Schwerpunktthema 2023/24 – »Gastfreundschaft«

welternaehrung

Erläuterung: Seit dem Start der Reihe „nachhaltig predigen“ nimmt sich die Herausgebergruppe für jedes Jahr ein Nachhaltigkeits-Thema vor, das aus biblisch-christlicher Perspektive im jeweiligen Kirchenjahr näher betrachtet werden soll. Auf diese Weise sollen Hintergrundinformationen bereitgestellt werden, nicht nur für die Predigt, sondern für alle, die sich für den spannenden Zusammenhang »Christ / Christin sein, Kirche und Nachhaltigkeit« interessieren (Erwachsenenbildung, Religionsunterricht etc.). Die Predigtanregungen selbst sind nicht an die jährlichen Schwerpunktthemen gebunden, greifen sie jedoch vereinzelt auf. Der Erdüberlastungstag (Earth Overshoot Day) fiel im Jahr 2023 auf den 2. August. In Deutschland und in der Schweiz war er bereits am 4. bzw. am 13. Mai: »„Wir sind nur Gast auf Erden ..."« (GL 505)

Gastfreundschaft

Gleich im Advent, zu Beginn des Kirchenjahrs, rückt mit der erwarteten Geburt Jesu die Gastfreundschaft in den Blick. Die Herbergen sind voll, für die Niederkunft bleibt ein Stall als Notunterkunft (Lk 6,7), »Gastgeber« sind ein Esel und ein Ochse. Gastfreundschaft steht gewissermaßen am Anfang des Christentums. Sie ist das Licht, das die Hirten leitet – am Himmel und stärker noch im Herzen: Gott übt Gastfreundschaft. Als Zeichen seines Vertrauens und Wohlwollens schickt er seinen Gästen, uns, seinen Sohn, ein verletzliches Kind, entgegen!

In derselben Region um Jerusalem herum reicht das Thema bis zur Gegenwart, wo es die Beziehungen zwischen Israel und Palästina berührt – wer weiß noch, wer eigentlich Gast und wer Gastgeber ist? In den zurückliegenden mehr als hundert Jahren wurde das Land nördlich des Roten Meers, in der Bibel auch als das Gelobte Land bezeichnet, immer wieder von unterschiedlichen politischen Kräften und Mächten gebeutelt. Die Spuren reichen bis vor den Ersten Weltkrieg ins Osmanische Reich zurück.

Dort warten die Menschen noch immer darauf, dass der Tempel von Jerusalem wieder in seinem früheren Glanz erstrahlt, wie einst vor 2000 Jahren. Parallel dazu steht die Aussage Jesu im Raum, mit seiner Friedensbotschaft den Tempel in drei Tagen wieder aufbauen zu können. Gastfreundschaft zu üben (Röm 12,13) bzw. zu leben wäre ein vielversprechender Ansatz, ganz gleich, ob dieser Jesus von den einen als Prophet und den anderen als Sohn Gottes wahrgenommen wird. Die Botschaft ist entscheidend.

»Wir sind nur Gast auf Erden« – mit diesem bekannten Satz werden Gastrechte und Gastpflichten thematisiert, gegenüber der Natur, den Menschen (heute ebenso wie in der Zukunft lebenden) und damit gegenüber der Schöpfung als Ganzes.

»Gastfreundliche Seelsorge ist eine Alternative zum üblichen Umgangsstil unserer Gesellschaft; sie geht davon aus, dass den Menschen in unserer hektischen Welt nicht so gut tut wie ein Platz, an dem sie verschnaufen, Atem holen, das Visier hochklappen, die Waffen ablegen können, weil sie spüren: Hier muss ich nicht schon wieder etwas leisten.« (Rolf Zerfaß) Und: »Die wachsende Mobilität der heutigen Welt fordert eine verstärkte Praxis der Gastfreundschaft heraus.« (ders.) Ein Symbol für Gastfreundschaft ist das Abendmahl.
Von der Theologie zur Bibel: Im Sinne der Gastfreundschaft ist es sogar gestattet, unbequem zu sein: »5 Und er sprach zu ihnen: Wer unter euch hat einen Freund und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; 6 denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, 7 und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. 8 Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf.« (Lk 11,5 ff.) Im Interesse der Gastfreundschaft zu handeln muss für Christinnen und Christen also Vorrang vor falsch verstandener political correctness haben.

Apropos christliche Sichtweise: Wer in afrikanischen Staaten mit Rohstoffen handelt, ist zunächst einmal Gast in einem anderen Land. Viele Gäste (aus den Industrienationen) verhalten sich aber oftmals noch immer eher wie Eroberer oder Kolonialstaaten. Mit christlichen Grundsätzen würde das nicht passieren. Spätestens, wenn diese Ausbeutung zu menschlichem Leid führt, etwa in Coltanminen oder bei der Kinderarbeit, ist der Zeitpunkt gekommen, sich neben dem Gastrecht an die Gastpflichten zu erinnern, die zweite Seite der glänzenden Medaille. Gastfreundschaft ganz verkehrt: Ferne Inseln ersticken in dem Plastikmüll, den die Industrienationen in den Handel bringen. Gastfreundschaft hat sehr viel mit Fairness und Achtung zu tun.

Auf dem Weg zur 178. Allianzgebetswoche 14. - 21. Januar 2024 ...

»Gott lädt ein - Vision for Mission«, Thema der Allianzgebetswoche 2024, erinnert ebenfalls an Gastfreundschaft: »Gott lädt ein ...« – eine Einladung also, zu denken und zu beten.

»Wir sind nur Gast auf Erden – in Erinnerung an Berta Cáceres (1971–2016)« war der Titel einer Kontinentaltagung zu Fragen der Schöpfungsspiritualität, Schöpfungstheologie und Schöpfungsgerechtigkeit in Lateinamerika im Jahr 2017 im argentinischen Salta. Dazu erschien 2019 der Tagungsband von Carlos Maria Pagano et al.: Wir sind nur Gast auf Erden. Lateinamerikanische Schöpfungsspiritualitäten im Dialog, Dokumentation einer Konferenz zur Schöpfungsspiritualität, Ostfildern 2019 (links: Coverbild von Juan Francisco Guzmán)

Elementar im Kontext von Gastfreundschaft: Flucht und Migration

Seit Jahren stehen im Kontext Gastfreundschaft Flucht und Migration ganz oben. »Flüchtlingskrisen« sind in erster Linie Krisen für Flüchtende und Verfolgte, nicht so sehr für die Gastländer und deren Bürgerinnen und Bürger. Gastfreundschaft und Menschenrechte stehen hier in enger Umarmung nebeneinander. Einen Einstieg in die Frage, wer von den 100 Millionen Flüchtlingen, hauptsächlich Kinder, auf dem Planeten Erde weswegen flüchtet, gibt die Themenseite bei Brot für die Welt.

 

Die Themenseite »Gastfreundschaft«, die unser Kooperationsprojekt »nachhaltig predigen« durch das Kirchenjahr 2023/24 begleitet, wird im Laufe des Kirchenjahrs vertieft und in Zusammenarbeit mit den beteiligten Bistümern und Landeskirchen inhaltlich weiter ausgearbeitet.

Hinweis: Das jährliche Schwerpunktthema bietet zusätzliche Hintergrundinformationen zum Zusammenhang Kirche, Christsein und Nachhaltigkeit«. Die Predigtimpulse im jeweiligen Kirchenjahr sind nicht an das Schwerpunktthema gekoppelt, greifen sie jedoch vereinzelt auf.

Ihre Redaktionsgruppe 21.12.2023
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