Schwerpunktthema 2018/19 „Teilhabe“

welternaehrung

Teilhabe - Schwerpunktthema im Kirchenjahr 2018/2019

Hinweis: Das jÀhrliche Schwerpunktthema bietet zusÀtzliche Hintergrundinformationen zum Zusammenhang "Kirche, Christsein und Nachhaltigkeit". Die Predigtimpulse des jeweiligen Kirchenjahrs sind selbst nicht an das Schwerpunktthema gekoppelt.

Das Schwerpunktthema des neuen Kirchenjahres - "Teilhabe" - knĂŒpft lĂŒckenlos an das vorherige Schwerpunktthema - "bedrohte Freiheit" - an. Von dort ist es nur ein kleiner Schritt zum Verlust der Freiheit - der Freiheit, auf das Leben, das mit und um einen "geschieht", gestaltend Einfluss zu nehmen. Gerade das bedeutet Teilhabe. Teilhabe geht aber weiter - Teilhabe an Wohlstand, Mitbestimmung, Wasserversorgung, unvergifteter Natur und Umwelt, an GlĂŒck, an Zufriedenheit und Unbeschwertheit ...

welternaehrungViele haben diese Freiheit und Teilhabe nicht verloren, sondern nie gehabt. In den Tagen um den Welthungertag 2018 (oder auch WelternĂ€hrungstag) meldeten die Medien 800 Millionen hungernde Menschen auf diesem Planeten. Das ist also der Planet, den wir als "Schöpfung" bezeichnen, fĂŒr den wir die Verantwortung ĂŒbernommen haben.

Es ist an der Zeit, sich dieses Themas auf "nachhaltig predigen" einmal anzunehmen. Dies geschieht nun im Kirchenjahr 2018/19. In diesem Kirchenjahr lautet die Losung des Kirchentags in Dortmund "Was fĂŒr ein Vertrauen". Vertrauen sollte man zu allen Christen haben können - dass sie denen Teilhabe ermöglichen, die aus eigener Kraft zu schwach sind!

Lassen Sie sich im Kirchenjahr 2018/19 auf eine Reise in die Welt der "Teilhabe" ein.

 

Leitgedanken

Christlich sein

"Wie viel Teilhabe am Alltag entfĂ€llt auf den christlichen Glauben, auf christliche Ethik, auf ein christliches Welt- und Menschenbild? Wo und wie haben christliche Werte – im Vergleich zu anderen Kriterien – tatsĂ€chlich teil an der Gestaltung der Wirtschaft, an der Ausbildung gesellschaftlicher Strukturen, an Verwirklichungs- und Umgangsformen – auf globaler Ebene oder im eigenen Land?"

Mehr Teilhabe des christlichen Denkens in vielen Lebensbereichen wĂŒrde Teilhabe in den nachfolgend aufgefĂŒhrten Problemfeldern ganz automatisch verbessern.

Teilhabe / teilen

Teilhabe betrifft in ihrem Kern nicht das Los anonymer Dritter, die mehr oder weniger an „etwas" teilhaben. Teilhabe ist mit teilen verbunden und betrifft jeden. Die Teilhabe des Einen ist die Bereitschaft zum Teilen des Anderen. „Teilen" wird meistens als teilen von Geld, Nahrung, GĂŒtern gedacht, im Sinne von Aufteilen, Verteilen ... Dazu kommt: teilen von LebensglĂŒck, von Einbindung, ... – in globalem Maßstab! Am 10.10.2018 fand am Wuppertal Institut passend dazu die Veranstaltung „Teilen und Teilhabe" statt.

Teilhabe an Zukunftsgestaltung

Hier zeigen sich die Spannung und KomplexitĂ€t des Begriffs. Eine Seite der Medaille ist die eigene – meine – Teilhabe an Zukunftsgestaltung. Lasse ich einfach geschehen, was geschieht, handle ich nach dem Motto, es gibt ĂŒberall „Verantwortliche"? Oder habe ich / hat die Organisation, zu der ich gehöre, teil an verantwortlicher Zukunftsgestaltung? Teilhabe setzt die Bereitschaft zu Umwelt- und Sozialbildung im weiteren Sinne voraus. In diesem Fall geht es um die vorhandene Möglichkeit zur Teilhabe, die nicht ergriffen, nicht wirklich wertgeschĂ€tzt wird. Die andere Seite der globalen / regionalen Medaille ist: Wird mir / anderen die Teilhabe, das Mitgestaltungs- / -bestimmungsrecht versagt? Gibt es (in afrikanischen Staaten?) wirklich Wahlen, die der Bevölkerung ernsthaft ermöglichen, eine Regierung zu wĂ€hlen und abzuwĂ€hlen? ZĂ€hlt meine Stimme oder gebe ich sie nur ab? "Wirtschaftliche Mitgestaltung im eigenen Land" - wie passt das mit der Koltanwirtschaft im Kongo zusammen? Die Teilhabe hat in allen folgenden Bereichen diese zwei Seiten: (Eigene) Teilhabe an der Entstehung / Lösung eines Problems oder fehlende Teilhabe, aber in Freiheit – oder auf der anderen Seite fehlende Teilhabe, ohnmĂ€chtig, in Unfreiheit.

Als gemeinsames Grundprinzip ist erkennbar: Überall dort, wo Menschen die Teilhabe an einem Leben unter wĂŒrdiger Mitgestaltung ihres Lebens(t)raums verwehrt ist, haben andere Menschen teil an der Aufrechterhaltung dieser ZustĂ€nde – und sei es nur durch die fehlende Teilhabe an der Umgestaltung der ZustĂ€nde. Wirtschaften + ausbeuten ist die soziale Kraft, die Teilhabe zum Problem macht – global und im eigenen Land.

"Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung ... Diese Wirtschaft tötet.", schrieb Papst Franziskus in "Evangelii Gaudium" (s. Nr. 53). Sicher gilt das nicht fĂŒr jedes einzelne Unternehmen, nicht fĂŒr die Theorie der sozialen Marktwirtschaft eines Ludwig Erhard, aber fĂŒr die globale RealitĂ€t des Neoliberalismus'. Wenn man "töten" nicht biologisch versteht, sondern sich an den 7 TodsĂŒnden orientiert, gewinnt der Terminus des Tötens eine viel komplexere und theologisch anschaulichere Dimension. Diese Wirtschaft tötet: Denn sie fördert Habsucht, Neid, UnmĂ€ĂŸigkeit, Überdruss, etc. Gerade die Kirchen sollten sich folgerichtig gegen prekĂ€re BeschĂ€ftigungsverhĂ€ltnisse, Niedriglohn, Armutsverwaltung und den Ausschluss von Menschen engagieren und Teilhabe wieder zu einem globalen Wert erheben.

Probleme der Teilhabe im eigenen Land

Arme und Schwache

In ihren Osterbotschaften 2018 riefen der Ratsvorsitzende der Ev. Kirche in Deutschland, Bedford-Strohm, und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Marx, zu mehr SolidaritĂ€t mit Armen und Schwachen der Gesellschaft und zu Zusammenhalt auf. Freiheit sei ein Element der sozialen Gestaltung und die christliche Osterbotschaft ein Zeichen zum Aufbruch. Aufbruch bedeutet, es anders zu machen, besser als bisher, strukturell besser – damit der RĂŒckfall in alte Gewohnheiten und ZustĂ€nde unterbleibt. Freiheit bedeutet, diese Chance der Gestaltung zu haben. Christliche Freiheit bedeutet nicht, sich vorrangig um sein eigenes Wohl zu kĂŒmmern.

"Leid und Freude liegen nah beisammen" – was in der Osterbotschaft von Generalvikar Josef Annen, Kath. Kirche im Kanton ZĂŒrich, als zeitliche Abfolge gemeint war, gewinnt bei uns gerade auch rĂ€umlich eine beachtenswerte Brisanz. Hier die FußgĂ€ngerzone mit ihren vielen GeschĂ€ften, dort, zwei Seitenstraßen weiter, die "Tafel" fĂŒr die Armen, die nicht teilhaben können.

Armut bedeutet dabei gar nicht in erster Linie kein Geld zu haben, um sich ernĂ€hren zu können, sondern das strukturelle PhĂ€nomen der WĂŒrde und des Ausgeschlossenseins. Wer in diesem Zusammenhang eine Schuldfrage stellt, muss sie richtig stellen. Es geht nicht darum, wer Schuld an diesem in den Osterbotschaften angesprochenen Arm- und Schwachsein hat. Es geht darum, was das geschuldete Handeln in dieser Situation ist – jeden Tag, zu jeder Stunde – so lange, bis die Strukturen so verĂ€ndert sind, dass Armut und Ausgeschlossensein nicht mehr stattfinden können. Warum gerade zu Ostern? Mit der Auferstehung Jesu hat Gott einen Aufstand gegen alle MĂ€chte des Todes angezettelt, so Kardinal Marx in seiner Botschaft. Wir können diese MĂ€chte ĂŒberwinden, und Ostern ist das Signal dazu.

Langzeitarbeitslose

Die Teilhabe am Arbeitsleben gilt als Grundelement der WĂŒrde des Menschen. Je lĂ€nger die Zeit der Arbeitslosigkeit andauert, desto schwieriger wird der Weg ins Arbeitsleben. (Als „Langzeitarbeitslose" gelten nach §18 Sozialgesetzbuch III Menschen, die ein Jahr und lĂ€nger arbeitslos sind.) Zur EntschĂ€rfung des Problems hat der Deutsche Bundestag am 8.11.2018 das Gesetz zur Schaffung von Teilhabechancen fĂŒr Langzeitarbeitslose auf dem allgemeinen und sozialen Arbeitsmarkt (Teilhabechancengesetz) verabschiedet, das am 01.01.2019 in Kraft tritt. Allerdings kommen nur Langzeitarbeitslose mit mindestens sieben Jahren Hartz IV-Bezug in den Genuss der geplanten Umschulungsmaßnahmen mit Berufsabschluss. Es wurde von 150.000 Stellen gesprochen ...

Ziel ist es, dass der Tag sich wieder strukturiert, dass die Langzeitarbeitslosen wieder Kolleginnen und Kollegen haben.

Neben dem neuen „Teilhabechancengesetz" fĂŒr Langzeitarbeitslose gibt es, nicht zu verwechseln, das „Bundesteilhabegesetz" zur StĂ€rkung der Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen, eine Gruppe, der die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ebenfalls erschwert ist. U.a. auf sie stellt die Initiative zur "Digitalisierung der Arbeitswelt" der deutschen Bundesregierung ab (Pressemitteilung des Bundesministeriums fĂŒr Arbeit und Soziales). Aus beidem ergeben sich interessante DenkanstĂ¶ĂŸe auch fĂŒr die (Kirchen-)Gemeinden.

Alleinerziehende MĂŒtter und VĂ€ter

Wer eine Familie hat, weiß: "Alles nicht so einfach!", selbst wenn sich die Eltern die Aufgaben teilen. Unsere Gesellschaft ist auf Funktionieren ausgerichtet, und allzuviel RĂŒcksichtnahme kann man nicht erwarten. Viel schwieriger ist es, wenn niemand zum Teilen da ist. Alleinerziehende MĂŒtter und VĂ€ter haben erwiesenermaßen ein hohes Armutsrisiko. Armutsrisiko bedeutet nicht schon Armut. Aber Teilhabe bedeutet, allein erziehend auch so leben zu dĂŒrfen, dass kein "erwiesenes" Armutsrisiko besteht. Teilhabe bedeutet hier Teilhabe an einem "Leben mit normalem Risiko".

Im Heft "Zukunft Jetzt" der Deutschen Rentenversicherung Bund, Ausgabe 3/2018, ist zu lesen: "Alleinerziehende MĂŒtter und VĂ€ter stehen unter besonders starkem Druck. Bei manchen fĂŒhrt die Mehrfachbelastung in die Depression. Hilfe fĂŒr Alleinerziehende bietet das Programm 'wir2' ..." Diese Rehabilitationsmaßnahmen (s. www.wir2-bindungstraining.de) können helfen, soziale Katastrophen zu vermeiden. Besser wĂ€re es, wenn der Druck fĂŒr Alleinerziehende strukturell besser abgebaut wĂŒrde. Kennen Sie gute Konzepte? Dann schreiben Sie an "nachhaltig predigen".

Bildung

Untersuchungen in Deutschland aus den vergangenen Jahren zeigten, dass Bildung und damit verbundener beruflicher Erfolg wesentlich von der sozialen Herkunft der Kinder und Jugendlichen abhÀngen. Das ist umso verwunderlicher, als das Schulsystem darauf angelegt ist, allen Kindern gleiche Bildungschancen zu ermöglichen.

Teilhabe bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Gleichheit der Chancen nicht nur im theoretischen Ansatz, sondern auch praktisch greift. Das heißt, dass im Ergebnis die soziale Herkunft nicht mehr statistisch auffĂ€llig werden darf.

Migrantinnen und Migranten und Integration

Dieses zentrale Thema der Teilhabe wurde bereits in den Schwerpunktthemen der vergangenen Kirchenjahre angesprochen, etwa unter "Heimat-los" im Kirchenjahr 2015/16. Es ist in Bezug auf die Herausforderung "Integration" aktuell geblieben. Hinzugekommen ist die Arbeit an der Verbesserung der politischen und sozialen Situation in den HerkunftslÀndern nach dem Ende des schlimmsten Terrors - auch eine Art der Teilhabe.

 

Probleme der Teilhabe in anderen LĂ€ndern und Kulturen

Wie oben in den "Leitgedanken" skizziert, hĂ€ngen viele Probleme der Teilhabe in fremden LĂ€ndern mit der Art des Wirtschaftens in den Industriestaaten und einem global vernetzten Handel zusammen, dem die Augenhöhe, der Respekt und die Achtung fremder Kulturen oft fehlt. Andere Probleme der Teilhabe sind in den Kulturen selbst verankert, etwa die Rolle der Frauen, denkt man an die aktuellen Meldungen aus Saudi Arabien, dass Frauen seit 2018 das Autofahren erlaubt ist und sie in Fußballstadien gehen dĂŒrfen.

So wird - formal "in anderen LĂ€ndern und Kulturen", aber doch unter dem Einfluss der eigenen Kultur - die Teilhabe von Kleinbauern an der eigenverantwortlichen wĂŒrdigen Gestaltung ihres Lebensraums in SĂŒdamerika und afrikanischen LĂ€ndern durch land grabbing und Rohstoffausbeutung auf teilweise fragwĂŒrdiger rechtlicher Grundlage und mithilfe von Korruption durch internationale Konzerne existenzzerstörend blockiert. Der Sachverhalt wurde bereits im Rahmen des Schwerpunktthemas "Bedrohte Freiheit" angesprochen. Im folgenden soll daher eine andere Perspektive in den Fokus gerĂŒckt werden.

Krieg im Jemen – wo Kinder zu Geistern werden

Es geschah am 17.11.18 im UN-Sicherheitsrat. James Beasly, Direktor des WelternĂ€hrungsprogramms, war gerade im Jemen und berichtete - nicht von dem BĂŒrgerkrieg, den Toten und Zahlen, sondern von den Sterbenden, den Menschen. Dieser eindringliche Bericht der ARD-Tagesschau soll nicht im Detail wiedergegeben werden, er kann hier nachgelesen werden. Er problematisiert das internationale Ausblenden dieser seit Jahren unverĂ€ndert anhaltenden humanitĂ€ren Katastrophe. Beasly macht die Katastrophe persönlich, er nennt Namen der Sterbenden und öffnet im UN-Sicherheitsrat die Teilhabe auf ungewohnter Ebene - persönliche, tiefe Betroffenheit.

Teilhabe erscheint hier als Aufruf zur Teilhabe der Weltgemeinschaft an der Lösung dieser Probleme, statt etwa der Teilhabe an anderen wichtigen Problemen wie dem Dieselfahrverbot in deutschen GroßstĂ€dten.

Teilhabe in Bezug auf ökologische Fragen in afrikanischen LĂ€ndern setzt voraus, dass die politische Einflussmöglichkeit ĂŒberhaupt besteht. Regimes, die unter dem Einfluss von internationalen Konzernen und Geldgebern stehen, können – selbst wenn sie wollten – auf die zukunftsfĂ€hige Gestaltung kaum Einfluss nehmen. Diese KrĂ€fte und Strukturen gilt es zu kennen und zu benennen.

 

Zwischen den Welten

Medizinische Versorgung – nah und fern

Im August 2018 brachten die „Heute"-Nachrichten im ZDF einen Bericht ĂŒber den Arzt Dr. Gerhard Trabert. In Deutschland fĂ€hrt er mit seinem "Arztmobil" durch die Straßen und ermöglicht so ein niedrigschwelliges Angebot fĂŒr Obdachlose. Daneben fĂ€hrt er in Krisengebiete wie Syrien und informiert sich ĂŒber den tatsĂ€chlichen Stand und Bedarf bei der medizinischen Versorgung vor Ort. Das Engagement im eigenen Land ermöglicht so die Teilhabe von Obdachlosen am allgemeinen Gesundheitswesen auf eine Art, die ihrer tatsĂ€chlichen Situation entgegenkommt. Er hat begleitend den Verein "Armut und Gesundheit in Deutschland e.V." gegrĂŒndet.

Dr. Trabert reist auch in Krisengebiete in fernen LĂ€ndern wie Syrien, um sich vor Ort ĂŒber die Defizite und Notwendigkeiten der medizinischen Versorgung zu informieren. Das Wissen darĂŒber ist die eine Seite, das Geld fĂŒr Medikamente und die medizinische Versorgung in fernen Kriegs- und Krisengebieten muss jedoch von irgendwo kommen! Auch hier ließe sich von Teilhabe reden: Die Gewinne der RĂŒstungsindustrie mĂŒssten dafĂŒr verwendet werden, um die medizinische Versorgung zu finanzieren, die durch den praktischen Einsatz der verkauften RĂŒstungsgĂŒter notwendig wird.

Syrische Frauen in Europa

Diese Überschrift steht metaphorisch fĂŒr das PhĂ€nomen, dass sich fĂŒr Migrantenfamilien die sozialen Beziehungen mit dem Umfeld im Aufnahmeland teilweise grundlegend verĂ€ndern. Das betrifft insbesondere die Rollen von Frauen in ihren Familien im kulturellen Umfeld ihres Herkunftslandes und die Möglichkeiten der Teilhabe, die sie im Aufnahmeland haben - und nutzen. Sie wirken auf die eigene Familie zurĂŒck und stellen die mĂ€nnlichen Familienmitglieder vor unbequeme Herausforderungen. Die mĂŒssen ihre Teilhabe neu (er-)finden - oder blockieren neue Möglichkeiten.

Teilhabe und die Energiewende

Auch beim Thema „Energiewende", das an Deutschlands Stammtischen gerne auf den Verlauf von Nord-SĂŒd-Stromtrassen oder auf Kohleförderung heruntergebrochen wird, zeigt sich die komplexe globale Dimension des Handelns im eigenen Land:

  • Die immense Energienachfrage im eigenen Land fördert "land grabbing" in Ă€rmeren LĂ€ndern – in Afrika und SĂŒdamerika. Energiekonzerne kaufen mit den Einnahmen aus Industriestaaten große Landgebiete auf, die der landwirtschaftlichen Nutzung entzogen werden. Kleinbauern, denen die Teilhabe an politischer Mitbestimmung im eigenen Land ohnehin entzogen ist, wird die Teilhabe an der Existenzsicherung in WĂŒrde durch eigene Arbeit damit zusĂ€tzlich entzogen. „Wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat." (Mk 4, 25b) Die Teilhabe der sĂŒdamerikanischen Kleinbauern an der Mitgestaltung ihrer eigenen regionalen Wirtschaft und ihre Existenzsicherung aus eigener Kraft zu ermöglichen bedeutet, im eigenen Land an der Energiewende teilzuhaben. Denkanstoß: Suchbegriff "2000 Watt-Gesellschaft"
  • "Energiewende" bedeutete nach der Kernreaktor-Katastrophe von Fukushima auch und besonders den Ausstieg aus der Kernenergie. Das ist mit sinkender Nachfrage wesentlich einfacher zu bewerkstelligen als bei weiterhin steigender Nachfrage nach Strom. Das PhĂ€nomen der Teilhabe beinhaltet hier einerseits die Teilhabe an innovativen flexiblen und energieeffizienten Strukturen im eigenen Land und andererseits die Teilhabe heutiger und zukĂŒnftiger Generationen an einem Leben ohne steigende Gefahr einer radioaktiven Verseuchung des Planeten und seiner Lebewesen. Es gibt keine sicheren Endlager. Der Bau von Atomkraftwerke wird dennoch weiter verfolgt, nicht im eigenen Land, aber in anderen: Teilhabe an der Verantwortung fĂŒr die Erde, fĂŒr die Schöpfung, fĂŒr die zukĂŒnftigen Generationen – als Christin / Christ?
  • Teilhabe an ungebremster MobilitĂ€t: MobilitĂ€t – in Verbindung mit Status – hat den Nimbus eines Goldenen Kalbs entwickelt. Statusfragen machen machmal selbst vor Bistums- und Kirchenleitungen in Bezug auf Dienstwagen nicht Halt, obwohl in der Bibel glaubhaft dokumentiert ist, dass Gott nicht auf die Dienstwagen seiner Kinder schaut. In fernen LĂ€ndern sieht man in den Smartphones, wie wir mit dem Problem der „Vorbildfunktion" umgehen. Es ist aus heutiger Sicht eigentlich eher dumm, die Erdölreserven durch Verbrennen in Motoren in kĂŒrzester Zeit aufzubrauchen, wenn doch die Herstellung der medizinisch in vielen Bereichen wichtigen Kunststoffe des Erdöls bedarf. NatĂŒrlich dĂŒrfen Strohhalme und PET-Flaschen an dieser Stelle nicht dagegen gehalten werden, dabei handelt es sich um ein völlig anderes Problemfeld als bei der trendsetzenden Teilhabe am globalen MobilitĂ€tskult. Bei ElektromobilitĂ€t handelt es sich um die Fortsetzung des MobilitĂ€tshabitus' mit nur verĂ€nderten Mitteln. Die Energiebilanz bei der Batterieherstellung wandelt einen großen Teil der Vorteile in einen Nachteil um. Es fehlt ein schlĂŒssiges Recyclingkonzept fĂŒr die Massen an Autobatterien, die dabei anfallen – eine ökologische Katastrophe.
  • UN-Meldung am 22.11.18: Die Konzentration der Treibhausgase in der AtmosphĂ€re ist seit 2017 auf einem neuen Rekordstand. "Es gibt keine Anzeichen fĂŒr eine Umkehrung des Trends, der zu langfristigem Klimawandel, dem Meeresspiegelanstieg, der Versauerung der Meere und mehr extremen Wettersituationen beitrĂ€gt", teilte die Weltorganisation fĂŒr Meteorologie (WMO) der UN mit. Teilhabe ...: am unbeschrĂ€nkten Fortschreiten des Klimawandels! Die christlichen Kirchen sind mehr gefragt als andere, denn es gilt, eine Schöpfung zu bewahren.
  • Bericht der US-Regierungsbehörden (!) am 23.11.18 (Black Friday): "Der Klimawandel ist hier und passiert jetzt."

Teilhabe zukĂŒnftiger Generationen

ZukĂŒnftige Generationen können sich in unserer Gesellschaft schlecht behaupten. Denn sie sind in den Entscheidungsgremien nicht vertreten. Das fĂ€ngt schon bei Kindern im eigenen Land an, deren Welt das Morgen ist.

 

Handlungsebenen

Nachdem die doch eher komplexen Inhalte des Schwerpunktthemas 2018/19 - Teilhabe - angerissen wurden, stellt sich neben Wissen und Sensibilisierung auch die Frage nach den Handlungsebenen, insbesondere im kirchlichen Umfeld - in Gemeinden, Landkreisen und in Bistums- und Landeskirchenleitungen. Hierzu kann es keine allgemeingĂŒltigen Rezepte und Strategien fĂŒr die unterschiedlichen Themenfelder geben. Aber, wie Dr. Knecht auf einer Projektsitzung in 2019 sagte: "Gepredigt wird im Gottesdienst." - die Predigt kann vermitteln: "Was hat das mit unserer Kirche zu tun?!" Sie erinnert: "Die GĂŒter der Erde sind fĂŒr alle Menschen da." Nicht nur, wie Prof. Musa Dube in "ihrer" Sicht auf die Erde eindrucksvoll und systematisch theologisch herausarbeitet:

s200 musa w dubeMusa W. Dube, Professorin fĂŒr theolog. und religionswiss. Studien an der UniversitĂ€t Botswana, beschreibt die Schöpfungsgeschichte als "Inszenierung" mit zwei verschiedenen Möglichkeiten ihrer Interpretation. Sie propagiert - theologisch abgeleitet - eine Sichtweise als ERDENgemeinschaft ("earth community"), die ganz im Geiste Gottes auf das wechselseitige aufeinander Angewiesensein abstellt. Wer sich ĂŒberlegen sieht, die Lebensgemeinschaft leugnet, wirkt damit bereits an der Zerstörung der Erde mit, denn die "Stimmung des Settings" der Inszenierung der "Schöpfungsgeschichte" wird ignoriert. Gott legt die FĂŒlle des Lebens in die mitgestaltende Teilung der GĂŒter. Der eigentliche Auftrag des Menschen ist demzufolge, diese "Stimmung" einer ERDgemeinschaft umzusetzen.

Besser verstĂ€ndlich wird ihr Vorschlag eines Lebens im Geist einer Gemeinschaft mit ihren eigenen Worten: PDF-Datei, 460 kB (ĂŒbersetzt von A. Silber; im Original: "In the Beginning, God...! Towards an Earth-Friendly Reading of Genesis 1", Black Theology, Taylor & Francis)

Masterplan fĂŒr Krisenzeiten

Die Beispiele fĂŒr die globale Problematik der Teilhabe können nie VollstĂ€ndigkeit beanspruchen, aber sie können ein Prinzip vermitteln: Die Teilhabe auf der einen Seite hat immer etwas mit dem Teilen auf der anderen Seite zu tun! Das deckt sich mit dem christlichen Prinzip der NĂ€chstenliebe, dass der Einzelne fĂŒr sich keine Erlösung erfahren kann, wenn er nicht an den Bruder / die Schwester mit denkt. So kann Teilhabe als Masterplan Gottes fĂŒr alle Krisenzeiten gesehen werden.

 

Quellen:

https://wupperinst.org/a/wi/a/s/ad/4421 ("Teilen und Teilhabe")

https://www.tagesschau.de/inland/osterbotschaft-kirchen-103.html

https://www.zhkath.ch/news/news-archiv/osterbotschaft-generalvikar-josef-annen

https://www.bmas.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2018/inklusionstage-2018.html

https://www.tagesschau.de/ausland/un-jemen-107.html

http://www.armut-gesundheit.de

https://www.zdf.de/nachrichten/heute/deutscher-arzt-im-norden-syriens-100.html

https://www.tagesschau.de/ausland/weltklima-treibhausgas-101.html

https://www.tagesschau.de/ausland/klimwandel-trump-101.html