Tag der Geburt Christi / Christfest I / Weihnachten (25.12.19)

Tag der Geburt Christi / Christfest I / Weihnachten

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Tit 3, 4-7 am Morgen: Jes 62, 11-12
am Tag: Jes 52, 7-10
am Morgen: Tit 3, 4-7
am Tag: Hebr 1, 1-6
am Mo.: Lk 2, 15-20
am Tag: Joh 1, 1-18

RevolutionÀre ZÀrtlichkeit, damit die Liebe auch im synthetischen Zeitalter nicht zerbricht und das Leben nicht verlöscht

Stellung im Kirchenjahr

Der 1. Weihnachtsfeiertag stellt das eigentliche Weihnachtsfest dar. FrĂŒh schon durch die ersten Christen sehr bewusst auf die Wintersonnenwende gelegt gilt es diese Priorisierung auch dahingehend auszudeuten, dass es hierbei darum geht, die grundlegende Wende des Christus-Ereignisses ins Wort zu bringen und ins Bewusstsein zu heben. Ökumenisch gesprochen darf auch mitschwingen, aus Katholizismus und Orthodoxie dahingehend gelernt zu haben, dies auch spĂŒrbar, fĂŒhlbar und geradezu geschmacklich zu tun. Kurz: die Botschaft „mit allen Sinnen“ und zugleich sinngebend darzulegen, zu feiern und so möglichst gesammelt und tief ins Sein der Mitfeiernden einzusenken. Die Menschen von heute bestehen nun einmal aus einem verwundbaren Mix aus Sinnlichkeit und VerstandestĂ€tigkeit, mĂ€nnlicher und/oder weiblicher PolaritĂ€t, herrschaftlich (imperial) oder durch Dienstbarkeit und BeschrĂ€nkung vorgeprĂ€gter Lebensart. Darauf Bezug nehmend sollte dem Prediger /der Predigerin daran gelegen sein, die Weihnachts-Botschaft des Anfangs aller AnfĂ€nge an alle Menschen, an die gesamte belebte Schöpfung – allerdings eben gerade nicht unterschiedslos (!) weiterzusagen. Weihnachten wird in unseren Breiten immer mehr auch zur (recht verstandenen) Missionsgelegenheit gegenĂŒber allen Arten von „verlorenen Schafen“.

An diesem Tag darf meines Erachtens als Gesamtimpetus von daher keinesfalls herauskommen, einer unversöhnten und tiefgreifend gespaltenen, Kriegstreibereien unterworfenen, von der sechsten großen Ausrottungswelle von Pflanzen – und Tierarten heimgesuchten und noch in manch anderer Hinsicht geradezu nachhaltig verstörten, vielfĂ€ltig gerade neu auseinanderbrechenden Welt und Umwelt, die Gnade Gottes einfach nur ĂŒberzugießen; sozusagen ohne dass sie die Menschen „wirklich nass macht“. Vielmehr könnte das Motto mit den letzten Weltkirchenrats-Vollversammlungen von Canberra bis Busan heißen: Komm heiliger Geist, der in dieser geweihten Nacht seinen Ursprung hat, transformiere (verwandle) die ganze Welt! Und zwar auf deine ganz gnadenhafte Weise, d.h. ganz und gar unverfĂŒgbar – aber zugleich eben zutiefst befreiend, heilend und in der Tiefe transformierend! Eine solche Mission scheint mir der Teil der Sinngebung dieses Tages, der uns in Sachen Nachhaltigkeit des Lebens mit Gott unbedingt angeht, insofern nur solches ĂŒber „billige Gnade“ (wie man sie uninformiert aus Tit 3, 4-7 auch herauslesen könnte) hinausfĂŒhrt. So kann eine mystagogische Feier der Ankunft des „Kleineleute-Messias“ (Kurt Marti) ein in unseren Tagen zuweilen fröhliche UrstĂ€nde feierndes, theologisch ahnungsloses, dafĂŒr aber umso naiver (durch spĂ€tkapitalistische Trends angesteckt) infantilisiertes „Weihnachts-Christentum“ ĂŒberwinden (vgl. Böttcher 2016): ganz ernsthaft und feierlich im Hinweisen auf das, was uns ĂŒbersteigt und zugleich ruft - und dabei tief bis ins Sein des Menschen vor Gott ausstrahlend.

Biblische, ökophilosophische und erdsystemtheoretische Orientierung

Was der Zustand unserer Welt heute ganz besonders braucht, ist der Doppelklang aus einem warnenden, Steine aus dem Weg rĂ€umenden und harte Zeichen fĂŒr die Völker aufstellenden (johanneischen) VorlĂ€ufer (vgl. Jes 62, 10b, 11) und einem gnadenvoll auf den rechten Weg zurĂŒckfĂŒhrenden Messias (Tit 3, 4-7, Hebr 1, 1-6), damit wirklich den Menschen zum Zeichen ein „heiliges Volk“ (Jes 62, 12) entstehen kann, das evtl. doch noch herauszureißen vermag aus den PlausibilitĂ€ten des Gefolgschaft heischenden Datenkapitalismus a la „big data“ und dem Denken in VerfĂŒgungsmassen und damit den apokalyptisch anmutenden ZustĂ€nden, von denen wir heute wissen können, dass sie - Stand 2019 – mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die Menschheit zukommen werden. Wie vielleicht nie zuvor in der Geschichte sollten wir wirklich dazu in die Lage versetzt werden, „das Gesetz des Herrn im Herzen zu tragen“, durch jene tĂ€tige Liebe, die so eindrĂŒcklich im Judentum aufgeleuchtet ist, zu bezeugen und uns innerlich „erwacht und unerschrocken gegenĂŒber den kommenden Anfeindungen der fĂŒr immer bestehen bleibenden Gerechtigkeit Gottes zuzuwenden“. (Jes 52, 7, 8b, 9) Ja, wir benötigen in dem nun nicht mehr aufzuhaltenden „synthetischen Zeitalter“ (Christopher Preston) nun umso essentieller eine Resonanzbewegung wie sie von Hartmut Rosa ausgehen könnte und ganz besonders jenen von Papst Franziskus eingeforderten „revolutionĂ€ren Glauben, der dem Götzen Geld die Stirn bietet.“ (Kern 2018, 222) Denn die Zeit drĂ€ngt wirklich. Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird es schon in 2050 mehrheitlicher wissenschaftlicher Expertise zufolge mehr Plastik als Fische in den Weltmeeren geben und betrĂ€chtliche Teile mindestens von Afrika und Asien werden aus HitzegrĂŒnden nicht mehr bewohnbar sein, wĂ€hrend um ein Vielfaches mehr als heute an KlimaflĂŒchtlingen so wie einst der biblische Lazarus unter die reich gedeckten Tische der Festungen Europas und Nordamerikas kriechen werden.

Predigtimpulse

Die Weihnachtspredigt gibt Gelegenheit, fĂŒr entscheidend gehaltene Entwicklungen des zu Ende gehenden Jahres noch einmal aufleuchten zu lassen, um sie unter dem Blickwinkel der Predigttexte neu zu beleuchten, d.h. mit dem Anspruch des Wortes Gottes zu konfrontieren. Diese eine geweihte Nacht soll in die Finsternisse und NĂ€chte unseres gesamten Lebens hineinleuchten. Wohin kann das fĂŒhren? Dass im Blick zurĂŒck der „Sehsinn“ fĂŒr das, wie Gottes Geist in seiner grundlegend zu „GĂŒte und Menschenliebe“ (1 Tit, 3,4) vereindeutigten Art uns in und mit den „Zeichen der Zeit“ aufruft, sich in ersten AnfĂ€ngen herausbilden oder (fĂŒr die Fortgeschrittenen) bereits schĂ€rfen kann. Was aber sind jene „Zeitzeichen“ im zu Ende gehenden Jahr gewesen, die zwei der Evangelisten und die Pastoralkonstitution des zweiten Vatikanischen Konzils doch so wichtig genommen haben? „Gaudium et spes“ ruft mit der AutoritĂ€t von ĂŒber 5000 römisch-katholischen Bischöfen der Weltkirche im RĂŒcken immerhin leidenschaftlich dazu auf, sie zu erkennen und zu deuten, da die KonzilsvĂ€ter ganz ĂŒberzeugt davon waren, dass erstens Gott selbst uns in ihnen entgegenkommt und zweitens unser eigenes Mittun in der geheimnisvoll von ihm selbst getragenen „missio Dei“ dabei in Form von tĂ€tiger Liebe einfordert.

Zweifellos: Es war viel los in 2019. Die Abfolge der Ereignisse zeigt etwas davon, wie widersprĂŒchlich und polarisiert die öffentlich werdenden gesellschaftlichen Entwicklungen zurzeit verlaufen. Die Todesrate fĂŒr GeflĂŒchtete und MigrantInnen im Mittelmeer ist so hoch gewesen wie noch nie zuvor. Die Kriminalisierung von Seenotrettung schritt jeglichen Seemanns-Gepflogenheiten Hohn spottend weiter voran. Ohne dass dies hier breit diskutiert worden wĂ€re, hat die EU dafĂŒr sogar eine deftige moralische RĂŒge von den Vereinten Nationen kassiert. Zugleich wurden aus sozio-ökonomischer Frustration und IdentitĂ€tsnot heraus nicht nur in Italien offen menschenverachtende und mindestens semi-faschistische Politiker gewĂ€hlt. Zur gleichen Zeit schlossen sich BĂŒrgermeisterInnen mehrerer StĂ€dte zusammen, um sichere HĂ€fen zu fordern. Auf dem evangelischen Kirchentag in Dortmund haben sie mit Hilfe des EKD-Ratsvorsitzenden ordentlich Druck gemacht. U.a. gab es ein geistvolles politisches Nachtgebet dazu. Die BĂŒrgermeister sind bereit, zusĂ€tzliche AufnahmekapazitĂ€ten in ihren Kommunen bereitzustellen. Mehr noch: im kommenden Jahr wird an symboltrĂ€chtiger Stelle in Assisi erneut ein groß angelegter Dialog des Papstes mit allen möglichen Engagierten stattfinden, um die Paradigmen einer Wirtschaftspraxis, die mitten unter uns unverhohlen und kaum ernsthaft gestört generalstabsmĂ€ĂŸig tötet, ganz grundlegend anzugreifen. Ob es dann aber noch genug sich organisierende Menschen geben wird, die der Ausrottungswelle, die uns global laut dem einschlĂ€gigen jĂŒngsten UN-Bericht in Form eines ungeheuerlich drohenden Verlustes an jeder siebten Tier- und Pflanzenart ins Haus steht, Einhalt gebieten zu können? Nach wie vor werden wider besseres Nachhaltigkeitswissen SUV-Verkaufsrekorde aufgestellt.
Inzwischen sind es schon deutlich ĂŒber 50% der Neuzulassungen in Deutschland. Wer unerlöst lebt, glaubt sich offenkundig mit SUVs verpanzert auf Kosten der Mitwelt belohnen zu mĂŒssen. Mittlerweile versteinern wir in großem Stil unsere GĂ€rten. Ach, wenn es doch noch zehntausend Gerechte gĂ€be
 Ja, es stimmt: Insektensterben, Bienensterben und Vogelsterben haben Deutschland zeitweise alarmiert und in diesem Jahr in Bayern ein vorbildliches Zusammenspiel von BĂŒrgerbegehren und parlamentarischer Reaktion darauf in Gang gesetzt. Die Initiatoren wollen nun nach Europa. Wenn es dann doch nur fĂŒnftausend Gerechte gĂ€be
 Von Papst Franziskus steht nach wie vor das prophetische Wort vom „3. Weltkrieg auf Raten“ im Raum, nicht weniger die Bitte, dass jede christliche Gemeinde und/oder Gemeinschaft wenigstens einen GeflĂŒchteten aufnehmen möge. Ach wenn es doch nur 5000 solcher Gerechter gĂ€be
 Denn noch sehr, sehr viel mehr steht diesbezĂŒglich an und aus. Praktisch alle verfĂŒgbaren Daten deuten darauf hin, dass es binnen weniger Jahrzehnte aufgrund der kumulativen Effekte von dem, was wir an PfadabhĂ€ngigkeiten angelegt haben, noch sehr, sehr viel schlimmer kommen wird. Wenn wir dann doch nur noch 3000 Gerechte hĂ€tten, die sich hier und heute innerlich dafĂŒr auferbauen und wappnen wĂŒrden, dass sie dann einen aufrichtigen Neuanfang machen können; mit ihrem Gott, miteinander. mit einem solidarisch-ökonomischen Grundmodell, das wirklich nachhaltig genannt werden könnte und mit dem, was wir „Mutter Erde“ nennen.    

Viele weitere Themen haben die Menschen beschĂ€ftigt. Die Mieten stiegen jahrelang unentwegt, Wohnraum bleibt knapp, aber „plötzlich“ ist Enteignung von Wohnungsbaukonzernen kein Tabu mehr, sondern im Bereich des politisch Vorstellbaren angekommen. Diese Errungenschaften wĂ€ren ohne Zweifel nicht ohne die hartnĂ€ckige Arbeit sozialer Bewegungen, mit denen sich Papst Franziskus nun schon dreimal global und verschiedentlich regional verbĂŒndet und kollegial beraten hat, möglich geworden! Inzwischen formiert sich in Deutschland gar ein WandelbĂŒndnis. Und auch erste AnfĂ€nge einer Allianz von sozialen Bewegungen ausgehend von den BewegungsarbeiterInnen der Bewegungsstiftung treten in die Sichtbarkeit.

Die Prognosen zur Unaufhaltsamkeit des Klimawandels erscheinen dennoch immer dĂŒsterer, der Permafrostboden taute schneller und die Arktis kippte rascher. Die Wahrscheinlichkeit, dass die G20 bald schon auseinanderbrechen und wir als Weltfamilie noch vor 2050 mit unbewohnbar gewordenen Zonen und gĂ€nzlich in „Superreiche“, „global verfĂŒhrte Konsumentenklassen“, „migrierende Habenichtse“, „aufgrund von VerlustĂ€ngsten emotional um sich Schlagende“ und „naiv Aufstiegsorientierte“ dastehen, werden von Tag zu Tag grĂ¶ĂŸer. Doch auch der Widerstand gegen die zerstörerische Wahrnehmung des „business as usual“ machte sich endlich nicht nur in einem You-Tube-Video, das ĂŒber 14 Millionen mal geklickt wurde, bemerkbar. Auf das „heilige Volk“ wie es in manchen indigenen AktivitĂ€ten rund um „sacred activism“ bereits aufleuchtet und wie es Jes 62, 2 vor Augen steht, warten wir in Europa außerhalb der Heilungs-Biotope von Tamera (Portugal) bislang noch weitgehend vergebens, auch wenn es sich hier und da schon ein bisschen an den Europa-Wahlurnen bemerkbar gemacht hat. Zu verachten ist indes nicht: Wie bereits in den Jahren zuvor haben wieder tausende Menschen unter Einsatz ihrer Körper und ihrer Freiheit die Braunkohle-Infrastruktur im Rheinland blockiert. Ja, „Ende GelĂ€nde“, „Fridays for Future“ und „Extinction Rebellion“ ist es mittels wagemutiger und einsatzbereiter Aktionen gelungen, die Proteste fĂŒr Klimagerechtigkeit auf ein neues Level zu heben. Doch der Klimawandel ist nur ein „Schlachtfeld“, auf dem der „Krieg des Kapitals gegen den Planeten“ stattfindet, so die US-amerikanischen Soziologen Foster, Clark und York.

Und so sei noch ein weiterer kurzer Blick ĂŒber die Grenzen gestattet: In der Schweiz haben am 14.6. 2019 Frauen zu Tausenden ihre Arbeit niedergelegt und in vielfĂ€ltigen, kreativen und dezentralen Aktionen auf ihre vielfĂ€ltigen Forderungen aufmerksam gemacht. An diesem Tag waren sie vereint in ihrem Streik fĂŒr gleiche Rechte und faire Entlohnung. Schon die katholische Enzyklika „pacem in terris“ hatte in den 1960er Jahren in derartigen Entwicklungen ein markantes Zeichen der Zeit gesehen. Heute sind wir wieder neu aufgefordert, den Frauen beizustehen in Alltag und politischem Engagement; nicht zuletzt auch, wenn es gegen sexualisierte Gewalt in Familien, Sportvereinen oder in kirchlichen RĂ€umen geht. In der weltweiten Ökumene haben die „thursdays in black“ diesbezĂŒglich geistvoll auf sich aufmerksam gemacht.  

Und noch ein wenig weiter bis hinein in den „globalen SĂŒden“, wo Gottes nach einhelligem Zeugnis der Bibel besonders geliebte dauerhaft verarmte Menschen leben: Mit anhaltenden Massenprotesten und Dauerblockaden wurden in diesem Jahr im Sudan und in Algerien zwei Jahrzehnte lang Gewaltherrschaft aufrechterhaltende, finstere Regime gestĂŒrzt. Das Massaker der MilitĂ€rs in Khartum Anfang Juni und zunehmende polizeiliche Repressionen in Algier lassen indes sehr klar erahnen, was nicht nur dort noch alles an sozialen und geistigen KĂ€mpfen bevorsteht. Dennoch bleiben der Mut und die HartnĂ€ckigkeit der Demokratiebewegungen ein beeindruckendes Zeichen. Sie verlangen nach unserem Gebet und verbreiten doch bereits vitale Hoffnung.

Zum Ende hin noch einmal zurĂŒck nach Deutschland zu den dortigen Herbstwahlen in drei ostdeutschen BundeslĂ€ndern. Zurecht lag nach dem rechtsextrem motivierten Mord am Kasseler RegierungsprĂ€sidenten LĂŒbcke der Schwerpunkt auf breiten Mobilisierungen, um einigen Teilen der AfD und anderen rechtsextremen KrĂ€ften mit ihrer systematisch eingeĂŒbten Verrohung von Sprache und GefĂŒhlswelt nicht Diskursverschiebungen und den Wahlsieg zu ĂŒberlassen. Denn damit wĂŒrde die Normalisierung gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und die in diesem Zusammenhang ebenso schleichend wie planvoll praktizierte Enttabuisierung von bislang nicht Sagbarem einhergehen. Das BĂŒndnis „Unteilbar“ hatte bewegungsĂŒbergreifend zu einer Großdemonstration am 24. August nach Dresden aufgerufen. Ob es den „schweigenden Mehrheiten“, auf die es nun immer mehr ankommt, dann gelungen sein wird, wieder einmal „we have come united“ verkĂŒnden zu dĂŒrfen - und damit an die viel Aufmerksamkeit erringenden Mobilisierungserfolge der letzten Jahre anzuknĂŒpfen? 

Fazit

Vergessen wir nicht: Unser gemeinsames Fundament als Christen in dieser bedrohten Weltzeit hat die Weltversammlung im konziliaren Prozess in Seoul hervorragend formuliert: Wir bekrĂ€ftigen, dass die Art und Weise der AusĂŒbung menschlicher Macht und AutoritĂ€t unter dem Urteil Gottes stehen und vor den Menschen verantwortet werden mĂŒssen. Zu ihr gehört das Recht der Menschen auf volle Mitwirkung. In Christus hat Gott den Sinn der Macht als mitleidende Liebe ein fĂŒr allemal deutlich gemacht; sie ist stĂ€rker als die Macht des Todes. Wir bekrĂ€ftigen, dass Gott auf der Seite der Armen steht. Armut ist ein Skandal und ein Verbrechen. Es ist GotteslĂ€sterung, zu sagen, sie entspreche dem Willen Gottes.
Jesus ist gekommen, damit wir ‚das Leben in seiner ganzen FĂŒlle‘ (Johannes 10,10) haben. Durch seinen Tod und seine Auferstehung hat Christus die MĂ€chte entlarvt und daher besiegt, die den Armen ihr Recht auf Leben in seiner FĂŒlle verweigern (Lukas 4,16-21). Gott steht auf der Seite der Armen – und wie Papst Franziskus in „Laudato si“ fortfĂŒhrt am meisten auf Seite „des Ärmsten der Armen, der Schöpfung“. In ganz unterschiedlichen Arenen sind ChristInnen und andere durch „sacred activism“ auf den Weg gebrachte Mitmenschen „im Schlamm der Straße“ (Evangelii gaudium Nr. 47) tagtĂ€glich in solcherart soziale und ökologische KĂ€mpfe hineingezogen. Ob die Christen dabei bereits genĂŒgend die von Papst Franziskus herbeigesehnte „demĂŒtige Intelligenz des Herzens“ (Kern 2018, 233) aufbringen, wissen wir nicht. Eines aber wird zunehmend klar: Wir gehören genau dorthin. Denn aus der Perspektive der Bewegung des Kleinleute-Messias Jesus lĂ€sst sich die Dramatik unserer Weltzeit besser erkennen.
Und nur von dort her wird sich jene „transformatorische SpiritualitĂ€t“ entfalten können, auf die der Weltkirchenrat seit seiner letzten Vollversammlung in Busan setzt – und deren Aufgabe es mit den Worten des Reformierten Weltbundes ist, „den Geist des Marktes zu besiegen“. Auf Zukunft hin zeichnet sich tatsĂ€chlich ein ökumenischer Konsens ab, nĂ€mlich „dem Terror des vergöttlichten Geldes“, „den Mauern aus Ausgrenzung uns Ausbeutung“, dem „heuchlerischen, selbstgenĂŒgsamen Denken, der globalisierenden ideologischen Kolonialismen, die die IdentitĂ€t der Völker nicht respektieren“ und deren Resultat von „eingemauerten, einigermaßen erschrockenen BĂŒrgern, denen die Ausgeschlossenen, Verbannten, noch Verschreckteren gegenĂŒberstehen“
 all diesem „Terror der existenziellen Peitsche des Geldes“ sich tatsĂ€chlich „mit dem Überschwang zĂ€rtlicher Liebe entgegenzustellen“ (Kern, 215-239); wenn, ja wenn wir als Christen erwacht und wachsam als „heiliges Volk“ vor dem Geheimnis des ewigen Gottes zu stehen lernen – diese mystagogische Komponente ist extrem wichtig – und das bedeutet dann wohl, die richtigen Partnerschaften mit sozialen und kulturellen Bewegungen des „erlösenden Wandels“ (Kern,113-140) einzugehen.

So erscheint es nicht ĂŒbertrieben, wenn zum Glaubenssatz der Gegenwart wird: Massenproteste und ziviler Ungehorsam werden immer da zur Notwendigkeit, wo Recht zu Unrecht wird. (vgl. Ramminger/FĂŒssel 2015) Wie sehr gilt das gerade fĂŒr ChristInnen, denen der evangelische Predigttext zuspricht, dass sie „in reichem Maße (ĂŒbervollem) erbarmungsvoll beschenkt seien durch einen Retter“ (Tit 3, 5f). Einem Retter, dem nichts mehr am Herzen liegt, als dass seine Nachfolger selbst zu Rettern werden – wo sonst, als in der soeben vor unser geistliches Auge gefĂŒhrten Welt von heute?

Lic. Theol. Peter Schönhöffer, Ingelheim

Literatur

- Herbert Böttcher, Der Krisenkapitalismus und seine Katastrophen. Herausforderung fĂŒr theologische Reflexion, in: https://www.oekumenisches-netz.de/wp-content/uploads/2016/10/NT16-02.pdf (letzter Zugriff am 30.6.2019)
- Benedikt Kern, Radikal Welt verÀndern. Papst Franziskus und die Sozialen Bewegungen, Norderstedt 2018
- Michael Ramminger/Kuno FĂŒssel, Kritik des Götzendienstes und des Fetischismus in der Theologie der Befreiung und bei Papst Franziskus, in: Franz Segbers/Simon Wiesgickl (Hg.), Diese Wirtschaft tötet (Papst Franziskus). Kirchen gemeinsam gegen Kapitalismus, Hamburg 2015, 76-90

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