30.o5.24 – Fronleichnam

kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Ex 24, 3-8 Hebr 9, 11-15 Mk 14, 12-16.22-26

Ausgangspunkt des vorliegenden Predigtimpulses sind nicht die Lesungstexte des Tages, sondern ist der Festinhalt des »Hochfestes des Leibes und Blutes Christi«, dessen kosmische Dimension u.a. durch die NachhaltigkeitsbezĂŒge herausgestellt wird.

Fronleichnam

Der Gedankengang nimmt seinen Ausgang an der Ebstorfer Weltkarte (eine gemeinfreie Abbildung findet sich z.B. unter commons.wikipedia).  Es handelt sich hierbei um die grĂ¶ĂŸte bekannte mittelalterliche Weltkarte mit einer GrĂ¶ĂŸe von ca. 3,6 x 3,6 Metern. UrsprĂŒnglich wĂ€hrend des 13. Jahrhunderts in Norddeutschland entstanden und im 19. Jahrhundert im Kloster Ebstorf wiederentdeckt, wurde sie wĂ€hrend des Zweiten Weltkrieges in Hannover zerstört. Heute ist eine originalgetreue Kopie wieder im Kloster Ebstorf in der LĂŒneburger Heide zu bestaunen. Die Karte zeigt das Erdenrund mit Jerusalem als Zentrum, daneben u.a. StĂ€dte wie NĂŒrnberg, Prag oder Konstantinopel, ebenso GewĂ€sser (z.B. Ganges, Nil, Persischer Golf) und Inseln, GebirgszĂŒge, Tiere (wie Elche, Papageien oder Steinbock) und (wenige) Pflanzen. Im Norden der Erdkugel ist das Antlitz Christi abgebildet, im Westen und Osten dessen HĂ€nde und im SĂŒden die FĂŒĂŸe. In unserem Kontext besonders interessant ist, dass sich die Welt in dieser Darstellung als Leib Christi lesen lĂ€sst: „Christus erscheint stehend hinter der Welt; ja, die Welt ist sein Körper“ (Hahn-Woernle, B., Die Ebstorfer Weltkarte. Ebstorf 21993, S. 48).

Die kĂŒnstlerische Gestaltung der Ebstorfer Weltkarte wirft damit eine weitergehende Frage auf: Kann der Leib Christi nicht nur in Brot und Wein, sondern in der gesamten Welt, im gesamten Kosmos wiedererkannt werden? (So wie man Christus nicht nur in den Armen [Menschen], sondern auch in unserer geschundenen Schwester, Mutter Erde, wiedererkennen kann? [vgl. Mt 25,40 sowie Wenders, W., Papst Franziskus. Ein Mann seines Wortes. Transkript des Films. Frankfurt am Main 2018, S. 12].) Bejaht man diesen Gedanken, die Welt als Leib Christi zu deuten (noch verborgen, aber am Ende der Zeiten offenbar), hat dies interessante Implikationen, die Folgefragen provozieren: Welche Auswirkungen und Konsequenzen hĂ€tte dies fĂŒr unseren Umgang mit dem Planeten? Wo pflegen und hegen, wo schmĂŒcken wir ihn (durch ein ausgewogenes VerhĂ€ltnis von Natur und Kultur), wo verletzen und schĂ€nden wir ihn (durch Raubbau, Naturzerstörung, menschen- und naturfeindliche Nutzungsformen)?

Dass diese Sicht auf die Welt, zu der die Ebstorfer Weltkarte anregt, bedenkenswert ist, lÀsst sich u.a. anhand zweier weiterer Perspektiven unterstreichen:

1) Folgt man den Worten aus der heutigen Perikope („Nehmt, das ist mein Leib“ [Mk 14,22]) weiter in die Eucharistiefeier hinein, wo sie im Einsetzungsbericht, bei der Wandlung, zitiert werden, stĂ¶ĂŸt man zuvor auf das Darbringungsgebet. Durch den dortigen Verweis auf „die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit“ (bzw. „die Frucht des Weinstocks und der menschlichen Arbeit“) wird deutlich, dass die natĂŒrlichen Elemente (Weizen und Trauben, damit Erde, Sonne und Wasser) in den Leib (und das Blut) Christi verwandelt werden. Die Natur, die ganze Welt ist damit, so kommt es hierin zum Ausdruck, in das Erlösungsgeschehen einbezogen und will verwandelt werden.

2) Noch deutlicher drĂŒckt diesen kosmischen Zusammenhang die Dogmatik aus: An den Gaben der Schöpfung von Brot und Wein vollzieht sich in der Wandlung schon jetzt, was am Ende der Zeiten der ganzen Schöpfung zuteil wird, nĂ€mlich dass sie Leib Christi wird (vgl. Schneider, M., Eucharistie. Leben aus dem Mysterium des Glaubens, S. 15f). Der Jesuit Teilhard de Chardin hat dies als „Eucharistisation“, als „die universale kosmische Transsubstantiation des ganzen Kosmos in den Leib Christi“ (ebd., S. 16), beschrieben und benannt (vgl. auch Koch, K., Weltende als ErfĂŒllung und Vollendung der Schöpfung. In: Theologische Berichte XIX/1990, S. 139-224, insbes. S. 173).

Dr. Dirk Preuß, Hildesheim

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