Septuagesimae / 5. Sonntag im Jahreskreis (05.02.23)

Septuagesimae / 5. Sonntag im Jahreskreis

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Mt 9, 9-13 Jes 58, 7-10 1 Kor 2, 1-5 Mt 5, 13-16

EKD Predigtreihe V / Mt 9, 9 – 13

Wikipedia definiert Selbstgerechtigkeit als „...den Habitus von Personen, die sich gewohnheitsmäßig mit anderen vergleichen und dabei immer wieder zu der Überzeugung gelangen, dass sie selbst die Sitten strenger einhalten als die anderen." Wir kennen diese Art der Selbstgerechtigkeit in den Religionen nur zu gut. Sie hat immer wieder zu Abspaltungen neuer Glaubensgemeinschaften und Konfessionen geführt, weil einige der Meinung waren, sie seien frömmer und gottesfürchtiger als andere.

Aber auch in der Nachhaltigkeitsdebatte erleben wir in zunehmendem Maße einen selbstgerechten Dogmatismus, der den eigenen Lebensstil als moralisch überlegen versteht. Und auch hier gibt es einen Überbietungswettbewerb der Lebenseinstellungen. Veganer, denen Vegetarier nicht konsequent genug sind. Besitzer eines E-Autos, für die ein Plug-In-Hybride eine Art Pseudoumweltbewusstsein darstellt und beide werden von der Fraktion der ÖPNV-Fans schief angeschaut, weil sie immer noch dem Konzept der individuellen Motorisierung anhängen, die in ihren Augen zu viele Ressourcen und zu viel Platz in den Innenstädten verbraucht. Die Fronten sind hier genau so verhärtet, wie bei religiösen Fragen. Schließlich geht es um das Ganze, es geht um die Rettung des Planeten, um die Zukunft, kurz gesagt, es geht um Heil. Kann es hier Kompromisse geben?

Jesus beruft nicht diejenigen in seine Nachfolge, die von sich selbst glauben, sie hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen. Er wendet sich an diejenigen, die von den Selbstgerechten verachtet werden, aber er tut dies nicht, um ihnen nach dem Mund zu reden. Er tut es wie ein Arzt, der sich Kranken zuwendet. Er hält den Pharisäern vor, sie würden einen Gott predigen, der vor allem Opfer will.

Opfer werden auch in der Nachhaltigkeitsdebatte immer wieder und immer vehementer gefordert. Man müsse kürzer treten, bescheidener leben und Verzicht üben und wer dazu nicht bereit ist, der versündige sich an der Erde, der Zukunft und an den kommenden Generationen. Allzu leicht gerät hier aus dem Blick, dass diese Forderung zum Teil vor allem an diejenigen gerichtet werden, für die sie am schwersten zu erfüllen sind. Der soziale Aspekt darf hier nicht aus dem Blick geraten. Es kann nicht die Lösung sein, Verzicht dadurch zu erzwingen, dass man alles so weit verteuert, bis ein Großteil der Menschen sich klimaschädliches Verhalten schlicht nicht mehr leisten kann.

Auch als Kirchen müssen wir uns hier hüten, die Bewahrung der Schöpfung auf Kosten der Armen zu betreiben und die Zerstörung der Umwelt zu einem Luxusprivileg der Reichen zu erheben, dass man sich halt leisten können muss. Gerade auf Grund der leidvollen Erfahrung der Kirchen mit religiöser Selbstgerechtigkeit sollten wir hier hörbar dafür einstehen, dass bei allen notwendigen Opfern, die für einen nachhaltigeren Umgang mit dieser Erde zweifellos von Nöten sein werden, die starken Schultern davon mehr zu erbringen haben als sie Schwachen.

Katholisches Lesejahr A

1. Lesung / Jes 58, 7 – 10

Armut ist häufig mit Scham verbunden. Wer arm ist, bemüht sich oft nach Kräften, diese Armut zu kaschieren, um sich wenigstens die zusätzliche Demütigung durch die Reaktionen der anderen zu ersparen. Unter dem Hashtag #ichbinArmutsbetroffen haben auf Twitter viele ihr Schweigen gebrochen und erzählen offen von den alltäglichen Kämpfen und Demütigungen. Sie schreiben von der Selbstverständlichkeit, mit der in Schulen, Vereinen oder auch in Freundeskreisen vorausgesetzt wird, dass bestimmte Dinge angeschafft und bezahlt werden können. Sie schreiben von entwürdigenden Situationen, in denen zwischen dem Kauf von Lebensmitteln abgewogen werden muss, wofür das Geld aktuell noch ausreicht. Sie schreiben von der Angst, etwas im Haushalt könne kaputt gehen, weil kein Geld für eine Reparatur da ist. Diese Menschen leben zu tausenden mitten unter uns. Sie sind häufig unsichtbar, weil die Scham sie daran hindert, ihre Armut offen zu zeigen. Die Reichen sind es, die ihren Reichtum ungeniert zur Schau stellen. Sie zelebrieren ihn als Ergebnis eigener Leistungsfähigkeit und halten ihn in aller Regel für verdient.

Nach wie vor sind es die Armen, die ihre Armut rechtfertigen müssen. Die begründen sollen, warum sie Anspruch auf Unterstützung haben. Von ihnen verlangt man die Offenlegung ihrer Vermögensverhältnisse und entwürdigt sie, indem man ihnen sogar Geschenke, die sie von Freunden oder Verwandten erhalten an der Unterstützung abzieht.

Hier brauchen wir ein Umdenken. Es kann nicht nachhaltig sein, dass die Schere zwischen arm und reicht immer weiter und weiter aufreißt. Auch Reichtum ist begründungsbedürftig. Eine Gesellschaft, in der Menschen, die mit Lebensmittelspekulationen Millionen verdienen sich weniger rechtfertigen müssen, als ein armer Mensch, der ausreichend Unterstützung möchte, um sich gesund und ausgewogen zu ernähren, verliert nicht nur ihre Menschlichkeit, sie verliert auch ihre Gottesgegenwart und damit ihren Segen.

2. Lesung / 1.Kor 2, 1 – 5

Dieser Text von Paulus wurde nicht selten dazu verwendet, vernünftige Argumente in Glaubensfragen mit dem Hinweis darauf abzuwenden, dass Gottes Wirken unsere menschliche Vernunft übersteige. Der Glaube wird dann zum Gegenbegriff des Wissens und Religion zum Feind aller Wissenschaftlichkeit. Man müsse einfach glauben und der christliche Glaube sei dem Ungläubigen schon immer eine große Narretei gewesen. Nicht umsonst ist eine der ältesten erhaltenen Darstellung Jesu eine Spottzeichnung, in der Jesus als gekreuzigter Esel dargestellt wird und die Christen als Verrückte, die darin auch noch ihren Gott erkennen wollen.

Diese christliche Geringschätzung der menschlichen Vernunft und damit der Wissenschaften treibt in der Nachhaltigkeitsdebatte dann aber gefährliche Blüten. Da wird die Klimaerwärmung als gottgewollt verteidigt oder gar in die angekündigten Katastrophen der Apokalypse eingeordnet, die sie in der Offenbarung des Johannes angekündigt wurden. Daraus leitet man dann ab, dass der Christ sich gar nicht für Nachhaltigkeit einsetzen dürfe, weil er damit dem Heilshandeln Gottes zuwider handele, für das der vorherige Untergang der Welt unausweichlich sei.

Die Frage nach der Vernünftigkeit des Glaubens wird spätestens hier also zu einer existentiellen Frage und eine Religionsfreiheit, die sich in der Freiheit zur Umweltzerstörung ausdrückt wird zur Gefahr für die ganze Menschheit.

Es darf bezweifelt werden, dass diese Form der religiösen Verantwortungslosigkeit von Paulus beabsichtigt war, als er in aller Bescheidenheit das Werk der Bekehrung seiner Zuhörer nicht seinen Überredungskünsten, sondern dem Wirken Gottes zuschrieb.

Evangelium Mt 5, 13 – 16

„Eine Stadt auf dem Berg kann nicht verborgen bleiben"

In den letzten Jahren hätte sich die Kirche sicher das ein oder andere Mal gewünscht, sie stünde nicht so exponiert im Fokus des allgemeinen Interesses wie eine Stadt auf dem Berg. Zum Beispiel, wenn die Kirche mal wieder mit Missbrauchsskandalen, schleppender Aufarbeitung, Finanzskandalen, evangelikaler Impfskepsis, Homophobie oder ideologischer Nähe zu nationalistisch-konservativen Positionen in den Medien war, dann ist das ein Nachhall kirchlicher Realitäten, auf den Jesus sicher liebend gern verzichtet hätte. In seiner Vorstellung sollte die Kirche ganz anders wahrgenommen und gesehen werden:

„Damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen."

Aber was sind denn die guten Werke, mit denen die Kirchen heute in der Öffentlichkeit überhaupt noch auffallen? Kirchliche Diakonie ist zwar hoch professionalisiert und tut zweifellos viel Gutes, unterscheidet sich in der öffentlichen Wahrnehmung von ihrer „Konkurrenz" aber vor allem dadurch, dass die Kirchen ihren Mitarbeitern das Streikrecht vorenthalten oder sich in deren Lebensgestaltung und ihre Religionsfreiheit einmischen. Internationale kirchliche Entwicklungshilfe ist in der öffentlichen Wahrnehmung nach wie vor mit Missionierungsvorwürfen behaftet, die die Kirchen noch immer aus der kolonialen Vergangenheit mit sich herum schleppen. Das Subsidiaritätsprinzip, so kooperativ es auch gemeint war, führt letztlich vor allem dazu, dass man den Kirchen fast in ihrem ganzen gesellschaftlichen Handeln vorhalten kann, dass sie sich einen Großteil ihres sozialen und karitativen Wirkens vom Staat aus Steuermitteln refinanzieren lassen.

Die Werke der Barmherzigkeit, mit der die Kirche einst in der Bevölkerung punkten konnte, sind längst alle entweder staatlich übernommen worden, wurden privat vielfach kopiert oder sind mittlerweile von Unternehmen gewinnbringend kommerzialisiert und professionalisiert worden. Die Kirche wurde aus vielen ihrer ehemaligen Kernfelder hinaus gedrängt und erleidet seit Jahrzehnten einen fortschreitenden gesellschaftlichen Bedeutungsverlust. Sie spielt im Gesundheitswesen eine schwindende Rolle. Im schulischen Bildungswesen wird vor allem der Religionsunterricht wahrgenommen, der umstrittener ist denn je und der in den Augen vieler an einer staatlichen Schule nichts zu suchen habe. Auch im Bereich der frühkindlichen Bildung ist die Tendenz unübersehbar, dass immer mehr Kirchengemeinden ihre kirchlichen Kindergärten aufgeben und an kommunale Träger übergeben. Wir erleben auf breiter Front einen Rückzug der Kirchen aus dem gesellschaftlichen Leben. Und selbst der Gottesdienst als vermeintliches Zentrum kirchlichen Handelns hat seine Strahlkraft schon lange verloren und wirkt unter den vielen Angeboten zur Spiritualität heute oft nur noch seltsam altbacken und antiquiert. Was sollen die „guten Werke" der Kirche also heute sein, die unseren Vater im Himmel loben? Jeden Sonntag eine Stunde Gottesdienst? Traditionspflege? Denkmalschutz und Instandhaltung alter Sakralgebäude? Hier und da ein Kirchenkonzert? Die feierliche Gestaltung diverser Lebensfeste und am Ende des Lebens eine kirchliche Bestattung?

Die Leute sagen der Kirche durch ihre Austritte schon lange, dass ihnen das im Monat nicht zehn mal so viel wert ist wie ein Netflix-Abo. Doch die Abstimmung mit den Füßen scheint in den Kirchen ungehört zu verhallen. Statt den Leuten zuzuhören, schieben sich Liberale und Konservative, Progressive und Evangelikale gegenseitig die Schuld am Niedergang der Kirchen zu. Mal ist zu viel Zeitgeist schuld und mal zu wenig. Den einen ist die Kirche zu frömmelnd, den anderen ist sie nicht fromm genug und der Mut zu tiefgreifenden Reformen fehlt auf beiden Seiten.

Und so steht die Kirche nun da, wie die Stadt auf dem Berge, wird von aller Welt gesehen und hat für viele scheinbar doch nichts vorzuweisen, was sie anspricht. Wenn Kirche wieder Salz und Licht sein will, darf sie sich nicht nur mit den Bedürfnissen und Befindlichkeiten derjenigen beschäftigen, die sich selbst noch zur Kirche zählen, sondern sie muss wieder neu auf die Bedürfnisse und Nöte derjenigen achten, die ihr längst den Rücken gekehrt haben.

Dirk Reschke, Hornbach