das sie anbeteten.

Wie das Exil in Babylon so war auch die W├╝ste ein Ort der Abkehr von ihrem Gott. Denn angesichts der harten Bedingungen in fremder und lebensfeindlicher Umgebung stellten sie die Frage, wo ihr Gott denn nun sei. Sollten sie nicht lieber den G├Âttern nachlaufen, die ihnen Gold, Einfluss und Zukunft versprachen? F├╝r ihren Gottesglauben war sowohl die W├╝ste als auch das Exil eine Bew├Ąhrungsprobe. Denn wenn sie sich von Gott abwandten, dann konnte dieser auch zornig und eifers├╝chtig werden und wie ein gekr├Ąnkter Liebhaber reagieren.
Den strafenden Gott machten sie f├╝r ihr gegenw├Ąrtiges Unheil verantwortlich. Er handelte in der Geschichte und das Verhalten seines Volkes war ihm nicht gleichg├╝ltig. Doch er l├Ąsst sich auch ins Gebet nehmen. Gegen den goldenen G├Âtzen der Macht und des Goldes steht der barmherzige Gott, der von seinem vernichtenden Zorn Abstand nimmt. Die Bitten des Mose bringen Gott in Bewegung, denn er ist kein unempfindlicher, kalter und ferner Weltenherrscher. Das Flehen des Mose geht ihm zu Herzen und er wird von dessen Argumenten ├╝berzeugt.

Wer betet, ist mit dieser Welt, mit sich, mit seinen Mitmenschen und mit Gott nicht fertig. Er hofft, dass die W├╝ste und das Exil einmal vorbei sein werden, dass Umkehr und eine andere Welt m├Âglich ist. Wo Gott ins Gebet genommen wird, da wird an eine nachhaltige Zukunft geglaubt. Die zunehmende Verwahrlosung und Verw├╝stung der Erde im Zeichen des goldenen Stieres soll aufh├Âren.
Individuelle Profitgier und gesellschaftlicher Wachstumswahn, f├╝r die der Bulle vor den B├Ârsen in Frankfurt und an der Wall Street das un├╝bersehbare Zeichen ist, nehmen nur sehr begrenzt R├╝cksicht auf die nat├╝rlichen Ressourcen der Erde und den verheerenden Wandel des Klimas durch CO-2-Emissionen.
Die fragw├╝rdige Methode des ÔÇ×FrackingÔÇť zur Energiegewinnung kann bewohnbare Landstriche vergiften und verw├╝sten, der Klimawandel l├Ąsst die W├╝sten der Erde wachsen, und die Vielfalt der Arten in Luft, Wasser und auf der Erde geht durch die Verschmutzung und Verminderung ihrer Lebensr├Ąume immer weiter zur├╝ck.

Das Gebet ist der dringliche Ruf zur Umkehr, damit die Menschen vor den schrecklichen Folgen ihres eigenen Tuns verschont werden. Sie sind mit dem ├Âkologischen Raubbau wieder auf dem Weg ins Exil, diesmal allerdings sind es nicht die Babylonier, die sie dorthin zwingen, sondern sie selbst. Indem sie sich in der Ausbeutung und Besch├Ądigung der nat├╝rlichen Lebensgrundlagen nicht begrenzen und auch Gott um nichts mehr bitten zu m├╝ssen glauben, schwingen sie sich zu Herren auf, die selber herrenlos geworden sind.
Angesichts solch desastr├Âser Entwicklungen bleibt am Ende nur noch das flehentliche Bitten um Erbarmen. Zu einer ├Âkologischen Gebetslitanei geh├Ârt stets auch das Arbeiten f├╝r die dauerhafte Bewahrung von Gottes Sch├Âpfung. Was schlie├člich auch von kirchlichen Umweltaktivit├Ąten bleiben wird, ist das Beten und das Tun des Notwendigen.

F├╝r Denkschriften und Expertisen, langatmige Warnungen und zaghafte ├änderungen wird es im  Blick auf die irreversiblen Zerst├Ârungen der Umwelt eines Tages zu sp├Ąt sein. Und dieser Tag r├╝ckt n├Ąher. Auf den Klimawandel richtet man sich bereits ein, weil er in einem bestimmten Ausma├č l├Ąngst nicht mehr zu stoppen ist. Das ├Âffentliche Beten wird man wohl wieder lernen m├╝ssen, denn das private K├Ąmmerlein ist f├╝r dieses Gebet zu still. Gott gilt es an seine Treue und an seinen barmherzigen Bund mit den Menschen zu erinnern ÔÇô wie Mose dies in der W├╝ste tut -, damit sie noch eine lebenswerte Zukunft haben. Die Sehnsucht nach dem Ende   von ├Âkologischer W├╝ste und menschlichem Exil findet im Gebet ihr Zuhause.

Auch in den katholischen Lesungen Apg. 8, 14-17 und 1. Petr. 1, 3-7 stellt sich die Frage, wem mehr zu vertrauen ist, dem barmherzigen Gott und seinem Geist oder dem Geld und seiner scheinbaren Macht. Mit der Bitte der Apostel Petrus und Johannes um den heiligen Geist entsteht auch in Samaria, in der eine j├╝dische Sekte zu Hause war, die von den Autorit├Ąten in Jerusalem eher ausgegrenzt wurde, eine Gemeinschaft derer, f├╝r die Gottes Barmherzigkeit in Jesus Christus den Aufbruch aus Exil und W├╝ste bedeutet.
Von den R├Ąndern des Volkes Israel her soll das Zentrum des j├╝dischen Glaubens, die Tora, als Weg  zur Umkehr und Erneuerung wieder entdeckt werden. Der Magier Simon will Petrus und Johannes Geld geben, damit er an der Macht ihrer Bitten um den heiligen Geist teilhat. Doch diese Vollmacht und der damit verbundene Geist sind nicht k├Ąuflich. F├╝r Simon kann nur um Vergebung angesichts seines ├Âkonomischen Denkens gebeten werden. Nachhaltige Entwicklung wird ohne die Erkenntnis, dass entscheidende Dinge nicht zu kaufen sind, unm├Âglich sein. Und der Lobpreis ├╝ber die gro├če Barmherzigkeit Gottes in Jesus Christus in 1. Petr. 1 macht ebenfalls deutlich, dass Gottvertrauen viel kostbarer ist als das verg├Ąngliche Gold.
Dieses Vertrauen, das alle Sicherheiten, die Gold und Geld versprechen, ├╝bersteigt, ist die Grundlage jedes Gebets. Der Horizont der Ewigkeit, dem sich das Gebet ├Âffnet, begr├╝ndet eine Hoffnung, die dem menschlichen Ringen um eine ├Âkologisch gerechte Welt einen langen Atem verleiht.

Wie sehr das Bitten und das Tun miteinander verkn├╝pft sind, ist Thema des Evangeliums in Joh. 14,.12-14. In seinen Abschiedsreden an seine J├╝ngerinnen und J├╝nger versichert Jesus  ihnen, dass er im Verh├Ąltnis zu Gott, seinem Vater, das tun wird, worum sie ihn bitten werden. Der Glaube an ihn wird auch zum entsprechenden Tun f├╝hren. Gott wird ins Gebet genommen, damit endlich getan wird, was l├Ąngst notwendig ist: einen friedlichen, r├╝cksichtsvollen Umgang miteinander und mit der Sch├Âpfung einzu├╝ben, bei dem Gottes Schalom, die Ganzheit von Mensch und Natur sichtbar wird.

 

Werner Schneider-Quindeau