Tagung „10 Jahre ’nachhaltig predigen'“ – Vortrag

10 Jahre 'nachhaltig predigen' - JubilÀumsveranstaltung am 25.10.2016

 

Vortrag Prof. Dr. Ursula Nothelle-Wildfeuer, Freiburg

Einleitung – Eine Anleitung zur Entdeckung der grĂŒnen Seiten der Bibel

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

„Die Reihe ‚nachhaltig predigen' ist eine Anleitung zur Entdeckung der ‚grĂŒnen Seiten' der Bibel." So formulierte es mein Fachkollege Markus Vogt von der Katholisch-Theologischen FakultĂ€t in MĂŒnchen in dem Grußwort, das auf Ihrer Internetseite in der Reihe der vielfĂ€ltigen Grußworte abgebildet ist. Er schĂ€tzt – und es ist fĂŒr mich nicht erkennbar gewesen, aus welchem Jahr diese Aussage stammt: ich vermute mal, eher zu Beginn der Reihe - die Lage so ein, dass eben diese grĂŒnen Seiten der Bibel fĂŒr viele noch Neuland sind. Dass sich hier in den letzten Jahren doch wohl einiges zum Positiven hin entwickelt hat, dass die Erkenntnis gewachsen ist, dass zwar nicht der Begriff der Nachhaltigkeit, wohl aber die dahinterstehende Haltung genuin biblisch ist, dazu hat die Reihe „nachhaltig predigen" in den letzten 10 Jahren einen enormen Beitrag geleistet! Zu diesem 10-jĂ€hrigen Geburtstag gratuliere ich Ihnen sehr herzlich und wĂŒnsche Ihnen fĂŒr die kommenden Jahre weiterhin so viel und so erfolgreiche AktivitĂ€t und AttraktivitĂ€t wie bisher.

Da fĂŒr mich als Wissenschaftlerin das Predigen nicht der primĂ€re Job ist, habe ich mich erst in den letzten Monaten mit der Website von „nachhaltig predigen" nĂ€her beschĂ€ftigt. Dabei konnte ich – und ich gebe zu, durchaus ĂŒberrascht und hoch erfreut - feststellen, dass diese Seite genau das versucht, was Anliegen einer genuin christlichen Sozialethik ist, breit und facettenreich umzusetzen.
Eine Vielzahl der Themen, die etwa mit zu meinen Forschungsschwerpunkten gehören, finden sich auch auf diesen Seiten – eine wahre Fundgrube, sogar eine Fundgrube, die tatsĂ€chlich Hilfestellung gibt, die Themen in ihrer genuin biblischen Anbindung zu finden und sie dann konkretisierend und auf die Praxis bezogen in eine Predigt zu bringen.

Aus dieser Fundgrube möchte ich auch fĂŒr meinen Vortrag heute ein wenig schöpfen und mit Ihnen auf einige Themenfelder schauen, aber auch nach den dahinterliegenden und in manchen verlinkten Artikeln zu findenden theologischen Konzeptionen fragen. In drei Schritten und dann Fazit ...

1 Grundbegriff „Nachhaltigkeit"

Es gibt Begriffe, die sind umso weniger inhaltlich konturiert, je hĂ€ufiger und breiter sie in der öffentlichen Debatte verwendet werden. Der Ruf nach „Nachhaltigkeit" ist in der tagespolitischen Rhetorik inflationĂ€r geworden. Es besteht ein partei- und lobbyĂŒbergreifender Konsens, dass Renten, FinanzmĂ€rkte und alle ĂŒbrigen Entscheidungen auf ihre Nachhaltigkeit zu prĂŒfen seien. Eine nachhaltige Entwicklung ist das Leitwort, vor dem sich alle – auch fundamental entgegengesetzte – politischen EntwĂŒrfe verantworten mĂŒssen.

Das fĂŒhrt zu der Frage, ob sich hinter diesem Begriff ĂŒberhaupt noch eine Substanz verbirgt oder ob er zur leeren Floskel verkommen ist, die jeweils fĂŒr die eigenen Ziele rhetorisch vereinnahmt wird. Der Begriff „Nachhaltigkeit" ist daher mitunter auch spöttischen Kommentaren ausgesetzt. So schreibt etwa Georg Paul Hefty in der FAZ vom 13.9.2010: „Um dem Urteil, sie seien eigentlich fortschrittsfeindlich, also konservativ, zu entkommen, haben jene, die sich als gesellschaftliche Avantgarde empfinden, die Nachhaltigkeit erfunden. Wer bewahrend eingestellt ist und dennoch als fortschrittlich gelten will, stellt sich, seine Handlungen und Ziele in den Glorienschein der Nachhaltigkeit."

Mit solchem Spott aber wird man dem Anliegen des Konzepts der Nachhaltigkeit in keiner Weise gerecht, geht es doch – auch und gerade aus christlich-ethischer Perspektive – um ein Konzept der Verantwortung fĂŒr die Schöpfung. Was das heißt, darauf möchte ich im Weiteren noch etwas nĂ€her eingehen. Jedenfalls ist das Konzept der Nachhaltigkeit in ganz besonderer Weise Gegenstand der Diskussion innerhalb der christlichen Sozialethik. Hier gehen die Überlegungen soweit, dass vermehrt der Standpunkt vertreten wird, die klassischen Sozialprinzipien wie SolidaritĂ€t, SubsidiaritĂ€t und Gemeinwohl seien um das der Nachhaltigkeit zu ergĂ€nzen.

1.1 Der ursprĂŒngliche Bedeutungskontext des Begriffs

In einem ersten Schritt ist zu fragen, wo eigentlich der Begriff der Nachhaltigkeit herkommt und was seine ursprĂŒngliche Bedeutung war: Dabei ist, das sei bereits vorab gesagt, der Begriff zunĂ€chst losgelöst vom christlichen Glaubenskontext entstanden und verstanden worden.

Der Kontext der ursprĂŒnglichen Verwendung ist unspektakulĂ€r. Dennoch war und ist er geeignet, das heute mit dem Begriff Nachhaltigkeit Gemeinte zum Ausdruck zu bringen. „Nachhaltigkeit" meint in der Forstwirtschaft seit dem 18. Jahrhundert eine Methode, die darauf RĂŒcksicht nimmt, dass nur so viel Holz geerntet wird wie nachwachsen kann.1 Diese aufgrund der Holzknappheit geborene, zunĂ€chst ökonomisch-pragmatische Idee wurde im 19. Jahrhundert um Konzepte ergĂ€nzt, [...] die sich auf sĂ€mtl[iche] Funktionen des Waldes bezogen, z.B. die Aufrechterhaltung seiner Schutzfunktion."2 NatĂŒrlich liegen Welten zwischen dem sĂ€chsischen Oberberghauptmann, der seine WĂ€lder schonen wollte, und den heutigen ethischen Debatten zu dem Wort, das Hans Carl von Carlowitz prĂ€gte. Trotzdem ist bereits in der forstwirtschaftlichen Verwendung des Begriffs der Bedeutungsgehalt bestimmt, der auch fĂŒr die heutigen Diskussionen prĂ€gen bleibt, wenn es darum geht, „[...] von den 1 Zuerst belegt bei Hans Carl von Carlowitz in der Schrift „Sylvicultura Oeconomica" aus dem Jahr 1713.
2 Brockhaus EnzyklopÀdie. 21 Auflage 2006. Band 19. 233.
ErtrĂ€gen einer Substanz und nicht von der Substanz selbst zu leben, also von den Zinsen und nicht vom Kapital."3 Es geht also schon hier um das, was Sie bei „nachhaltig predigen" bezeichnen mit dem Stichwort der Suffizienz – das war das Jahresthema 2013/14 -, mit der Frage also: „Wie viel ist genug?" Übersetzt ist es, so kann man unter dem entsprechenden Link nachlesen, die Frage nach dem rechten Maß, die im Zentrum aller Nachhaltigkeit steht. Das rechte Maß steht auch immer schon im Zentrum christlichen Handelns bzw. Denkens."4

1.2 Zur ethischen Relevanz des Begriffs

In diesem Sinne ist Nachhaltigkeit in der zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts zu einem Begriff mit ethischer Relevanz geworden. Im Kontext eines erstarkenden Bewusstseins fĂŒr die Verantwortung fĂŒr Natur und Umwelt kommt der Forderung nach einer nachhaltigen Entwicklung – auf international-englischsprachiger Ebene: nach sustainable development – eine SchlĂŒsselrolle zu. SpĂ€testens mit der ersten UN-Umweltkonferenz von Stockholm im Jahre 19725 ist der Beginn einer internationalen Umweltpolitik auszumachen und damit der primĂ€re Raum eröffnet, in dem der Begriff Nachhaltigkeit seine steile Karriere machen konnte.
Ebenfalls im Jahr 1972 veröffentlichte der Club of Rome die von ihm in Auftrag gegebene Studie „Limits to growth", die explizit vor einem Aufbrauchen der natĂŒrlichen Ressourcen warnte und damit bis heute einen Text darstellt, auf den Gegner wie BefĂŒrworter der Kernenergie aus unterschiedlichen Blickwinkeln rekurrieren können. In diesem Bericht wird zudem eine nachhaltige Entwicklung angemahnt.
3 Grundwald, Armin; KopfmĂŒller, JĂŒrgen: Nachhaltigkeit. Frankfurt am Main 2006. 14
4 http://www.nachhaltig-predigen.de/index.php/jahresthemen/suffizienz
5 Die damals verabschiedete und fĂŒr die weitere Entwicklung wegweisende ErklĂ€rung „Decleration of the United Nations Conference on the Human Environment" ist online verfĂŒgbar: http://www.unep.org/Documents.Multilingual/Default.asp?documentid=97&articleid=1503. Stand: 25.3.2012. Mit GrĂŒndung des United Nations Environment Programme (UNEP) ist das Jahr 1972 ein beachtlicher Schritt hin zu einer auf die Fragen des Umweltschutzes und der „nachhaltigen" Energiegewinnung gerichteten Aufmerksamkeit.
Besonders entscheidend fĂŒr diese Dimension des Nachhaltigkeitsbegriff ist auch der oft nach der damaligen norwegischen MinisterprĂ€sidentin benannte „Brundtland-Bericht" aus dem Jahr 1987, in dem die Weltkommission fĂŒr Umwelt und Entwicklung ihre folgenreiche „Definition" von nachhaltiger Entwicklung grundlegte: „Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die BedĂŒrfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass kĂŒnftige Generationen ihre eigenen BedĂŒrfnisse nicht befriedigen können."6. Es geht also um Achtung und Bewahrung der „[...] GrundbedĂŒrfnisse aller heute und in der Zukunft lebenden Menschen."7
Mit diesem oft zitierten Bericht geht eine erneute Bedeutungserweiterung einher, denn „erstmals definierte sie n[achhaltige] E[ntwicklung] in einem soziökonomischen Kontext."8
Außerdem ist auf die Konferenz fĂŒr Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen (UNCED) in Rio de Janeiro aufmerksam zu machen. Im Jahr 1992 verabschiedeten die Teilnehmer dieser Konferenz die Agenda 21, die spĂ€testens den Startpunkt internationaler Umweltabkommen unter dem Leitbild der nachhaltigen Entwicklung markiert.9
Seitdem lĂ€sst sich „Nachhaltigkeit" als international anerkanntes Ziel und Leitbild beschreiben, das zunĂ€chst die umwelt- und energiepolitischen Diskussionen in den kommenden Jahren prĂ€gen sollte. Mit der im Anschluss an die Konferenz von Rio de Janeiro 1992 erfolgten GrĂŒndung der Kommission 6 Der "Report of the World Commission on Environment and Development: Our Common Future" ist online verfĂŒgbar unter: http://www.un-documents.net/wced-ocf.htm. Stand: 25.3.2012. Vgl. 49.
7 Bayer, Stephan: Nachhaltigkeit. In: RGG. 4. Auflage. TĂŒbingen 2005. Band 6. 11f.
8 Brockhaus: 233. Vergleiche ebd. auch den ausfĂŒhrlichen Gang durch die hier zum Teil nicht erwĂ€hnten Dokumente, durch die der Begriff der nachhaltigen Entwicklung geformt und erweitert wurde.
9 Der Originaltext der ErklĂ€rung ist online verfĂŒgbar unter: http://www.un.org/esa/dsd/agenda21/res_agenda21_00.shtml. Stand: 25.3.2012.
der Vereinten Nationen fĂŒr Nachhaltige Entwicklung10 wurde aus einem bereits zuvor bedeutsamen Begriff ein institutionell festgelegtes Politikum.11
1.3 Christliche Konnotationen
Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung ist es verstĂ€ndlich, wie „Nachhaltigkeit" zu jenem eingangs beschriebenen, hĂ€ufig gebrauchten und von vielerlei Seiten mit unterschiedlichen Konnotationen vereinnahmten Begriff wurde12, der so freilich auch an der katholischen Soziallehre nicht vorbeigehen konnte. Denn es ist bereits deutlich geworden, dass der Imperativ, der hinter dem Wort „Nachhaltigkeit" steht, durchaus Gemeinsamkeiten mit den Anliegen der christlichen Schöpfungs- und Sozialethik aufweist.
Bereits im Jahr 2006 schreiben die Deutschen Bischöfe in ihrer ErklĂ€rung „Handeln fĂŒr die Zukunft der Schöpfung" etwa zum globalen Klimawandel, um nur ein Beispiel zu benennen. Dass er, dh. der Klimawandel, „bereits RealitĂ€t [ist]. Die Menschen spĂŒren seine Auswirkungen buchstĂ€blich am eigenen Leib: Hitze und DĂŒrre, StĂŒrme und StarkniederschlĂ€ge, GletscherrĂŒckgang und Überschwemmungen, ErnteausfĂ€lle und Ausbreitung von Krankheiten. Der globale Klimawandel stellt die wohl umfassendste GefĂ€hrdung der Lebensgrundlagen der heutigen und in noch viel stĂ€rkerem Maße der kommenden Generationen sowie der außermenschlichen Natur dar." (Die deutschen Bischöfe. Kommission fĂŒr gesellschaftliche und soziale Fragen. Kommission Weltkirche 2006; 2. Aufl. 2007, 5) Weitgehend einhellig ist die
10 Zu Zielen, Geschichte und Dokumenten der Kommission (im Original: Commission on Sustainable Development: CSD) vergleiche online unter: http://www.un.org/esa/dsd/csd/csd_aboucsd.shtml. Stand: 25.3.2012.
11 Besonders deutlich wird das an den im Anschluss immer wieder stattfindenden Weltgipfeln fĂŒr nachhaltige Entwicklung – etwa in Johannesburg im Jahr 2002, in dessen Bericht neben dem Umgang mit den Ressourcen der Erde auch ĂŒber andere Themen unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit diskutiert wurde – etwa ĂŒber Gesundheit und Globalisierung. ErklĂ€rtes Ziel war es, stĂ€ndig das Ziel zu vergegenwĂ€rtigen, „[...]eine humane, gerechte und fĂŒrsorgende globale Gesellschaft aufzubauen, die der Wahrung der WĂŒrde aller Menschen stets eingedenk ist." Vgl. den Text der ErklĂ€rung online – bes. S.1 – unter: http://www.bmu.de/files/pdfs/allgemein/application/pdf/johannesburg_declaration.pdf. Stand: 25.3.2012.
12 Vgl. als ein Beispiel die Wahlprogramme der großen deutschen Parteien zur vergangenen Bundestagswahl im Jahr 2009. Angesichts der Bedeutung fĂŒr den Umweltschutz nicht unĂŒberraschend, ist im Programm der GrĂŒnen sogar die Rede vom „[...]grĂŒne[n] Prinzip der Nachhaltigkeit." Der GrĂŒne neue Gesellschaftsvertrag. Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2009. 12. Online verfĂŒgbar unter: http://www.gruene-partei.de/cms/files/dokbin/295/295495.wahlprogramm_komplett_2009.pdf. Stand: 25.3.2012.
Überzeugung, und diese finden wir sogar auch in der wegweisenden Sozialenzyklika des gegenwĂ€rtigen Papstes, dass der Klimawandel und die damit einhergehende Bedrohung der Lebensgrundlagen der menschlichen und außermenschlichen Natur grĂ¶ĂŸtenteils von Menschen verursacht ist. Es gibt bereits vielfĂ€ltige Maßnahmenkataloge, um eine Anpassung an die Folgen des anthropogenen, d.h. menschengemachten Klimawandels zu initiieren und die vom Klimawandel ausgehende Gefahr einzudĂ€mmen: der Ausstoß von Treibhausgasen ist drastisch zu reduzieren, die systematische Abholzung der RegenwĂ€lder zu beenden, erneuerbare Energie zu beziehen etc. Das Problem des Klimawandels ist aber gar nicht der Kern der Problematik, sondern vielmehr geht es um eine – allerdings sehr offenkundige und auch bedrohliche – Ausdrucksform eines individuellen Lebensstils und einer institutionellen und strukturellen Ausgestaltung des gesellschaftlichen Lebens, die in keiner Weise die angesprochenen Probleme in ihrer Tragweite im Blick hat. Im Hintergrund geht es um die fundamentale Erkenntnis, die die beiden Kirchen bereits 1997 gleich zu Beginn in ihrem gemeinsamen Sozialwort (Evangelische Kirche in Deutschland, Deutsche Bischofskonferenz 1997) treffend formuliert haben: „Es genĂŒgt nicht, das Handeln an den BedĂŒrfnissen von heute oder einer einzigen Legislaturperiode auszurichten, auch nicht allein an den BedĂŒrfnissen der gegenwĂ€rtigen Generation. Zu kurzfristigem Krisenmanagement gibt es manchmal keine Alternative. Aber das individuelle und das politische Handeln dĂŒrfen sich darin nicht erschöpfen. Wer notwendige Reformen aufschiebt oder versĂ€umt, steuert ĂŒber kurz oder lang in eine existenzbedrohende Krise." (Nr. 1) FĂŒr den Bereich der ökologischen Frage, von Natur und Umwelt, impliziert dies die Frage, welche Welt, welche Schöpfung wollen wir den nachfolgenden Generationen ĂŒbergeben, wie wollen wir ihrem Anspruch auf Gerechtigkeit ihnen gegenĂŒber gerecht werden?
Als ein zentraler Punkt fĂŒr unser konkretes Verhalten ergibt sich eine Mahnung zur Umkehr, so ist zu lesen auf Ihrer Website in der Predigt zum 31.7.16: „Denn
Umkehr aus den Sackgassen der Selbstzerstörung ist nötig. Eitelkeit, Selbstbezogenheit und Habgier stehen gegen den Willen Gottes zum Leben."13 An anderer Stelle, in der Predigt zum zweiten Sonntag nach Ostern dieses Jahres heißt es: „Denn der Klimawandel trifft die am meisten, die am wenigsten zu ihm beitragen. Deshalb sind die Menschen in den reicheren LĂ€ndern als erstes zu einer grundlegenden Umkehr in ihrem Lebensstil aufgerufen und zur Kritik am herrschenden wirtschaftlichen Wachstumsparadigma, das keine RĂŒcksicht nimmt auf die BedĂŒrfnisse der Armen und die Erhaltung der Schöpfung."14
2 Grundbegriff „Schöpfung"
In diesen hier zitierten Passagen kommt ein zweiter bedeutsamer Grundbegriff in den Blick, dem nachzugehen ist: Es geht um die Rede von der Schöpfung. Wenn wir aus christlich-sozialethischer Sicht von Nachhaltigkeit sprechen, dann geht es primĂ€r und vor allem um die Bewahrung der Schöpfung - und dies in allen Facetten. Die Rede von der Schöpfung und vor allem von ihrer Bewahrung, hat – Ă€hnlich und noch deutlicher als der der Nachhaltigkeit - in den letzten Jahrzehnten, genauerhin seit der Veröffentlichung der „Grenzen des Wachstums" 197215, Hochkonjunktur und dies in beachtlicher Weise. Ein ursprĂŒnglich im jĂŒdisch-christlichen Kontext beheimateter Begriff ist – wie nahezu kein anderer – ausgewandert aus seinem theologischen Bezugsrahmen und profaniert worden. Von daher scheint er in besonderer Weise als Kristallisationspunkt des gesellschaftlichen Diskurses geeignet. Denn mittlerweile ist er avanciert zum Gegenbegriff der Probleme und Krisen unserer modernen, von technologischem und ökonomischem Fortschritt geprĂ€gten
13 http://www.nachhaltig-predigen.de/index.php/component/content/article/45-predigtanregungen-2015-16/427-31-07-2016 .
14 http://www.nachhaltig-predigen.de/index.php/component/content/article/45-predigtanregungen-2015-16/408-10-04-2016
15 Vgl. Meadows et al. 1972.
Zivilisation weit ĂŒber den Umkreis derer hinaus, die sich einer theistischen Weltdeutung verpflichtet fĂŒhlen (vgl. Honnefelder 2011, 1575).
2.1 Zur theologischen Hermeneutik des Schöpfungsbegriffs
Der Begriff der Schöpfung wird – vor allem im rechtlichen, politischen und ökologischen Diskurs - meist relativ undifferenziert benutzt „als eine ökologisch oder politisch motivierte Metapher fĂŒr die Umwelt, insofern diese als verletzlich, bedroht und schĂŒtzenswert in den Blick genommen wird."16 Bei aller unterschiedlichen Nutzung des Terminus in den diversen profanen ZusammenhĂ€ngen kann man festhalten, dass Schöpfung in diesen heutigen Diskurskontexten wesentlich „intakte Natur" meint. Oftmals ist noch impliziert, dass es sich um die „vom Menschen unberĂŒhrte Natur" handelt. Das fĂŒhrt dann zu folgender gĂ€ngiger Unterscheidung: „Anthropogene Produkte der Kultur und Zivilisation gehören nicht dazu [sc. zur Schöpfung. Anm. U.N.-W.]. Die Zugspitze als Berg ist als ‚Schöpfung' ansprechbar, nicht aber die hinauffĂŒhrende Seilbahn."17
Allerdings wĂ€re die eigentliche Sinnspitze des theologischen Schöpfungsbegriffs deutlich verfehlt, wĂŒrde man bei dieser letztlich romantisierenden Sicht auf Natur stehen bleiben. Papst Franziskus bringt in seiner ersten Sozialenzyklika Laudato si die er im Mai 2015, ein halbes Jahr vor der UN-Klimakonferenz in Paris, veröffentlichte, den Unterschied auf den Punkt: „Von ‚Schöpfung' zu sprechen ist fĂŒr die jĂŒdisch-christliche Überlieferung mehr als von Natur zu sprechen, denn es hat mit einem Plan der Liebe Gottes zu tun, wo jedes Geschöpf einen Wert und eine Bedeutung besitzt." (LS 76) Er macht in seiner Enzyklika, die ĂŒbrigens zentral fĂŒr unser Thema des nachhaltig Predigens ist, die Differenz im hermeneutischen Zugriff deutlich. WĂ€hrend der Bezugs- und Interpretationsrahmen bei der Rede von der
16 Schmid 2012, 2.
17 Ebd., 4.
Natur eindeutig ein naturwissenschaftlich-analytischer ist, ist es bei der Rede von Schöpfung ein genuin theologischer: „(D)ie Schöpfung kann nur als ein Geschenk begriffen werden, das aus der offenen Hand des Vaters aller Dinge hervorgeht, als eine Wirklichkeit, die durch die Liebe erleuchtet wird, die uns zu einer allumfassenden Gemeinschaft zusammenruft." (LS 76) Theologisch gesehen kann – im Unterschied zur politischen oder ökologischen Terminologie – „von ‚Schöpfung' nicht geredet werden, ohne zugleich vom Schöpfer zu reden"18, vom Schöpfer aber wiederum nicht, ohne auch den Christus- und TrinitĂ€tsbezug herzustellen. Die BeschĂ€ftigung mit der Thematik der Schöpfung ist von daher genuine Theologie. Nicht aus historischer oder naturwissenschaftlicher Perspektive wird nach der Entstehung der Welt gefragt, sondern Schöpfungsvorstellungen fragen Ă€tiologisch nach dem Anfang und dem sinngebenden Grund" 19 der gegenwĂ€rtigen Wirklichkeit. Spezifischer kann man festhalten, dass die alttestamentlichen Schöpfungstheologien „in der Überlieferung Israels in erster Linie den gerechten und barmherzigen Gott (vergegenwĂ€rtigen)", denn sie verleihen der Hoffnung Ausdruck, dass der „Gott, der Himmel und Erde aus dem Nichtsein ins Dasein ruft, [...] auch Tote zum Leben zu erwecken (vermag)"20. Es geht um zwei Aspekte: zum einen um die Betonung der „ursprĂŒnglichen Gutheit der Schöpfung und damit auch des Schöpfergottes"21 und zum anderen um den Glauben an den Gott, der aufgrund dieses Ursprungs seiner Schöpfung durch die Geschichte hindurch treu bleibt.
Wenn nun der Begriff der Schöpfung mehr bedeutet als die Rede von der Natur, dann ergibt sich, dass Schöpfung „(n)ach christlicher GrundĂŒberzeugung [...] alles (meint), was nicht Gott ist."22 Bemerkenswert ist dabei, dass dazu dann - „anders als im gewöhnlichen Sprachgebrauch – auch die kulturellen und zivilisatorischen Leistungen des Menschen zu zĂ€hlen (sind)." Theologisch ist
18 Ebd., 2.
19 Predel 2015, 13.
20 Striet 2000, 3.
21 Ebd., 4.
22 Predel 2015, 13.
also der Begriff der Schöpfung nicht prinzipiell abzugrenzen vom Menschen und seinem Tun, sondern vielmehr zu unterscheiden vom Göttlichen.23 Entscheidend fĂŒr die jĂŒdisch-christliche Begriffsbestimmung ist die Entmythologisierung der Schöpfung: Eine mythologische Weltauffassung versteht die Natur als einen ganz und gar sakralen Bereich, in dem sich in vielfĂ€ltigen PhĂ€nomenen und Entwicklungen unterschiedliche göttliche MĂ€chte artikulieren. In deutlicher Absetzung davon akzentuiert die alttestamentliche Schöpfungsaussage die Entgötterung der Schöpfung: sie hat keinen „göttlichen Charakter" (LS 78), sie ging „nicht aus dem Chaos" noch aus der „Zufallswirkung" (LS 77) hervor noch ist sie in einem dualistischen Sinn „Produkt einer widergöttlichen Macht". Vielmehr ist es Gott, der in „vollkommener Freiheit, ohne jeden Zwang oder jede Notwendigkeit, [...] die Schöpfung ins Sein" 24 gerufen hat. „'Schöpfung' umgreift Raum und Zeit, ‚Himmel und Erde', ‚Geist' und ‚Materie', belebte und unbelebte Wesen, die ‚sichtbare und die unsichtbare Welt', ihren Anfang, ihre Geschichte und Entwicklung und schließlich ihre ewige Vollendung."25 Vor diesem Hintergrund ist Schöpfung „in einem universalen Sinn die erste und grundlegende Offenbarung Gottes."26
2.2 Die Stellung des Menschen in der Schöpfung
Schöpfungstheologische Überlegungen wĂ€ren nicht adĂ€quat, wĂŒrden sie nicht ĂŒber die verschiedenen Wirklichkeitsbereiche hinaus die Stellung des Menschen in dieser Schöpfung bedenken:
Aus diesem VerstĂ€ndnis von Schöpfung, so wie es gerade entfaltet wurde, resultiert nicht zuletzt auch ein entsprechendes VerhĂ€ltnis des Menschen zur Schöpfung: es ist Gottes Schöpfung, dem Menschen nicht zum willkĂŒrlichen Umgang, sondern zum Pflegen und Bewahren anvertraut. Durch den
23 Vgl. Hieke 2013, 17 f.
24 Predel 2015, 13.
25 Ebd., 13f.
26 Ebd., 14.
Grundgedanken der Entmythologisierung der Schöpfung „wird unsere Verpflichtung ihr gegenĂŒber noch mehr betont." (LS 78) Trotz aller oftmals wenig profilierten Semantik in den ökologischen Diskursen, in denen der Begriff der Schöpfung eine Rolle spielt, ist es doch das große Verdienst genau dieser Diskurse, die letzte UnverfĂŒgbarkeit der Schöpfung fĂŒr den Menschen und seine Verantwortung fĂŒr diese Schöpfung wieder ins Bewusstsein gerĂŒckt zu haben. Das bringt zum Beispiel in aller Deutlichkeit die Predigtanregung zum diesjĂ€hrigen Erntedankfest zum Ausdruck, zu deren Abschluss es heißt: „In den letzten Jahren ist sicher vielerorts in die Predigtanregungen bzw. Predigten der Gedanke der ökologischen Bewahrung der Schöpfung gerĂŒckt. Hier gerĂ€t dann oft in Vergessenheit, dass diese Bewahrung nicht an uns Menschen allein liegt, sondern [...] an dem, der alles zunĂ€chst wachsen lĂ€sst. Alleinverantwortung nein, aber Verantwortung durchaus ja."27
Christen können von ihrer Schöpfungsethik her und einer entsprechend geprĂ€gten SpiritualitĂ€t und Grundhaltung der Natur gegenĂŒber spezifische Impulse sowohl fĂŒr ein individuelles Ethos als auch fĂŒr eine angemessene strukturelle Gestaltung sozialer und wirtschaftlicher Ordnung geben. Aber die Frage nach seiner spezifischen Stellung bleibt noch nĂ€her zu bedenken:
Papst Franziskus macht in seiner Enzyklika Laudato si in intensiver Weise zunĂ€chst einmal „(d)ie Weisheit der biblischen ErzĂ€hlungen" (Überschrift vor LS 65) fruchtbar. In der Tradition christlicher Ethik war oft die Rede und das Denken bestimmt von einer Anthropozentrik, die ausschließlich den Menschen sieht und ihn absolut im Mittelpunkt. In frĂŒheren lehr- und kirchenamtlichen Texten wurde das Buch Genesis mit dem Schöpfungsbericht immer wieder nahezu ausschließlich zur Untermauerung der absoluten Vorherrschaft des Menschen im Blick auf seine Geschöpflichkeit und Ebenbildlichkeit und seine daraus resultierende WĂŒrde aufgenommen. Dieser Aspekt wird in der
27 http://www.nachhaltig-predigen.de/index.php/component/content/article/45-predigtanregungen-2015-16/436-02-10-2016
Enzyklika, den Ergebnissen jĂŒngerer Forschung entsprechend, in einen umfassenderen Kontext gestellt. Das ist seit lĂ€ngerem auch in der Theologie völlig klar, zahlreiche Ihrer Predigttexte bringen das ebenfalls zum Ausdruck. Bei dem BemĂŒhen um den Schutz der Schöpfung geht es sicherlich darum, den Menschen jetzt und in Zukunft ihren Lebensraum zu bewahren und zu erhalten. Aber die Sache ist deutlich komplexer – und genau das haben Sie in allen Facetten in und mit „nachhaltig predigen" gezeigt: Auf der einen Seite wird die Sonderstellung des Menschen als des Wesens, das „aus Liebe geschaffen wurde" (LS 65), stark gemacht, zum anderen wird aber die Lehre ĂŒber das Menschsein eingebettet in „drei fundamentale, eng miteinander verbundene Beziehungen: die Beziehung zu Gott, zum NĂ€chsten und zur Erde" (LS 66). Der Mensch ist eingebunden in die Beziehung zu Gott, in die Gemeinschaft der Mitmenschen, in die Umwelt, die Welt aller anderen Kreaturen, in die unbelebte Natur. Um leben und ĂŒberleben zu können, ist er verwiesen auf die gesamte Schöpfung. Um des Menschen willen, der jetzt lebt, aber auch um des Menschen willen, der noch geboren werden wird, mĂŒssen Natur und Umwelt geschĂŒtzt werden. Der Mensch als Geschöpf Gottes, von Gott mit Freiheit und Verantwortung ausgestattet, philosophisch gesprochen: als moralisches Subjekt, hat eine immer schon mitzudenkende „Sonderstellung", die aber wiederum – und das ist die Kehrseite dieser Medaille – auch die Verantwortung fĂŒr diese Schöpfung impliziert. Diese Sonderstellung des Menschen ist ökologisch eingebunden und vernetzt. So weiß die christliche Ethik zugleich auch um den (abgestuften) Eigenwert der nichtmenschlichen Schöpfung, der eben nicht nur im Nutzen fĂŒr den Menschen besteht. Es ist eine Gradwanderung, die Natur, hingeordnet auf den Menschen und sein Überleben, der aber wiederum die Natur in ihrem Eigenwert achtet und schĂŒtzt.
Gerade im Blick auf diese theologischen Debatten ist mithin die Frage der (absoluten) Vorherrschaft des Menschen nĂ€her zu analysieren: Es geht um das dominium terrae, was heißt und was impliziert also der vielzitierte biblische
Herrschaftsauftrag Gottes an die Menschen: „Macht euch die Erde untertan" (Gen 1,28). Den Anlass zu den Überlegungen stellen die ökologisch-theologischen Diskussionen dar, in denen immer wieder die „Anklage gegen die Theologie laut (wurde), dass der alttestamentlich-jĂŒdisch-christliche Schöpferglaube [...] insofern die Schuld an der gegenwĂ€rtigen Umweltkrise trage, als er durch seine Trennung von Gott und Welt, Schöpfer und Schöpfung, durch seine Entgötterung und Profanisierung der Natur die moderne Naturwissenschaft begrĂŒndet und durch die Lehre vom ‚dominium terrae' die Herrschaft des Menschen ĂŒber die Natur und damit deren Ausbeutung und Zerstörung ermöglicht, legitimiert, ja angeblich sogar gefordert habe."28
Dieser Vorwurf, mit dem biblischen Herrschaftsauftrag sei TĂŒr und Tor fĂŒr jede Ausbeutung der Erde in menschlicher Selbstherrlichkeit geöffnet worden, wurde erstmalig in aller Deutlichkeit 1967 von Lynn White in Amerika erhoben29, dann aufgegriffen von Carl Amery 197230 sowie schließlich von Eugen Drewermann 198131.
Aber bereits aus exegetischer Perspektive lassen sich hier – ohne ins Detail gehen zu können - im Blick auf Gen 1 vier Argumente nennen, die verdeutlichen, dass das mit „Herrschen" und „Untertan machen" bezeichnete dominium terrae nicht ĂŒber die Zerstörung der Umwelt und Ausbeutung der Natur zur ökologischen Krise fĂŒhren muss: (1) Die Tatsache, dass Begriffe wie „untertan" an anderer Stelle einen negativen Klang haben, muss das nicht auch fĂŒr die hier fragliche Stelle bedeuten. (2) Auftrag und Recht zur Herrschaft des Menschen ĂŒber die Natur und Kreatur werden aus seiner Gottebenbildlichkeit abgeleitet, und wenn dieser Herrscher charakterisiert ist als Gottes ReprĂ€sentant und Statthalter, und wenn diese Herrschaft als Auftrag Gottes zu verstehen ist, dann schließt dies ihr zerstörerisches VerstĂ€ndnis aus; durch Ausbeutung wĂŒrde
28 Daecke 1999, 62.
29 Vgl. White 1967.
30 Vgl. Amery [1972] 1980
31 Vgl. Drewermann 1981.
der Mensch seine „königliche Stellung" ja gerade verlieren. (3) Der Herrschaftsauftrag ist ausdrĂŒcklich ein Segen („und Gott segnete sie"), soll also nur zum Guten dienen. (4) Die sogenannte „Billigungsformel" („Und siehe, es war sehr gut") erlaubt nur eine positive Deutung, die eine SchĂ€digung der Natur durch die menschliche Herrschaft ausschließt.32 Dieser exegetische Befund macht also deutlich, dass der genannte Vorwurf die biblische Aussage missversteht. Bei dem Herrschaftsauftrag geht es nicht um eine „absolute Herrschaft ĂŒber die anderen Geschöpfe" (LS 67), sondern um ein Herrschen, das – so formuliert es der Papst in Laudato si - „'hĂŒten' schĂŒtzen, beaufsichtigen, bewahren, erhalten, bewachen" (LS 67) meint. Dieses Herrschaftsrecht ist also nicht willkĂŒrlich oder despotisch zu verstehen, die anderen Geschöpfe sind bzw. die gesamte Schöpfung ist nicht rĂŒcksichtslos fĂŒr die eigenen Interessen auszubeuten. Die Bibel unterstreicht vielmehr in vielfĂ€ltigen Bildern die Gemeinschaft alles Lebendigen33; die Ehrfurcht vor dem Schöpfer impliziert die Ehrfurcht vor allem Erschaffenen, der Kulturauftrag meint treuhĂ€nderische Verwaltung und FĂŒrsorge.
Trotzdem sind die Christen nicht völlig unbeteiligt an der Entwicklung der Ausbeutung und Zerstörung der Erde: die Christen tragen eine Mitschuld der Kirche am ökologischen Desaster, weil sie ihren biblischen Grundlagen untreu geworden sind. Papst Franziskus spricht auch davon, „dass wir Christen die Schriften manchmal falsch interpretiert haben" und dass „wir heute mit Nachdruck zurĂŒckweisen (mĂŒssen), dass aus der Tatsache, als Abbild Gottes erschaffen zu sein, und dem Auftrag, die Erde zu beherrschen, eine absolute Herrschaft ĂŒber die anderen Geschöpfe gefolgert wird." (LS 67). Aus der biblisch begrĂŒndeten positiv konnotierten SĂ€kularisierung im Sinne der dem Menschen von Gott zugesprochenen Verwaltung der Natur wurde, so formuliert es der evangelische Theologe und Biologe GĂŒnter Altner, die moderne „HĂ€resie
32 Vgl. Daecke 1999, 63.
33 Vgl. Anzenbacher 1997, 194.
des SĂ€kularismus".34 Die menschliche Sonderstellung wurde in der Neuzeit zunehmend von der Bindung an Gott gelöst, verabsolutiert und so zur ausbeuterischen Despotie ĂŒber die Natur, zu selbstherrlicher WillkĂŒr. Herrschaftsrecht und Herrschaftspflicht des Menschen sind aber nicht absolut-autonom, sondern relational-autonom zu verstehen. Sehr zugespitzt gegen Amery lautet das dann: „Die Tatsache, dass sich im Gefolge des christlichen Abendlandes rund um die Erde eine tiefgreifende Zerstörung des natĂŒrlichen Gleichgewichtes findet, ist nicht den Heilszusagen der jĂŒdisch-christlichen Tradition anzulasten. [...] vielmehr (wurden) diese Zusagen fallengelassen [...] und darĂŒber (pervertierte) die biblisch intendierte Herrschaft des Menschen ĂŒber die Natur zu einer technokratischen Ausbeutung"35. HochmĂŒtiger und letztlich schĂ€dlicher Machtanspruch des Menschen ist sicherlich - nicht nur, aber besonders - heute eine Gefahr, jedoch ist zugleich – das zeigt diese Debatte – dafĂŒr ein sehr sensibles Bewusstsein neu erwacht. „Aber solcher Gefahr entgeht der Mensch nicht dadurch, dass er auf Eingriffe in die Natur und auf Kulturgestaltung ĂŒberhaupt verzichtet." Nicht die AusĂŒbung des Kultur- und Herrschaftsauftrages, „sondern deren Verkehrung zu misstrauischer Absage an Gottes Leitung" 36 hat zur Krise und Debatte darĂŒber gefĂŒhrt.
3 Das Konzept der „Integralen Ökologie"
Aus dem schöpfungstheologischen Konzept, das dem gesamten Projekt „nachhaltig predigen" zugrundeliegt und das auch in Bezug auf einige Aussagen der Enzyklika Laudato si aufgezeigt wurde, ergeben sich nun auch wichtige material-inhaltliche Konsequenzen fĂŒr eine christliche (Sozial-)Ethik. Papst Franziskus spricht in seiner Enzyklika vom im Konzept der integralen Ökologie
34 Altner 1999, 67.
35 Ebd, 69.
36 Splett 1982, 193 f.
(und Ethik), und prĂ€sentiert dies als seinen eigenen Lösungsansatz. So heißt es bei ihm:
„Wir kommen jedoch heute nicht umhin anzuerkennen, dass ein wirklich ökologischer Ansatz sich immer in einen sozialen Ansatz verwandelt, der die Gerechtigkeit in die Umweltdiskussionen aufnehmen muss, um die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klage der Erde." (LS 49) Es geht ihm folglich um ein ganzheitliches Konzept, das mit der auf die Natur bezogenen Komponente untrennbar die menschliche und soziale Dimension verknĂŒpft sieht. Die Fragen nach der ökologischen und der sozialen Gerechtigkeit mĂŒssen notwendig miteinander verknĂŒpft gestellt werden, denn „(e)s gibt nicht zwei Krisen nebeneinander, eine der Umwelt und eine der Gesellschaft, sondern eine einzige und komplexe sozio-ökologische Krise. Die Wege zur Lösung erfordern einen ganzheitlichen Zugang, um die Armut zu bekĂ€mpfen, den Ausgeschlossenen ihre WĂŒrde zurĂŒckzugeben und sich zugleich um die Natur zu kĂŒmmern." (LS 139) Auch wenn es nicht expressis verbis genannt wird, klingt in diesen AusfĂŒhrungen zur KomplexitĂ€t des Ansatzes der „integralen Ökologie" das sog. Nachhaltigkeitsdreieck (triangle of sustainability) an, das aus den Dimensionen der Ökologie, der Ökonomie und des Sozialen besteht (wobei zu der Dimension der Ökonomie im Blick auf Papst Franziskus schon noch mal das eine oder andere zu sagen ist s.u.). In einem gemeinsamen Text der EKD und der DBK zur Neuorientierung fĂŒr eine nachhaltige Landwirtschaft aus dem Jahr 2003 heißt es schon: Nachhaltigkeit „basiert auf einer Kultur der Achtsamkeit und des rechten Maßes, in der die individuellen, sozialen, ökonomischen und ökologischen Dimensionen des Lebens nicht gegeneinander ausgespielt, sondern in ihrer wechselseitigen Bedingtheit erkannt werden. Nachhaltigkeit ist also nicht nur ein ökologisches Prinzip, sondern vielmehr eine Grundeinstellung zum Leben, die darauf ausgerichtet ist, Ressourcen nicht auszubeuten, sondern so mit lebenden Systemen in Natur und Gesellschaft
umzugehen, dass sie ihre RegenerationsfĂ€higkeit behalten."37 Unter dem Stichwort „Umkehr zum Leben" widmet sich eine ganze Denkschrift der EKD bereits 2009, also im Kontext der Finanzen und Wirtschaftskrise, der Frage nach einer nachhaltigen Entwicklung, dies vor dem Zeichen des oben bereits erwĂ€hnten Klimawandels.
Ganz aktuell geht es auf den Seiten von „nachhaltig predigen" unter dem Stichwort der Heimat auch um die Problematik der FlĂŒchtlinge in Verbindung mit den entsprechenden sozialen Fragen. Nachhaltigkeit bedeutet in diesem Kontext nach dem Autor Weihbischof Paul Wehrle auch die BekĂ€mpfung der Fluchtursachen, um Heimat zu erhalten38. Bewahrung der Schöpfung kann nur in Frieden und Gerechtigkeit gelingen – so entsteht global nachhaltige Entwicklung.
Im Detail lassen sich aus der Enzyklika wichtige Aspekte des Modells „integraler Ökologie" gewinnen:
3.1 Marktkritik
Zum einen formuliert bzw. erneuert Papst Franziskus die aus seinem Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium bereits bekannte Kritik am Markt: Dort heißt das berĂŒhmt gewordene Diktum „Diese Wirtschaft tötet." In der jĂŒngsten Enzyklika heißt es nun: „Der Markt von sich aus gewĂ€hrleistet [...] nicht die ganzheitliche Entwicklung des Menschen und die soziale Inklusion." (LS 109) Der Markt folgt in Franziskus' Perspektive ausschließlich dem Prinzip der Gewinnmaximierung. Er lĂ€sst, so der Papst, die entscheidenden Fragen (die dann auch bereits konstruktive Elemente des Konzepts einer integralen Ökologie formulieren) nach dem „rechte(n) Ausmaß der Produktion, eine(r) bessere(n) Verteilung des Reichtums, ein(em) verantwortungsvolle(n) Umgang mit der Natur oder [...] (nach den) Rechte(n) der zukĂŒnftigen Generationen" (LS 109) und damit die Frage nach dem Humanen, Sozialen und Ökologischen
37 http://www.ekd.de/EKD-Texte/neuorientierung_landwirtschaft5.html, Nr. 44.
38 http://www.nachhaltig-predigen.de/index.php/jahresthemen/heimat-los
außer Acht. Er sieht hier das „technokratische Paradigma" (LS 109) am Werk, das dazu tendiert, „Wirtschaft und [...] Politik zu beherrschen." (LS 109) Mit Recht erkennt er als Problem, dass man immer noch meint, mit den Mitteln der jetzigen Wirtschaft und Technologie alle Umweltprobleme lösen zu können. Genau das wird auch auf Ihrer Seite zum Jahresthema „Wandel gestalten" thematisiert. Es heißt dort: „Eine nachhaltige Entwicklung kann nicht in denselben Strukturen erfolgen wie die nicht nachhaltige, sozial ungerechte, Ressourcen ausbeutende Entwicklung, die wir heute kritisieren und verĂ€ndern möchten."39
Papst Franziskus kritisiert, bezugnehmend auf Caritas in veritate, das bestehende Ungleichgewicht zwischen „'eine(r) Art verschwenderische(r) und konsumorientierte(r) Überentwicklung" auf der einen Seite und der anhaltenden Situation entmenschlichenden Elends auf der anderen Seite. Als eindeutiges Defizit benennt er, dass den Ärmsten kein regulĂ€rer Zugang zu den Grundressourcen ermöglicht wird – in der Terminologie der neueren christlichen Sozialethik handelt es sich hier um ein Problem sozialer Gerechtigkeit im Sinne partizipativer Gerechtigkeit. Schon in diesem Zusammenhang ist darauf zu verweisen, dass er einen ethischen Maßstab fordert – das meint er, wenn er kritisiert, dass „es weder objektive Wahrheiten noch feste GrundsĂ€tze" (LS 123) gibt: Ein solcher Maßstab muss die unteilbare und unhintergehbare WĂŒrde jedes einzelnen Menschen in Verbindung mit dem Bewusstsein von dem Wert jedes Geschöpfes sein, der „Menschenhandel, [...] organisierte KriminalitĂ€t, [...] Rauschgifthandel, [...] Handel von Blutdiamanten und von Fellen von Tieren, die vom Aussterben bedroht sind" (LS 123) unterbindet.
3.2 Integrales WissenschaftsverstÀndnis
Ein zweiter Aspekt ist ein wissenschaftstheoretischer: Papst Franziskus nennt die der Technologie eigene Spezialisierung und Vielfalt und kritisiert, dass es in
39 http://www.nachhaltig-predigen.de/index.php/jahresthemen/wandel-gestalten
diesem Konzept der Moderne kaum gelingen kann, „das Ganze in den Blick zu nehmen." (LS 110) Auf der Ebene der Wissenschaft, „die angeblich Lösungen fĂŒr die großen Belange anbietet" (LS 110), mĂŒsste dann aber auch ein umgreifender Horizont in den Blick genommen werden, was aber heute weithin nicht geleistet wird. Das wĂŒrde, positiv gewendet bedeuten, dass es eines ethischen und/oder religiösen Horizonts bedarf, einer Perspektive aus menschlicher Freiheit, die den Blick zu weiten vermag. In den Worten des Papstes: „Es mĂŒsste einen anderen Blick geben, ein Denken, eine Politik, ein Erziehungsprogramm, einen Lebensstil und eine SpiritualitĂ€t, die einen Widerstand gegen den Vormarsch des technokratischen Paradigmas bilden." (LS 111) Eine einseitig technische – oder, man könnte auch ergĂ€nzen: nur ökonomische - Lösung eines Problems wĂŒrde eine Vereinseitigung bedeuten, die alle vom Papst als so wichtig erachtete Vernetzung außer Acht ließe. So fĂŒhrt er weiter aus (und damit wird zugleich die Verbindung zum nĂ€chsten Kritikpunkt hergestellt): „Wenn die ökologische Krise ein Aufbrechen oder ein Sichtbarwerden der ethischen, kulturellen und spirituellen Krise der Moderne bedeutet, können wir nicht beanspruchen, unsere Beziehung zur Natur und zur Umwelt zu heilen, ohne alle grundlegenden Beziehungen des Menschen zu heilen." (LS 119)
3.3 Integrale Anthropologie
Der dritte Aspekt betrifft das VerstĂ€ndnis vom Menschen: Franziskus macht auch im Blick auf die Anthropologie eine ganzheitliche, alle Dimensionen des Menschseins umfassende Sichtweise geltend. FĂŒr das von ihm entwickelte Konzept integraler Ökologie bedeutet das, dass „man [...] nicht eine Beziehung zur Umwelt geltend machen (kann), die von den Beziehungen zu den anderen Menschen und zu Gott isoliert ist. Es wĂ€re ein als ökologische Schönheit getarnter romantischer Individualismus und ein stickiges Eingeschlossensein in der Immanenz." (LS 119)
3.4 Integraler Wachstums- und Fortschrittsbegriff
Vor diesem Hintergrund liegt es auf der Hand, dass mit dem Konzept einer integralen Ökologie Problemlösungen gesucht werden, die die „Wechselwirkungen der Natursysteme untereinander und mit den Sozialsystemen" (LS 139) in den Blick nehmen. Franziskus fĂŒhrt verschiedene Elemente an, so die Umwelt-, Wirtschafts- und Sozialökologie, die Kulturökologie und die Ökologie des Alltagslebens. Die Relevanz dieser verschiedenen Ökologiebereiche wird sehr konkret ausgefĂŒhrt: So weist er auf das große Problem hin, dass etwa KlimaverĂ€nderungen sich in der sĂŒdlichen HemisphĂ€re deutlich stĂ€rker als in der nördlichen auswirken, dort also, wo die Menschen arm sind und somit in doppelter Weise zu Opfern der ökologischen Schuld ganzer LĂ€nder werden.40 Somit lĂ€sst sich festhalten, dass „(d)ie ökologischen Probleme [...] die weltweit höchst ungleiche Verteilung von Vermögen und Lebenschancen weiter (verstĂ€rken)."41 Die entsprechende und von der Enzyklika geforderte „ökologische Umkehr" (LS 216) muss darum dem Papst zufolge die christliche Eigentumsethik, vor allem ihren obersten Grundsatz, demzufolge die GĂŒter die Erde fĂŒr alle da sind, berĂŒcksichtigen, ebenso wie sie der „Option fĂŒr die Armen" und einer Kultur der Demut und der GenĂŒgsamkeit verpflichtet sein muss (vgl. LS 223 f).
Das Konzept der integralen Ökologie impliziert auch ein umfassenderes, ein anderes VerstĂ€ndnis von Fortschritt und Wachstum. Es liegt auf der Hand, dass Papst Franziskus nicht einfach eine quantitative Steigerung technischer oder wirtschaftlicher Möglichkeiten meint, denn daraus resultiere ein Ungleichgewicht der Ökosysteme (vgl. LS 35) und dies gehe nicht einher „mit einer Entwicklung des Menschen in Verantwortlichkeit, Werten und Gewissen". (LS 105). Vielmehr geht es ihm um ein Wachstum, das „einen wahren ganzheitlichen Fortschritt und eine Besserung der LebensqualitĂ€t bedeutet" (LS
40 Vgl. Gabriel 2015, 642, ferner Vogt 2014, 69 f.
41 Gabriel 2015, 643.
46), das die bessere Verteilung des Reichtums, einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Natur und die Rechte der zukĂŒnftigen Generationen mit einbezieht (vgl. LS 109). Er sieht durchaus die „menschliche Freiheit [...] in der Lage, die Technik zu beschrĂ€nken, sie zu lenken und in den Dienst einer anderen Art des Fortschritts zu stellen, der gesĂŒnder, menschlicher, sozialer und ganzheitlicher ist." (LS 112) Die Rede von der anderen Art von Fortschritt macht deutlich, dass hier nicht simple und naive Fortschrittsfeindlichkeit zu unterstellen ist, sondern dass ein VerstĂ€ndnis von Fortschritt im Blick ist, in dem Fortschritt nicht Selbstzweck ist, sondern KreativitĂ€t entfaltet im Blick auf eine Verbesserung der LebensqualitĂ€t und eine grĂ¶ĂŸere Gerechtigkeit.
4 Fazit: Eine Anleitung zur Entdeckung der Weltverantwortung von Christen und Christinnen
Kommen wir also zum Schluss:
Mit Ihrer Seite und Ihrer Initiative „nachhaltig predigen" haben Sie ein großes Schlagwort der letzten Jahrzehnte aufgegriffen, aber nicht nur ein Schlagwort benutzt, sondern ein Anliegen stark gemacht, das heute unumgĂ€nglich erscheint.
Ich möchte in meinem Fazit nicht einfach noch mal wiederholen, was ich vorher entfaltet habe, vielmehr geht es mir darum, zwei zentrale Leistungen herauszustellen, die Sie m.E. mit dieser Initiative erbracht haben:
Zum einen haben Sie sehr frĂŒhzeitig deutlich machen können, dass Nachhaltigkeit nicht nur fĂŒr Ökologie, sondern umfassend fĂŒr globale, soziale und ökologische Gerechtigkeit steht, die eine Langzeitperspektive und die Verantwortung fĂŒr die kommenden Generationen in jeder Hinsicht impliziert. „Es geht um die Frage: Was ist gerecht in dieser Gesellschaft? Wie können wir die Gesellschaft gestalten, in der wir leben wollen (und zu ergĂ€nzen wĂ€re: die wir den nach uns kommenden Generationen ĂŒberlassen wollen)? Wie können wir Not als Kriterium fĂŒr die Definition von Gerechtigkeit erkennen und uns
dazu verhalten?"42, so heißt es auf Ihrer Website in der Predigt zu Weihnachten 2011. Dass in diesem Kontext aus christlicher Überzeugung und Perspektive spezifisches Engagement fĂŒr und spezifische Sorge um die Schöpfung, um alles Geschaffene und in besonderer Weise fĂŒr die Menschen in ihrer WĂŒrde und Freiheit ansteht, legt sich nahe, ebenso aber wird deutlich, dass es nicht um ein exklusiv christliches Thema geht: „Engagement fĂŒr Nachhaltigkeit beweist keinen Glauben, Leben im Geist Jesu bzw. Nachfolge ist ohne Engagement aber nicht möglich"43.
In diesem Kontext möchte ich noch einmal kurz zurĂŒckkommen auf den Anfang: „nachhaltig predigen" ist eine Anleitung zur Entdeckung der grĂŒnen Seiten der Bibel, so hatte ich von meinem Kollegen Markus Vogt zitiert. Ich glaube, dass man das deutlich erweitern kann: „nachhaltig predigen" ist eine Anleitung zur Entdeckung der Weltverantwortung von Christen und Christinnen.
Und damit sind wir auch schon bei dem zweiten Punkt angekommen, den ich hervorheben möchte. Sie haben einen fĂŒr den gesellschaftlichen Dialog zentralen Aspekt aufgezeigt: dass nĂ€mlich Christen einen relevanten, konstitutiven Beitrag zu einem gesellschaftlich-öffentlich hoch aktuellen „sĂ€kularen" Diskurs (wie dem der Nachhaltigkeit) zu leisten haben, sowohl und insbesondere, was den BegrĂŒndungszusammenhang angeht als auch, was den Entfaltungs- und den Konsequenzenkontext angeht. „Nachhaltigkeit heißt [...], dass ich Verantwortung fĂŒr die Jetztzeit ĂŒbernehme", Verantwortung hinsichtlich – so wiederum in einer Predigt - der „zerstrittene(n) Welt, die sich nach Frieden sehnt, (der) Sehnsucht nach der Erneuerung unserer Welt sowie (der) Sache der Armen und Schutzlosen und (der) Gerechtigkeit, die mit FĂŒĂŸen getreten wird"44 und - so wĂ€re zu ergĂ€nzen – hinsichtlich allen Lebens, das in diesem gemeinsamen Haus, das wir bewohnen, oft genug ausgebeutet wird.
42 http://www.nachhaltig-predigen.de/20112012/2011_12_25_Diringer.html
43 http://www.umdenken.de/index,id,736,selid,2902,type,VAL_MEMO.html
44 http://www.nachhaltig-predigen.de/20112012/2012_11_11_DrSchorn.html
Und dabei geht es um die Übernahme der Verantwortung fĂŒr die Jetztzeit „im Angesicht der Ewigkeit - natĂŒrlich in dem Wissen, dass es nicht nur an mir liegt und dass ich ohne die Gnade Gottes nichts zu erreichen vermag. Aber: Jetzt ist eben auch die Zeit der Gnade, [...] so dass jetzt (zu ergĂ€nzen wĂ€re: und jeden Tag. Anm.d.Verf.) der Tag des Heils sein kann"45. Sie haben mit der ganzen Idee des „Nachhaltig predigens" das Predigen selber nachhaltig gestellt – JĂŒrgen Habermas verdeutlicht mit Recht, so meine ich, , dass auch die sĂ€kularisierten, „religiös unmusikalischen" BĂŒrger eine Verpflichtung haben, „relevante BeitrĂ€ge aus der religiösen in eine öffentlich zugĂ€ngliche Sprache zu ĂŒbersetzen"46, was hier bedeuten wĂŒrde, dass sie sich bemĂŒhen mĂŒssen, den genuin christlichen Beitrag in seiner Bedeutung zu verstehen und in sĂ€kularer Sprache zu kommunizieren. Sie haben mit Ihrer Website genau diesen Übersetzungsversuch selber gemacht: SchĂŒtzt unser gemeinsames Haus - Sie wissen um die Notwendigkeit des Transformations- und Übersetzungsprozesses, der Konkretisierung in einer allgemein verstĂ€ndlichen Sprache und Denkweise, der Entdeckung der gemeinsamen Verantwortung aller, ohne dabei das christliche Spezifikum aufzugeben. Das ist Ihnen bislang bestens gelungen – dazu noch einmal meinen herzlichen GlĂŒckwunsch, und Gottes Segen fĂŒr Ihre weitere Arbeit!
45 http://www.nachhaltig-predigen.de/20112012/2012_11_11_DrSchorn.html
46 Habermas, JĂŒrgern (2005): Vorpolitische Grundlagen des demokratischen Rechtsstaaes? In: JĂŒrgen Habermas und Joseph Ratzinger (Hg.): Dialektik der SĂ€kularisierung. Über Vernunft und Religion. Freiburg: Herder-Verlag, S. 15–37, 36.
Literaturverzeichnis
Altner, GĂŒnter (1999): Unschuld der Bibel, Mitschuld des Christentums. In: Hans Halter; Wilfried LochbĂŒhler (Hg.): Ökologische Theologie und Ethik, Graz, 66–70.
Amery, Carl ([1972] 1980): Das Ende der Vorsehung. Die gnadenlosen Folgen des Christentums, Reinbek.
Anzenbacher, Arno (1997): Christliche Sozialethik. EinfĂŒhrung und Prinzipien, Paderborn.
Daecke, S. M. (1999): Unterscheiden zwischen der biblischen Botschaft und ihrer Wirkungsgeschichte. In: Hans Halter; Wilfried LochbĂŒhler (Hg.): Ökologische Theologie und Ethik, Graz, 61–66.
Die deutschen Bischöfe - Kommission fĂŒr gesellschaftliche und soziale Fragen (1998): Handeln fĂŒr die Zukunft der Schöpfung. Bonn (19). Online verfĂŒgbar unter http://www.dbk-shop.de/media/files_public/ipixohxlt/DBK_1219.pdf, zuletzt geprĂŒft am 06.03.2016.
Drewermann, Eugen (1981): Der tödliche Fortschritt. Von der Zerstörung der Erde und des Menschen im Erbe des Christentums, 6., erw. u. aktualisierte Aufl. Regensburg.
Gabriel, Ingeborg (2015): Die Enzyklika „Laudato si'". Ein Meilenstein in der lehramtlichen SozialverkĂŒndigung. In: IKaZ Communio 44, 639-646.
Hanssler, Bernhard (1968): Glaube und Kultur. Köln.
Hieke, Thomas (2013): Alles nur Mythos? Impulse fĂŒr heutiges Handeln aus biblischer Schöpfungsrede. In: Gunter Geiger; Beatrice van Saan-Klein (Hg.): Menschenrechte weltweit - Schöpfung bewahren! Grundlagen einer ethischen Umweltpolitik, Leverkusen, 13–31.
Höhn, Hans-Joachim (2001): Ökologische Sozialethik. Grundlagen und Perspektiven. Paderborn.
Kruip, Gerhard (2015): Ein dramatischer Appell: Die neue Umwelt-Enzyklika des Papstes. In: HerKorr 69 (7), 341–344.
Lienkamp, Andreas (2000): Das Nachhaltigkeits-Leitbild in der umweltpolitischen und -ethischen Debatte: Steile Karriere. In: HerKorr 54 (9), 464–469.
LochbĂŒhler, Wilfried (1996): Christliche Umweltethik. Schöpfungstheologische Grundlagen, philosophisch-ethische AnsĂ€tze, ökologische Marktwirtschaft, Frankfurt am Main.
Meadows, Dennis u.a. (1972): Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, Stuttgart.
Moltmann, JĂŒrgen (2010): Ethik der Hoffnung, GĂŒtersloh.
MĂŒller, Klaus (2011): Grenzen des traditionellen Gottesbilds: Wechsel zum Panentheismus? In: HerKorr Spezial-2 65, 33–38.
Predel, Gregor (2015): Schöpfungslehre, Paderborn.
Schmid, Konrad (2012): Schöpfung als Thema der Theologie. In: Konrad Schmid (Hg.): Schöpfung, TĂŒbingen, 1–15.
Splett, Jörg (1966): Kirche und WeltverstĂ€ndnis. In: Stimmen der Zeit 91, 345–356.
Splett, Jörg (1982): „Macht euch die Erde untertan"? Zur ethisch-religiösen Begrenzung technischen Zugriffs. In: Alois Buch; Jörg Splett (Hg.): Wissenschaft, Technik, HumanitĂ€t. BeitrĂ€ge zu einer konkreten Ethik, Frankfurt a.M., 175–202.
Striet, Magnus (2000): Den Anfang denken. Bemerkungen zur Hermeneutik des creatio ex nihilo-Glaubens. In: Zeitschrift fĂŒr Theologie aus biblischer Perspektive (1), 2–13.
Vogt, Markus (2014): Ökologische Gerechtigkeit und Humanökologie. In: Ingeborg Gabriel; Petra Steinmair-Pösel (Hg.): Gerechtigkeit in einer endlichen Welt. Ökologie - Wirtschaft - Ethik. 2. Aufl. Ostfildern, 64–86.
Vogt, Markus (2015): Ein neues Kapitel der katholischen Soziallehre: Ganzheitliche Ökologie - eine Frage radikal verĂ€nderter Lebensstile und Wirtschaftsformen. In: Amos international 9, 3-10.
White, Lynn (1967): The historical roots of our ecological crisis. In: Science 155 (3767), 1203–1207.