Christvesper / -nacht bzw. Hl. Abend / Hl. Nacht (24.12.19)

Heiliger Abend und Heilige Nacht / Christvesper und Christnacht

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Hl. Abend: Hes 37,24-28
Hl. Nacht: Sach 2,14-17
Hl. Abend: Jes 62, 1-5
Hl. Nacht: Jes 9, 1-6
A.: Apg 13, 16-17.22-25
Nacht: Tit 2, 11-14
Abend: Mt 1, 1-25
Nacht: Lk 2, 1-14

Weihnachten ist das „nachhaltigste“ der christlichen Feste, gerade wenn man die unterschiedlichen BrĂ€uche und Gewohnheiten in Europa in den Blick nimmt. Die Vielfalt ist schier unĂŒberschaubar, und jede Familie hat ihre Traditionen, dieses Fest zu begehen. Die Gottesdienste sind (noch und teilweise schon wieder hĂ€ufiger) gut gefĂŒllt, GĂ€nse-und Entenvieh muss in großer Zahl sein Leben fĂŒr Festschmaus-Variationen aller Art lassen. Und ob GlĂŒhwein in der Innenstadt oder die Weihnachtsgeschichte unterm Tannenbaum, ob Krippenspiele oder Geschenkemarathon, alle haben unterschiedliche ZugĂ€nge und Geschichten mit dieser Zeit. FrĂŒher war mehr Lametta!

An Weihnachten scheiden sich freilich auch die Geister. Es gibt einerseits heftige Auseinandersetzungen und Abwehrhaltungen auf der einen Seite, durchaus auch und nicht zu knapp innerhalb der Kirchen selbst. Auf der anderen Seite aber leben tief verwurzelte und ernstzunehmende GefĂŒhle auf, nicht immer rational verankert, aber fĂŒr die Seele und das gemeinsame Leben von großer Bedeutung. Bis tief in die sĂ€kularisierten Gesellschaftsschichten Europas hinein lassen sich diese oder andere Symptome um Weihnachten herum beobachten.

VulnerabilitĂ€t ist das Oberthema dieses Jahres. Das trifft ins Zentrum der Geschichte von Bethlehem. Wir können uns ihr nĂ€hern, wenn wir grundsĂ€tzlich bereit sind, uns in die weihnachtliche GefĂŒhlswelt hineinzuversetzen. Inwieweit wir uns von ihr mitnehmen lassen in die Wunder dieser Nacht und ja, auch noch staunen können ĂŒber das, was uns seit alters her und konkret meistens seit unserer Kindheit begegnet, sei dahingestellt. Auf alle FĂ€lle aber gilt es, sich den Herausforderungen, die unter und hinter dem Schönen liegen, zu stellen. Dann kann etwas Neues werden, angesichts der sehr alten und wahrscheinlich wirkmĂ€chtigsten Legende des so genannten christlichen Abendlands.

FĂŒr die Auseinandersetzung mit der Tradition wird hier im Wesentlichen auf die beiden Texte Jesaja 9 und natĂŒrlich Lukas 2 Bezug genommen, verknĂŒpft mit den Motiven, die uns in Sacharja 2 und Jesaja 62 begegnen.

Aus dem Blickwinkel der Hirten

Ich lese Lukas 2 vor allem aus dem Blickwinkel der Hirten und stelle mir sie vor. Die Hirten werden in der einschlĂ€gigen Literatur teils als raue Burschen (es waren wohl wirklich ausschließlich MĂ€nner), teils als Vagabunden, aber auch als Gauner und Diebe bezeichnet. Sollten sie in einem festen VertragsverhĂ€ltnis gewesen sein, ist eine Bezahlung weit unter Mindestlohn anzunehmen. Die Hirten waren also arme Socken, aber auch wohl grundsĂ€tzlich kriminellen Karrieren nicht immer fern. Ihr Beruf war gefĂ€hrlich. FĂŒr Verluste an Tieren mussten sie geradestehen, Mitleid hatten wohl die wenigsten mit ihnen. Sozial prekĂ€res Umfeld heißt das heute. Oder vulnerabler Personenkreis.

Es bleibt einer der stĂ€rksten ZĂŒge der Lukas-Legende, diese Gruppe im erzĂ€hlten Heilsgeschehen so in den Mittelpunkt zu rĂŒcken. NatĂŒrlich ist das theologisches Programm. Weder durch heimelige Krippenfiguren, aber auch nicht durch allzu nĂŒchterne Exegese darf dieser Blick geschmĂ€lert werden. Ja, diese Figuren regen zu phantasievoller NacherzĂ€hlung an – und wir werden dabei rasch feststellen, wie wir mitten in den Konflikten der Gegenwart landen. Die Nachricht von Engeln an diese Außenseiter, ist an sich schon das Wunder dieser Nacht, die so vieles auf den Kopf stellt. Es gibt offenbar Influencer*innen, die wichtiges mitzuteilen haben und noch mehr in Bewegung setzen. HĂ€tten die Hirten schon Smartphones gehabt, wer weiß, welche Wege „Engel“ gesucht hĂ€tten, um ihre „message“ zu teilen.

Die Nachricht von der Geburt eines Retters hĂ€tte ja ebenso als Fake-News durchgehen können. Aber gerade in diesen nach außen oft nicht gerade zimperlichen Gesellen regt sich Neugier und Zielstrebigkeit. Klar, die ErzĂ€hlung fĂ€hrt dick auf, die ganze Heerschar von Engeln, ganz großes Kino sozusagen. Doch all das mĂŒndet in eine nur noch zĂ€rtlich zu nennende Szene, in ihrer Knappheit unĂŒberbietbar zugespitzt.

Alles wird auf den Kopf gestellt

Wie bei den Hirten wird an den weiteren Elementen der Weihnachtslegende deutlich, auf welche Weise alles Gewohnte und SelbstverstĂ€ndliche in dieser Geschichte auf den Kopf gestellt wird. Der Retter, von dem Heerscharen an Engeln singen, liegt in Windeln in einer Futterkrippe, weil alle anderen, die durch die VolkszĂ€hlung der römischen Machthaber in Schwierigkeiten waren, Vorrang hatten vor einem schwangeren jungen MĂ€dchen und seinem Begleiter/Verlobten. Das arme Kaff Bethlehem wird zum Mittelpunkt des Weltgeschehens, natĂŒrlich aus theologischen GrĂŒnden. Hirten werden zu den ersten Boten der neuen Zeit, die in dieser Nacht anbricht. Sie, die wohl eher nicht lesen und schreiben können, mit denen niemand zu tun haben will, erzĂ€hlen anderen von „allem, was ihnen von diesem Kinde gesagt wurde(!)“.

Und der Gesang der Engel auf den Feldern (gerade nicht im Tempel!) ist schon die Vorwegnahme der endgĂŒltigen PrĂ€senz Gottes in der Welt, die sich selbst verloren glaubt, aus der er, Gott, aber nie mehr wegzudenken ist. Das legt im Übrigen auch die Perikope Jesaja 9 nahe.

Zu suchen und zu retten, was verloren ist

Ich möchte in diesem Zusammenhang den Gedanken des Verlorenen bzw. des Schwachen noch weiterspinnen, weil es in der LukaserzĂ€hlung so stark angelegt ist. Nimmt man die erwĂ€hnte Passage aus Jesaja 9 hinzu, dann wird deutlich: So wie das Volk, das im Dunkeln lebt, zu neuer Freiheit und Freude gefĂŒhrt wird (denn der Gesalbte des Herrn wird dort sein Königreich haben – FriedefĂŒrst wird er genannt!), so wird Christus seine eigentliche Mission genau so bezeichnen: Ich bin gekommen, zu suchen und zu retten, was verloren ist. (Lukas 19,10)

Genau damit ist aber zugleich die Rolle der Nachfolgenden dieses Königs fĂŒr immer definiert. Die Kirche war und ist einem großen und unentschuldbaren Irrtum unterlegen, indem sie sich als eine starke Institution, ĂŒber die Zeiten hinweg sogar als weltliche Macht gegenĂŒber der staatlichen behaupten wollte. Die Worte zu Weihnachten machen sehr deutlich, wie die Kirche alle ihre Kraft und StĂ€rke zu allen Zeiten ausschließlich dieser nicht endenden Bewegung Gottes in die Welt und in der Welt verdankt.

Darum musste sich fast zwangslĂ€ufig die immer wieder behauptete Allmacht[1] des Gottes Israels in einem elenden Stall in Bethlehem zeigen[2]. Wir haben wahrscheinlich die (Selbst-)Begrenzung dieser Macht des ewigen Gottes noch gar nicht recht erfasst und die Kirche ist und war sich ihrer diesbezĂŒglichen Hirtenrolle wohl eher in AusnahmefĂ€llen als in der Regel bewusst.

Gottes Gegenwart in der grĂ¶ĂŸten Katastrophe

Ich habe jahrelang im Ostkongo in Zentralafrika gearbeitet und bin seitdem immer wieder mit der Frage konfrontiert, wie Menschen in dieser Region der Welt, durch den ruandischen Genozid von 1994 und die folgenden Kriege schwer traumatisiert, mit dieser stĂ€ndigen Gewalterfahrung leben können. Bei allem was man ĂŒber traumatherapeutische AnsĂ€tze wissen kann – die meisten erhalten keine Hilfe dieser Art. Es wĂ€chst eine Generation auf, die nie etwas anderes als Angst und Gewalt erlebt hat.

GlaubenssĂ€tze erstarren hier zu Floskeln, und doch ist in der ganzen Verletzlichkeit der Seelen ein Lebenswille sichtbar und spĂŒrbar, an den ich in diesem Zusammenhang denken muss. Ist Gottes Gegenwart von Bethlehem nach Zentralafrika gewandert, zu dem Volk, das wahrlich im Dunkeln lebt? Welches große Licht sehen sie?

Man muss das im Einzelnen immer wieder durchbuchstabieren. Dort, wo Kriege und extrem brutale Vergewaltigungen, als Kriegswaffe eingesetzt, Familien und Sozialstrukturen zerstören (wo auch der diesjĂ€hrige FriedensnobelpreistrĂ€ger herkommt), muss sich der Blick zwangslĂ€ufig auf die Opfer richten. Es geht nicht an, dass wir ungefragt unsere Mobiltelefone nutzen und nicht einmal fragen, woher die Rohstoffe fĂŒr die GerĂ€te kommen. Auch die Frage unserer „sauberen ElektromobilitĂ€t“ geht einher mit sehr schmutziger und auch tödlicher Ausbeutung von Kindern in ungesicherten Minen und Abbaugebieten.

Das alles hĂ€ngt zusammen und wird in den kommenden Jahren immer mehr Thema sein. Weihnachten ist auch in diesen Minen und an den Orten, wo Frauen, die an Leib und Seele fĂŒr immer zerstört wurden, wieder ins Leben finden wollen und können. Wo Kinder ihr Leben lassen, damit bei uns Kinder mit in Zukunft wohl elektrischen SUVs zum Kindergarten oder zur Schule gebracht werden.

Weihnachten schĂ€rft den Blick fĂŒr die ZĂ€rtlichkeit Gottes, der in diesen Kindern und Frauen zur Welt kommt. Zugleich fordert es uns massiv heraus, den SchwĂ€chsten dort beizustehen und fĂŒr sie einzutreten. Politisch nennt man das Lobbyarbeit, geistlich ist es wohl das Suchen und Retten dessen, was verloren ist, mit aller unsere Kraft angesichts der Proklamation von Bethlehem.

GeflĂŒchtete als Völker unterwegs zu einem Gott (Sacharja 2)

Wir mĂŒssen schließlich auch in diesem Jahr ĂŒber GeflĂŒchtete reden. Sie gehören ja sozusagen zum inneren Kreis der WeihnachtserzĂ€hlungen. Diese Menschen haben schon lange keine Lobby mehr. Sie werden durchgehend schikaniert, als unerwĂŒnscht gebrandmarkt (ein Besuch bei einer beliebigen AuslĂ€nderbehörde reicht aus, um das zu untermauern), mit unĂŒberwindbaren HĂŒrden daran gehindert sich einzubringen und im Krankheitsfall mit bĂŒrokratischen Maßnahmen belegt, die jedenfalls nicht zur Heilung beitragen. Wer das Mittelmeer ĂŒberlebt hat, muss in Deutschland jederzeit damit rechnen, beschimpft, ausgegrenzt und unterdrĂŒckt zu werden. Inzwischen ist die Hemmschwelle auch im bĂŒrgerlichen Milieu so niedrig, dass es auch unter so genannten Gebildeten schwer geworden ist, fĂŒr Achtung und MenschenwĂŒrde auf diesem Feld zu werben bzw. ĂŒberhaupt noch VerstĂ€ndnis zu finden[3].

Es Ă€ndert sich eben alles, wenn wir die Bewegung der WeihnachtserzĂ€hlungen hier aufnehmen. Menschen werden sichtbar mit ihrer Geschichte, mit dem was sie sind, was sie erzĂ€hlen und auch beitragen können. Die „Fremden“ werden zu einem Motor des Neuen. Ja, ihre Geschichten zu hören und sie als eigenstĂ€ndige, mit WĂŒrde und allerlei Begabungen ausgestattete BĂŒrgerinnen und BĂŒrger zu sehen, hilft uns doch am Ende auch, uns selbst besser zu verstehen. Die Frage, wie die vielen Völker sich um den einen Gott versammeln werden (Sacharja 2), ist eben noch lĂ€ngst nicht ausgemacht. Es könnte ja sein, dass die Menschen, die zu uns kommen, in Gottes Augen schon lĂ€ngst Teil dieser Bewegung sind, wenn wir in ihnen das Ebenbild unseres Gottes erkennen. Das Ă€ndert alles.

Weihnachten bleibt eine große Ermutigung und Herausforderung zugleich: Wir dĂŒrfen und sollen Gott genau dort verorten, wo die Finsternis am grĂ¶ĂŸten ist. Eine schlichte und zugleich weitreichende Behauptung. Doch ĂŒber den Feldern von Bethlehem hat eben das begonnen, was nie aufhören darf, damit am Ende der Lobgesang der himmlischen Heerscharen zu seinem Recht kommt. Friede auf Erden – den Menschen seines Wohlgefallens. Den SchwĂ€chsten zuerst, ĂŒberall und fĂŒr immer.

Martin Domke, Herne

[1] Allmacht ist und bleibt eine problematische Kategorie. Das bedarf in der Tat einer eigenen Diskussion. Gerade angesichts des Themas „VulnerabilitĂ€t“ ist dies in vielschichtiger Weise zu bedenken.

[2] Selbst die immer wieder aufgefĂŒhrte Genealogie des „Stammbaums Jesu“ deutet in diese Richtung. Das wĂ€re eine eigene Untersuchung bzw. Meditation wert.

[3] Ich meine damit nicht, dass GeflĂŒchtete per se „Opfer“ geschweige denn „gut“ sind. Es bleibt gefĂ€hrlich, Menschen von vornherein in eine Kategorie zu zwĂ€ngen. Die NaivitĂ€t war 2015 sicherlich auch groß. Es muss eben auch klar sein: Wer als Gast das Gesetz ĂŒbertritt, muss auch mit der HĂ€rte des Gesetzes zur Rechenschaft gezogen werden. Aber der Wertekanon, auf dem unser Zusammenleben beruht, ist eben nicht beliebig zu verschieben, sondern bleibt die Herausforderung in dieser Zeit.

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